Aachener Untergrund Kultur

13. Februar 2010

JÜRGENS MUSIKLADEN – LADEN WIDER ALLE MARKTGESETZE

Filed under: Aachen bizarr, Aachener Schallplattenläden — Allo Pach @ 10:43 am

EINFÜHRUNG

Was haben wir gelacht, was haben wir geweint!
Jürgens Musikladen („Europas größter 2nd Hand Plattenladen?“) verdient wirklich den Titel:
AACHENS (Europas ha ha ha) BIZARRSTER PLATTENLADEN.
Hier schien/scheint es einen marktwirtschaftsfreien Geschäftsraum zu geben, in dem die Preisfindung nichts mit Angebot und Nachfrage oder gar Qualität zu tun hat, sondern einzig mit dem wundersamen Willen des Betreibers (und dem Kapital seines Geldgebers, der diesen betriebwirtschaftlichen Unsinn seit 30 Jahren aus unbekannten Gründen finanziert).
Hier kostete die Boney M. Single (Zustand: EGAL!) auch gerne mal 23,- DM!
„Wie kann so etwas funktionieren?“, fragt sich der Leser/Kunde? Jedes andere Geschäft hätte binnen kürzester Zeit längst pleite gemacht.
Nicht so Jürgens Musikladen, denn er ist wahrlich ein
LADEN WIDER ALLE MARKTGESETZE!
Wie kommt das?

HISTORIE

Um ansatzweise zu verstehen, wie das alles so geschehen konnte, muß die Recherche in den frühen 80ern beginnen, als Jürgen einen Blumenladen in der oberen Jakobstrasse betrieb.
Wahrscheinlich ob der verderblichen Ware Blumen hatte der Besitzer wohl die Idee, das Geschäft ca. 1982 in einen 2nd Hand Schallplattenladen zu verwandeln (Liebe zur Musik kann es sicher nicht gewesen sein, wenn man an die vielen abschätzigen Bemerkungen des Inhabers zum Thema denkt…).
Jedenfalls war eine der ersten „brillianten Ideen“, nun den Kunden Blumen im Tausch(!) gegen ihre 2nd Hand Platten anzubieten (s. Flyer/Poster).

DAS KONZEPT

Einige Zeit ging das wohl so und man konnte im Laden neben Blumen auch Schallplatten kaufen.
Was jetzt noch fehlte war eine Standortverbesserung- und die kam mit dem Umzug in die Schützenstrasse 23, wo auch schon vorher ein Plattenladen (Discoshop) ansässig war.
Ein klarer Marktvorteil!
Nun brauchte man nur noch ein brilliantes Marketing Konzept, um sich von allen anderen schnöden Geschäften der Branche abzuheben. Dazu mußte man nur global denken.
Während andere vielleicht die „Größte Plattenauswahl der Stadt“ anboten, ging Jürgens Musikladen aufs Ganze: „Europas größter Plattenladen?“, mit pfiffigem Fragezeichen, war die glänzende Lösung.
Desweiteren mußte ein Preiskonzept her, das sich gewaschen hat. Dabei machte man sich zunutze, dass man eigentlich gar keine Kunden im Laden haben wollte, denn die waren nur lästig und stellten gar Fragen.
Jürgen machte aus der Not eine Tugend und erfand: Das einzigartige Grundpreis/Jahre System. Leider war es uns Laien über all die Jahre nicht vergönnt, dieses hochgeistige Konstrukt wirklich in all seiner Pracht zu begreifen und wir haben oft Stunden vor den Informationsplakaten verbracht, immer bemüht Jürgen und sein Genie zu verstehen.
Auch sämtliche (lästige) Rückfragen an den Ladenchef haben uns nie wirklich in die Lage versetzt, dieses geniale Machwerk zu begreifen. Aber immerhin hielt es wohl Kauf-Interessenten davon ab, etwas zu erstehen oder gar (urgh) wiederzukommen.
Trotzdem versuche ich hier nach bestem Wissen das Preisgefüge von J.M. zu erläutern:
Zunächst war der Zustand des Vinyls/Covers für die Preisfindung absolut SCHEISSEGAL, ob mint oder nur noch als Frisbee zu gebrauchen, völlig uninteressant, was soll der Zustand einer Ware mit ihrem Preis zu tun haben? Gar nichts!
Klar war Jürgen aber, dass es Singles und Lps gab. Diese mußten (natürlich!) verschiedene Preise haben, die sogenannten Grundpreise: DM 5,- für die Singles und DM 10,- für die LPs (für CDs galt so etwas erstaunlicherweise aber nicht…).
Dann kam es (natürlich!) darauf an, wie alt die Platten waren, je älter desto teurer (logisch!), pro Jahr berechnete man DM 1,-. Natürlich galt das gleichermaßen für Originale wie auch für Nachpressungen, da gab es (selbstverständlich!) keinen Unterschied, wieso auch?!
Also: kaufte man bei Jürgens Musikladen 1996 eine total verkratzte Single, sagen wir: Rivers of Babylon von Boney M. (erschienen: 1978), ergab das folgenden Endpreis: DM 5,- (Grundpreis) plus DM 18,- (18 mal DM 1,-, da die Platte 18 Jahre alt ist) also schlußendlich DM 23,-
Zudem gab es noch ein weiteres „Punkte System“ (farbige Punkte aufgebracht auf den Plattenhüllen), welches das Preisgefüge noch weiter (nach welchen Kriterien noch mal?) komplizierte.
Diesen speziellen Punktekram habe ich leider bis heute nicht verstanden, deshalb kann ich nicht mehr dazu schreiben (ich kenne auch niemand, der das je verstanden hat…).
Solche Spitzenangebote lockten natürlich die Kunden in Scharen, da ja niemand auf die Idee kam, die gleiche Single auf einem x-beliebigen Flohmarkt in sicher besserem Zustand für 10 Pfennig zu erwerben…
Konnte Jürgen zu Beginn noch die wenigen interessanteren Platten des Ladens zu einem hohen Preis an den Mann bringen (und glaubte sich mit seinem System natürlich bestätigt), so sah er sich schon binnen kürzester Zeit nur noch auf einem riesigen Haufen unverkäuflichen hochpreisigen Mülls sitzen- und darauf sitzt er bis heute…
Um dem Kundenandrang weiter zu begegnen und diesen zu drosseln, erfand Jürgen zusätzlich noch eine Art Strafgeld für das Anhören (wieso durfte man das dann überhaupt?) der Tonträger im Geschäft. Ein Geniestreich!
Diese Gebühr betrug 50 Pfennig pro Plattenseite(!), getreu dem Gesamtkonzept war es egal, ob man eine Single, LP (günstiger) oder CD (hat nur eine Seite= besonders günstig) anhören wollte.
Großzügigerweise wurde dem Kunden diese Gebühr aber beim Kauf der Platte vergütet, eine sehr kundenfreundliche Geste (Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft? Lücke im System?)
Gerüchten zufolge hatte diese Gebühr auch etwas mit der Gema zu tun, die gerne auch bei Plattengeschäften ihre Gebühren eintreibt (anders bei Blumengeschäften).

FUTURE IS CALLING

Mit diesem Klassekonzept hat sich das Fachgeschäft bis heute gehalten, nur die Ware in der Auslage ist mit der Zeit etwas vergilbt (Patina für die Japaner, die ja oft „rübergeflogen kommen“, um bei J.M. einzukaufen).
Verbessert hat man aber noch die Kundenabwehr, unter dem Vorwand: „Das Internet ist die Zukunft“ hat man die Besuchszeiten (hihi) weiter drastisch reduziert:

Heutzutage ist der Laden nur noch Mo-Fr von (voraussichtlich) 13h-14h geöffnet und dann auch nur, um im Internet gekaufte Ware abzuholen. Richtig fitte Internet-User (Web 2.0) machen das ja NUR so: Ware im Internet bestellt und flott im Laden abgeholt, so einfach funktioniert die Cyberwelt, dazu muß man natürlich global denken (können).
Alternativ werden die Platten zwischen 13h und 14h zugeschickt (sicher eine ganz besonders interessante Info für den Käufer).
Auch ein toller Service ist die weltweite(!) Verschickung der erstandenen Ware.
Die Webseite ist Tag und Nacht geöffnet (was ja im Internet ja noch recht selten ist). Jürgens Musikladen ist eben immer einen Schritt voraus!

IM REICH DES WIDERSINNIGEN (INTERMEZZO)

Erstaunt war (der hartnäckige, verbliebene) Kunde dann im Jahre 2003, als Jürgens Musikladen plötzlich und unerwartet auf die SCHLECHTE KONJUNKTUR reagierte und die Preise um 30% senkte.
Was war passiert, dass man 20 Jahre nach Geschäfts-Eröffnung nun erstmals auf den MARKT reagierte? Warum? Wieso? Niemand weiß es, aber an diesem Beispiel wird sehr schön ersichtlich, dass das widersprüchlich-obskure Geschäftskonzept (welches ja stets mit gleichbleibendem Starrsinn gegen jegliche Kritik verteidigt wurde) wirklich frei von jeder Logik ist.

MYSTERIUM UND QUALEN (EPILOG)

Am Ende fragt man sich natürlich: „Was soll das alles? Wofür? Warum? Wem bringt das alles was? Das kann doch alles nicht sein, oder?“
Ich habe schon Freunde im/am Laden verzweifeln sehen. Weinend oder rot vor Wut verließen sie das Geschäft.
Ich aber sage euch:
Quält euch nicht länger!
Es gibt diesen Laden damit man sich genau diese Fragen stellt und sich an diesen abarbeitet.
„Liste der Sampler=auch=V.A.“ (Weltformel!)

1 Kommentar »

  1. Die Preisfindung war manchmal gaaaanz einfach! „Von wann ist die Platte? Von 1982? Also 18 Jahra alt, also 18 Mark!“ Da habe ich den Laden schreiend verlassen!!!

    Kommentar von beegee — 27. Oktober 2011 @ 2:14 pm


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