Aachener Untergrund Kultur

3. August 2010

KLENKES BAND WETTBEWERB 1989/90

Filed under: Aachener Bands, Aachener Musikszene — Allo Pach @ 11:13 am

Einen schönen Überblick der Aachener Musikszene zum Ende der 80er Jahre bietet diese Auflistung aller Bands/Musiker, die sich weiland mit Demos etc. beim Klenkes bewarben, um die ausgelobte und heißbegehrte Single-Produktion zu ergattern. Da diesmal die Stadtsparkasse nicht beteiligt war, konnte man einige etwas unkonventionellere Gewinner küren. Die resultierende Single des Gewinners ist aber trotzdem „nicht wirklich so der Renner“.
Ich erinnere mich auch noch an (2?) Konzertabende im Jakobshof, wo die ersten 8 des Wettbewerbs ihre Kunst vorstellen konnten. Hat mich auch nicht wirklich begeistert…
Was ist nochmal aus Cane Clarke geworden…?
(Dank an kilowatt)

4 Kommentare »

  1. Wie es „wirklich“ war (aus der Sicht eines Jurymitglieds):

    Ich wollte es wissen: Wo steht die alte Kaiserstadt zu Beginn der 90er Jahre, musikalisch? Wie wichtig sind die Akteure, welche Musik machen sie und vor allem: wie gut sind sie, international betrachtet?
    Richard war dabei. Wir veröffentlichten im KLENKES einen Aufruf an die Musikszene der Stadt und ihres Umlandes, Tonträger und Biographien zuzusenden. Nach drei Monaten stapelten sich fünf bis sechs Dutzend Tapes auf dem Fußboden, die es durchzuhören und zu analysieren galt. Eine Jury sollte es geben, einen Sieger und einige Gewinner von Plattenaufnahmen und Auftrittsmöglichkeiten. Hierzu hatte Richard Kontakt zur Stadt, dem Rockbüro des Landes, einem Tonstudio und einem Presswerk geknüpft.

    Der Jury gehörten neben Richard, Z'Kay und mir drei Vertreter der Sponsoren an. An zwei Abenden trafen wir uns im Tonstudio, um die Wertungen vorzunehmen. Vor uns lag das musikalische Abbild der Printen-, Pfaffen- und Uni-Stadt: Trompetenchorps, Salon-Musik, Cover-Bands, Dixieland-Jazz, New Jazz, Elektronik-Pop, Elektronik-Avantgarde, Deutsch-Rock, Hard-Rock, Fun-Punk, Alk-Punk, Polit-Punk, Indie-Pop, Gitarren-Psychedelia, Psychobilly usw.

    Die Jury einigte sich darauf, Originalität und Innovationsfreude zu bewerten. Dass persönliche Vorlieben da nicht außen vor bleiben konnten, war klar. Warum auch. Repräsentierte nicht der Klenkes den Trend?

    Am Ende hatten wir glühende Ohren und einen Gewinner: Papst Pest, der ein explizites und inspiriertes Elektrowerk abgeliefert hatte, das ihn als Derrwisch! Henker! Berserker! bzw. Aachens Jim Foetus herausstellte. Auf den Plätzen: THE PILGRIMS, REPTILE, DER TUSS, THE AFTERSHOCKS, HIRSCHE NICHT AUF SOFA, TWO BONES, VIOLA KRAMER, CANE CLARK, ART DE FUCKED.

    Fortsetzung folgt.

    Kommentar von kilowatt — 18. August 2010 @ 12:50 pm

  2. Fortsetzung.

    Richard richtete am 12. und 13.02.1990 mit seinen Konnekschens zwei Konzertabende aus, die erfreulich gut besucht waren. Gab es also doch aufmerksame LeserInnen!

    „Dilettanten vor!“ dachte sich die Jury in einem Anfall kindlichen Übermuts und bestimmte für den 4. Platz die originellsten Vertreter. Das Konzept von DER TUS: Schäumende Stimmungshits, Funpunk in Volxliedtradtion zwischen den Egerländern und den Suurbiers, Heinz Erhard, Roy Black, den Ärzten und den Goldenen Zitronen. DER TUS scheiterte leider bei seinem Auftritt im Jakobshof an der Umsetzung allermutigster, witzigster Ideen. Einigen wir uns auf „technische Gründe“ Aber: Die Pogues-Cover-Version und „Wenn ich einmal traurig bin, trink’ ich einen Korn“ waren gut!

    DIRK SCHULTE ließ sich als Dieter Bohlen Aachens vorstellen. Zumindest das Konzept, Gesang & Gitarre zu Synthesizer dominiertem Playback erinnerte an Modern Talking. Man wandte sich geflissentlich ab. Mussten die jetzt noch eine Zugabe spielen?

    Warten auf VIOLA KRAMER und REGINA PASTUZIK. Sie drängten das Publikum in ein bizarr dröhnendes, schreiendes Sound-Environment. Zwischen rauhen, ungeschliffenen, vornehmlich Saxophon-Extrema, minimalistischer Electronika und alptraumesken Dias war jeder für seine eigenen Assoziationen zuständig. Visionäre Musik. Wer sich hingab, soll ein wucherndes Unbehagen der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit gespürt haben. Nach der Performance, in der Backstage, schickte ich Sätze in Richtung der Akteurinnen, bewusst Einstellungs- und Geschmacksgrenzen überschreitend. Aber die beiden verharrten noch lange in einem unansprechbaren Zustand.

    Erlösung brachte Papst Pest. Er gab sich als das Enfant terrible, als selbstherrlicher König des Undergrounds, der er ist. Er zog alle Register des Showbiz: Unpünktliches Erscheinen, Publikumsbeschimpfungen und –huldigungen zwischen Sid Vicious und Frank Sinatra, wüste Verhohnepiepelungs- und Hasstiraden. Sein Set hatte mit dem eingereichten Siegertape überhaupt nichts gemeinsam. Ein treibendes, solides Schlagzeug, ein Billigsampler und eine dilettantisch eingesetzte E-Geige reichten, um das Publikum zu extremsten Kommentaren hinzureißen: „Du bist nicht schlecht genug!“, „Iss Deine Scheiße, GG Pest!“ Skeptiker sahen weiße Kittel. Der ausgeschleuderte Mageninhalt am Ende war echt.

    Fortsetzung folgt.

    Kommentar von kilowatt — 18. August 2010 @ 12:54 pm

  3. Den zweiten Abend im Metropol stimmten TWO BONES mit einem Bass-Percussions-Opener an. Danach das gesamte schillernde Register wundervoller Indie-Popsongs. In jedem Stück steckten Qualitäten wie in „Where is my Mind“ oder „Boy Scout“. „Talk to me“, das folkoreartige „Gerladine“ oder das 3/4 taktige „Milligede“ hatten die Qualitäten von Ohrwürmern, die sich langsam in Hirn & Herz saugen, festbeißen und nachhaltig wohltuend zu wirken beginnen. „Now“ startete mit dem Klang einer schnurrenden, erzählenden Gitarre, Renés Stimme zog sich hoch, umrankt von Katjas, die schließlich hervorbrach, die Situation an sich riss. Mit welcher Sorgfalt hier einzelne Silben betont wurden! Es gab viele Fill-Ins, Wirbel, Herüberzieher, Trennungseffekte, Zwischenteilchen und Überleitungen. Und alles leicht beschwingt. Perfekte Songs eben. Noch gigantischer kam „Triology“, wenn Katjas Flehen, Renés Verständnis, Bass-Spaziergänge und Schlagzeug ineinander greifen, schließlich von überquellenden Orgel- und Gitarrenverzerrungen zu einem ergreifenden Höhepunkt geführt wurden.

    Die Jury hatte sie nur auf Platz 7 gestellt, aber das Publikum nahm sie herzlich bis überschwenglich auf. Stars waren geboren.

    (Update: Die Schlagzeugerin war Saskia von Klitzing – sie spielt heute bei den Fehlfarben!)

    Danach brachte Aachens Sub-Pop-Vertretung THE REPTILE einen energiegeladenen, vor Selbstbewusstsein strotzenden Gig: „Wir sind The Reptile, aber in Wirklichkeit sind wir Gott“. Wenn plötzlich im Raum Musik explodiert und eine atemberaubende Dynamik nachhaltig zuschlägt und die PA einem Leistungstest unterzogen wird. Ihr Grunge-Rock bestand aus unauflösbar miteinander verschweißten 6Ts-, Trash-, Crossover-, Rock’n Roll- und Metal-Elementen. Schön integriert: Coverversionen von Syd Barrett’s Pink Floyd („Arnold Lane“) und Neil Young („Like a Hurricane“).

    Aber dann! Mit „Humpty Dumpty“ und anderen Stimmungsknallern verzückten die Psychobillys THE PILGRIMS. It’s Party-Time! Ein ungebändigter, ausgelassener Pogo in den ersten Reihen kürte die „Szenestars“ zu den wahren Siegern des Wettbewerbs. Insbesondere Obermutant und Sänger Kurt hatte das gewisse Etwas für einen volxnahen Entertainer. Und he! Den jungen Mann am Bass – den kenn’ ich doch!? Alter Schwede! Das war ja der TITO! Da hielt auch mich nichts mehr: Hinein ins Gewühl, hinein ins Vergnügen!

    Schlussendlich: Zugaben, die THE PILGRIMS und THE REPTILE gemeinsam durch die Boxen fegten. „Bodenständigen Punkrock? Bitte sehr, können wir auch!“ Und „Holidays in Cambodia“ und die Headbang-Hymne „Motörhead“ sahen eine Drei-Gitarrenfront auf der Bühne. Sie hätten die ganze Nacht durchspielen können.

    Kommentar von kilowatt — 18. August 2010 @ 1:04 pm

  4. „Was ist nochmal aus Cane Clarke geworden…?“ Gute Frage. Offenbar ist er da nicht aufgetreten. Kann sich nur dunkel daran erinnern überhaupt teilgenommen zu haben. Schreibt immer noch an dem einen, perfekten Song, so weit ich weiss.

    Kommentar von eco — 23. Oktober 2010 @ 8:54 am


RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: