Aachener Untergrund Kultur

24. Dezember 2013

Von John Cage via UKW und Bierfront zum „Aachen Musicircus“

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Aachener Untergrund, Avantgarde in Aachen, ernste Musik, Fanzine, Fluxus, Kunst & so — Dieter Antonio Schinzel @ 7:38 pm
Aachener Inszenierung der "Europeras", 2006

Aachener Inszenierung der „Europeras“, 2006

Fund im Netz, auf den Webseiten der Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne: Ludger Engels, Regisseur am Theater Aachen, schreibt über seine Adaption von John Cages Europeras anno 2006; einer Oper, die den Musik- und Requisitenfundus diverser Opernklassiker nach dem Zufallsprinzip collagiert Dass Cage, Fluxus, Intermedia- und Performancekunst nach einem halben Jahrhundert (mit Anfängen auch in Aachen) im deutschen Stadttheater angekommen sind und dort noch für Kopfzerbrechen über die klassische Dreisparteneinteilung sorgen, finden wir übrigens nicht sonderlich interessant. Relevanter für dieses Blog ist Engels‘ kleine Verbeugung an den Aachener 80er Jahre-Untergrund einschließlich Bierfront und UKW bei einer zweiten Intermedia-Produktion, für die auch Wolfgang Müller angeheuert wurde.

(Die vom Musikwissenschaftler Volker Straebel für Aachen bearbeitete Cage-Partitur kann man übrigens hier studieren. Und hier eine Kritik der damaligen Aufführung lesen.)


Die heilige Dreispartigkeit

Der Aachener Chefregisseur Ludger Engels über sein Ganzheitsverständnis des Mehrspartentheaters

„Much of the best work being produced today seems to fall between media. This is no accident.“

Mit diesen Sätzen eröffnet 1965 Dick Higgins seinen berühmten Aufsatz „Intermedia“. Ich bin verwundert, dass wir fast 50 Jahre später immer noch die gleichen Diskussionen darüber führen, was zwischen den Sparten stattfinden darf und was nicht. Eigentlich sollten wir uns inzwischen doch selbstverständlich auch zwischen den Sparten bewegen können. Es ist aber immer noch so, das zu viele Theater ihre Energie darauf verwenden, Spartengrenzen zu verteidigen. Dabei ist das sogenannte spartenübergreifende Arbeiten an einem Stadttheater mit Musiktheater und Schauspiel keineswegs ein „Unfall“. Das durfte ich in den vergangenen sechs Jahren als Regisseur und Mitglied der Theaterleitung in Aachen erleben und mitgestalten.

Ein Beispiel aus der ersten Spielzeit 2005/2006, in der die Musiker des Orchesters über die Foyers und den Zuschauerraum bis in den Ballettsaal und die Künstlerduschen auf 48 Positionen im ganzen Theater verteilt waren: Sie spielten einzelne, oft nicht zuzuordnende Takte aus dem gesamten Opernrepertoire der Spielzeit und ließen eine bisweilen chaotisch anmutende Klangfläche entstehen. Dazwischen Sängerinnen und Sänger mit Arien, Techniker transportierten Bühnenelemente von einer Position zur nächsten, und Requisiteure legten neben dem Liszt spielenden Pianisten auf Grammophonen Schelllackplatten mit Opernaufnahmen auf. Alles und alle reagierte auf die Uhr, nach der die von Volker Straebel für Aachen eingerichtete Partitur nach Cage‘schem Prinzip ablief. Neben den Musikern und Sängern hatte jedes Kostümteil, jedes Bühnenelement und jede Lichtstimmung seine eigene Stimme für Einsätze und Positionen in der Partitur.

Das war die Aufführung von „Aachen Musicircus“ nach John Cages „Europeras 1-4“. Die Musiker verließen während der laufenden Vorstellung den Orchestergraben durch den Zuschauerraum, um ihre Positionen im gesamten Haus einzunehmen und dort weiterzuspielen. Das gleiche passierte auf der Bühne: Sänger und Techniker mit Bühnenbildelementen verließen nach und nach durch den Zuschauerraum den Theatersaal, so dass nach 40 Minuten der Graben und die Bühne bis auf eine Violinistin und eine Sopranistin leer waren und alle Saaltüren offen standen. Das Publikum konnte von nun an seinen Weg durch die entstandene Klanginstallation selbst bestimmen. Jeder Einzelne konnte für sich entscheiden, was er hören und was er sehen wollten. Der entscheidende Unterschied zum klassischen Opernabend war, dass es nicht um Interpretation ging, sondern um das Ermöglichen von Interpretation. Die Zuschauer waren es, die den Abend zu einem Ganzen formten, das Theater stellte dafür „nur“ die Bestandteile bereit. Jeder Abend verlief anders und sah anders aus.

Vernetzung in und um das Theater

Bei der Vorbereitung auf die Arbeit als Chefregisseur am Theater Aachen haben mich viele Überlegungen begleitet. Zwei Fragen traten aber immer wieder auf: Ist die Struktur des Mehrspartentheaters noch aktuell? Und wo sind die Schnittstellen und Berührungspunkte zwischen den Sparten und zu anderen Künsten? Hinzu kam die Frage nach der Vernetzung. Wie weit kann sich ein Theater in einer Stadt mit anderen Kultureinrichtungen vernetzen, und wie können gemeinsame Projekte entwickelt und aufgeführt oder ausgestellt werden? Für den Start in Aachen entschieden Michael Schmitz-Aufterbeck (Intendant), Ann-Marie Arioli (Chefdramaturgin) und ich uns gegen eine Spartenleitung in Oper und Schauspiel und – mit Marcus Bosch (Generalmusikdirektor) – für eine gemeinsame künstlerische Leitung. Diese Struktur hat Kompetenzstreitigkeiten nicht verhindert, aus meiner Sicht aber bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeitern des Hauses befördert, Theater als Zusammenwirken vieler Elemente und damit als Ganzes zu verstehen.

Mit seinen „Europeras“ zerlegt John Cage die Oper in ihre einzelnen Bestandteile und macht jedes einzelne von ihnen sichtbar und hörbar. Er verweist auf bestehende Regeln, indem er sie aber bewusst ignoriert, stellt er grundsätzliche Fragen an die Oper: Was ist Oper? Was bedeutet sie für uns heute noch? Ich habe dies zum Anlass genommen, die Frage weiter zu formulieren: Wie dehnbar ist der Begriff Oper/Musiktheater? Wo sind Berührungspunkte und Grenzüberschneidungen zu anderen Sparten? Genau an dem Punkt traten die Schwierigkeiten in der täglichen Arbeit auf. In der ersten Probe von „Europeras“ mit Orchester standen sofort einige Musiker und Musikerinnen auf, um mit großer Heftigkeit zu monieren, das Projekt sei doch Unsinn. Andere Musiker schlossen sich an. Nach einem langen Vortrag über John Cage, dem Apell an die Vielseitigkeit des Orchesters und die Möglichkeit, mit solchen Projekten neue Zuschauer anzusprechen, konnte die Probe starten. Jedem einzelnen Musiker wurde Cage und das Zufallsprinzip, seine Orchesterstimme und seine Wege zu den jeweiligen Positionen durch das Haus erklärt. Es entstand die neue und ungewohnte Situation, dass es keinen Dirigenten gab, sondern eine Uhr. In mehreren Gesprächen mit dem Orchestervorstand und mit GMD, Kapellmeistern und Repetitoren wurde dies erklärt und besprochen. Was wir nicht bedacht haben, war die Tatsache, dass für die Musiker in dem Moment, in dem sie aus ihrem gewohnten Graben herausgehen und einzeln mitten unter dem Publikum spielen, die Anonymität des Grabens und damit die ihres Kollektivs aufgehoben wurde. Nicht nur die Musiker, auch die Sänger, die ihre Arien „nur singen“ und nicht emotional darstellen durften, und die Techniker, die nach Partitur das streng formale Auf- und Abbauen von Bühnenelementen proben mussten, wurden zu „Performern“. Ich musste meine Rolle als Regisseur neu überdenken, denn es ging nicht um Interpretation, sondern um die Koordination von Ereignissen, die nicht inszeniert wirken sollten.

Herausforderung Grenzüberschreitung

Für mich war diese Arbeit eine Initialzündung. Zuschauer und Künstler trafen sich auf Augenhöhe, alle waren Gestalter des Abends. Das war die Demokratisierung des Publikums und der Sparten. Der Mensch stand im Zentrum. Es war aber auch klar, dass in dieser Form der Arbeit Zündstoff liegt. Lässt das Theater die gewohnte Zuordnung in Sparten hinter sich und begibt es sich in neue Zusammenhänge, funktionieren die erlernten und lang praktizierten Rollen, Muster, Formen und die damit gewonnenen Erfahrungen nicht mehr. Für einen Teil des Hauses ergaben sich neue Erfahrungen, andere dagegen lehnten das Experiment völlig ab. Dennoch stellte sich allmählich eine neue Selbstverständlichkeit bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeiter des Hauses ein, das Theater als Ganzes zu verstehen. Die Besucherzahlen und die Tatsache, neben unseren Abonnenten ein neues Publikum im Haus zu haben sowie die Reaktionen der Presse machten Mut, diese Arbeit weiterzuentwickeln.

Der Cage-Abend war aus einer Theatersparte heraus gedacht und hat über den Installationsgedanken die Oper geöffnet. Diesen Gedanken haben wir 2008 in dem von Volker Straebel und mir entwickelten Abend „Terror. Revolte. Glück.“ weiter verfolgt. Grundlage waren Camus` Texte „Der glückliche Tod“, „Der Mensch in der Revolte“, Tagebücher und dokumentarisches Material. „Die Idee der Installation lässt sich historisch zurückführen erstens auf einen erweiterten Begriff von Skulptur, in dem diese raumgreifend und begehbar wurde, und zweitens auf jene gestalteten Räume (‚environments‘), in denen die Vertreter des Happenings in den 1950er und 60er Jahren ihre Performances ansiedelten. Der erste Ansatz bestimmt inzwischen die Kunstwelt. Der zweite scheint fast in Vergessenheit geraten und uns schien eine Möglichkeit, ihn im Kontext von Musik und Theater zu rehabilitieren“ (V. Straebel im Programmheft).

Genau hier setzten wir mit unserem Konzept an. Der Zuschauer sollte nicht Zeuge eines Geschehens sein, sondern er sollte selber Akteur und gleichzeitig Rezipient physischer und sozialer Situationen werden. Nur so konnten unserer Ansicht nach die existentiellen Fragen nach Einsamkeit, Verantwortung und Tod von ihrer abstrakten Ebene zur unmittelbaren Erfahrung des Besuchers werden.

Wir entwickelten eine Musik-Theater-Installation für sieben Schauspieler-Innen und sieben SängerInnen, den Opernchor und das Orchester, schufen vier große Module, die jeweils eine Grunderfahrung Camus‘ beinhalteten. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Ric Schachtebeck entwarfen wir dazu Rauminstallationen, welche die Zuschauer vor (Bild aus fließendem Wasser) oder in Situationen stellte (ein großer Käfig, in den die Zuschauer unvorhersehbar geführt wurden), und platzierten diese Module an verschiedene Spielstätten im Haus. In vier Gruppen eingeteilt wurden die Zuschauer parallel durch die einzelnen Stationen geführt. Für die Wege zwischen den Stationen gewann ich den Videokünstler Aernout Mik mit einer Videoinstallation und Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris mit Videoarbeiten. Begleitende Ausstellungen der beiden Künstler fanden im Neuen Aachener Kunstverein und dem Ludwig Forum für Internationale Kunst statt.

Aus der Sicht der Theaterleitung war „Terror. Revolte. Glück.“ ein Erfolg. Es funktionierte hervorragend, den Abend in beiden Sparten dem Publikum und den Abonnenten als Premiere am 6. Dezember 2008 anzubieten. Durch die Vernetzung mit den Museen und die Anbindung an Stadtgeschichte – der legendäre Punk Club UKW und die Punkzeitung Bierfront in Aachen standen Pate für Formen der Revolte – kamen Besucher zu den Aufführungen, die wir bisher nicht im Theater gesehen hatten.

Widerstände außerhalb des Theaters

Wir mussten aber erfahren, dass sich nicht nur das Theater mit der Öffnung der Spartengrenzen schwer tut, sondern auch die Medien. Einige schickten keinen Rezensenten. Begründung: Auf der Einladung stand nicht eindeutig Oper, Schauspiel oder Tanz – und für diese „Zwischendinger“ hätten sie keine Mitarbeiter. Kunstzeitungen lehnten es ab, Veranstaltungshinweise in ihren Kalender aufzunehmen. Hier die Begründung: Das sei ja Theater.

Als Regisseur war ich wieder einmal überrascht, wie in der Probenarbeit jeder an seiner Sparte festhält. Schauspieler tun sich schwer, Texte auf Zeichen des Dirigenten zu sprechen, Sänger gleichzeitig zum Text des Schauspielers zu singen, Musiker verteilt im Zuschauerraum zu spielen, und Dirigenten, den Zeiger einer Uhr gestisch nachzubilden, auch wenn die Partitur dies fordert. Ich verstehe, dass viele Künstler nicht die Erfahrung machen konnten, mit und in anderen Künsten zu arbeiten. Mir fällt es aber immer schwerer zu akzeptieren, dass es Künstler und besonders Theatermacher an einem Mehrspartenhaus ablehnen, diese Herausforderung anzunehmen.

Gründe dafür sehe ich unter anderem in der Ausbildung. Die Hochschulen arbeiten nach wie vor auf der Basis der klassischen Trennung von Sparten. Als Hochschullehrer führe ich mit Studenten immer wieder Diskussionen über Notwendigkeiten wie: Warum einen Text zu einem Lied lesen? Oder darf man zwei verschiedene Texte oder Musikstücke aneinander hängen? Die erste Frage ist immer: Gibt es einen Grund, eröffnet es eine neue Sicht? Bei den Studenten gibt es häufig einen Aha-Effekt, sobald sie aus solchen Experimenten neue Erfahrungen über eine Musik oder einen Text mitnehmen können. Erschreckend dagegen ist die Ignoranz von Lehrenden gegenüber anderen künstlerischen Ausdrucksformen als denen des eigenen Fachs. Einen interessanten Ansatz verfolgt die Toneelacademie in Maastricht, die gerade den Masterstudiengang „interdisciplinary arts“ („i-arts“) eingerichtet hat. Und daneben richtet sich der Studiengang „theatrical performer“ an Studenten, die sich nicht in dem klassischen Format des Regie- oder Schauspielfachs sehen. Meiner Ansicht nach müssten die Hochschulen die Studiengänge durchlässiger gestalten und den Zeitgeist, das Lebensgefühl einer Generation widerspiegeln, die nicht mit den Klassikern groß geworden ist. Der veränderte Zugang zu Musik, Sprache und Bewegung und die damit veränderten Ausdrucksformen müssten in das Studium der klassischen Fächer stärker einbezogen werden. Das ist bisher die Ausnahme. Eine enge Zusammenarbeit von Kunst, Musik- und Schauspielakademien und Hochschulen sollte angestrebt werden.

Ich versuche, bekannte Stücke, Themen, Texte und Musik thematisch in neue Zusammenhänge zu stellen. Die Mittel sind unter anderem die Gegenüberstellung und Verschmelzung oder die Kontrastierung von Sprache und Musik, Bewegung und bildender Kunst. So versuche ich, die Aufmerksamkeit auf den Kern eines Themas oder Werkes zu lenken, und Bekanntes in einen neuen Rahmen zu stellen. In den Arbeiten mit anderen Künstlern habe ich erfahren, dass es dabei nie um einen Verlust von Profession oder Eigenständigkeit des Künstlers geht, sondern immer um einen Zugewinn und eine Chance für neue Erkenntnis.

Das Projekthafte und Spartenübergreifende ist längt nicht mehr das Primat der freien Szene. In vielen Städten gehört es zum Alltag des Theaters, dass Laien in Clubs Theater machen und Stadtteilprojekte mit Jugendlichen stattfinden. In Aachen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass gemeinsame Premieren in Oper und Schauspiel auf dem Spielplan stehen. Demnächst hat nach „Fairy Queen“ und „Der eingebildete Kranke“ das Barockprojekt „King Arthur“ für Schauspieler und Sänger Premiere. In den vergangenen Jahren haben regelmäßig Künstler wie Gintersdorfer/Klaßen und Hans-Werner Kroesinger hier gearbeitet. Sänger, Schauspieler und Orchestermusiker treffen sich zu Impro-Abenden und entwickeln 24-Stunden-Performances. In Kooperation mit der Toneelacademie in Maastricht, dem niederländischen Festival Cultura Nova, der freien Bühne Theater K und Theater Aachen ist eine kleine Plattform entstanden, auf der sich jeweils zu Spielzeitbeginn in einer langen Nacht „performing arts“ mit „performance art“ verbindet.

Theater für eine vernetzte Welt

Das ist so, weil wir Theatermacher neben der Pflege des Repertoires Verantwortung als Impulsgeber für neue Formen des Theaters übernehmen müssen. Die Ressourcen sind da, und den Raum und die Mittel sollten wir zur Verfügung stellen. Notwendig auch deshalb, weil ich im Theater die Möglichkeit sehe, die Positionierung des Einzelnen innerhalb und gegenüber einer total vernetzten und völlig globalisierten Welt zu thematisieren. Deshalb kann sich ein Theater der Zukunft nicht mehr in den engen Grenzen überkommener Spartenbegriffe bewegen. Es soll und muss alle Formen der darstellenden und bildenden Kunst sowie der Musik in sich aufsaugen, sie aufeinanderprallen lassen und in Beziehung zueinander setzen. Der Standort des Theaters ist der Punkt, an dem globale wie lokale Einflüsse aufeinander treffen, es ist ein Ort für Austausch, Diskussion und Entwicklung neuer Stoffe, Stücke und Ästhetiken. Also sollte das Theater Visionen und Utopien, Modelle und Strategien für ein Leben in der Zukunft aufzeigen, Gegenwärtiges und Vergangenes reflektieren. Das Theater als soziale Skulptur im Zentrum der Stadt.

2. September 2014

Zeittotschläger

Filed under: Aachen in den 80ern, Aachener Umland — karl pach @ 1:35 pm

Klaus Wittmann, Untergrund Urgestein und Zuträger dieses Blogs hat ein Buch geschrieben. Die Thematik passt prima hierher, daher darf auch die Beschreibung und Kaufempfehlung durch den Autor folgen:

klaus

Zeittotschläger
Teenage, Punk, Postpunk, New Wave
und die Gleichzeitigkeit des realen Lebens.
Ausgangspunkt: Raum Aachen
Trickbeat, Sozialmafia, Play for Roses, Parkhaushänker, Hervé & kilowatt, Moriticians, Seltsame Zustände, Turquoise Casket, Bierfront, P 5, Hauptquartier usw.
Ein kenntnisreicher Roman, bei dem Wahrheit und Dichtung Hand in Hand gehen.
. Buch-Neuerscheinung
. Titel: Zeittotschläger
. Autor. Klaus Wittmann
. Format: pdf-Datei, ca. 2,2 MB (ca. 300 Druckseiten).
. Preis: 16,90 Euro
. Bezug: zeittotschlaeger@freenet.de
. Exposé / Klappentext.
Wie sieht ein Leben aus, wenn es auf den Popkosmos reduziert wird?
Morrissey: „Ich glaube, Musik kontrolliert ganz massiv das Leben der meisten Menschen. Jeder hat doch eine Platte, die ihn ernsthaft sein ganzes Leben überprüfen lässt. Als ich jünger war, hat mich Musik komplett geprägt. Und in England ist es ganz bestimmt so, gerade in den kleineren Provinzstädten. Die Leute haben dort nichts außer der Musik, das ist ihr ganzes Leben.“
„Wir waren Zeittotschläger, wegen Camp Sophisto und Annette, und die Freiheit war die Freiheit, die Nächte um die Ohren zu schlagen. Wir waren glücklich. Aber es reichte nicht immer.“
Zeittotschläger – aus den Kriegstagesbüchern.
Es geht um Popmusik, wie sie Leben beeinflusst und manchmal, wie sich Musik und Leben gegenseitig bedingen. Von 1978 über 2005 in die Zukunft, von den Bay City Rollers zu Spearmint, von Queen zu Pulp, von Birth Control zu den Melvins, von den Slits zu Erase Errata. Ein kenntnisreicher Bericht über Punk und die Folgen. Und über die Suche nach dem perfekten Popsong, die schließlich ganz unerwartet in einer kleinen miesen Spelunke mit Erfolg bedacht wurde.
Gleichzeitig geht es um erwachsen werden und erwachsen sein in der Popkultur. Um die Widersprüche zwischen dem Dasein im Bürgerlichen und im Underground. Über Freundschaften, meistens oberflächlichen, vorübergehenden, aber auch längeren und lebenslänglichen und wieder über Musik, die funktioniert, weil sie Freundschaften definiert und schließt. Nebenbei wird die These bestätigt, dass Jungs auf Konzerten
keine Mädchen kennenlernen. Widersprüche und offene Stellen werden nicht ausgeschlossen. Wie im wahren Leben
Und so erfahren wir, warum „Monarchie und Alltag“ und „Heaven up Here“ die besten Pop-LPs aller Zeiten sind, warum ein Punk für den Staat freiwillig arbeiten kann, dass John Peel der einzige der Welt war, und warum Popmusik glücklich macht, zumindest grundsätzlich. Zumindest Kai Wiedemann, neben der Pop-Musik die Hauptperson dieses Buches.
. Auszug.
1985
kam die Zeit, in der die Wochentage zu Wochenenden wurden und das Leben voranpfeilte. Die Nächte in den Clubs, frühmorgens um drei im Rauchschweiß alles klar sehen, alles durchschauen im Schwarz Violett Weiß des lautlos zeitlos fließenden Lichtlichts, dass es still war, das Medium Musik den Raum und das Dasein halluzinativ erweiterte. There is no Shuffle.
1985 handelte nur von Klarheit. Die Klarheit zu wissen, was man nicht braucht: kruschpelndes Menscheln, siehe Öko, siehe Gesprächskreise, vergleiche Gitarre am Lagerfeuer. Was ich von der Uni zu halten hatte, wusste ich auch schon: Während der 13 Semester war ich nur auf ziemlich genau ein bis zwei Unifeten, eine davon die Erstsemesterfete im Oktober 1984. Da stand der junge Student auf dem Balkon des Ché-Hauses, die Krawatte flatterte kühn im Wind und der Altsemesterbart, der ihn ansprach, verstand überhaupt nichts, als er fragte, ob er sich nicht einer kleinen Gruppe anschließen wollte, man habe gerade so viel Spaß im dialektischen Infinitiv. There is no rest for the wicked one. Der Feind ist nicht das falsche Deutsch, sondern das falsche Denken. Ich verließ den Ort, hinter mir alles kaputtverlassend, wegfliehen vor dem Vorhersehbaren & Vergänglichen, der Deutsch- und Dummheit. Folglich sah mich die Uni nur zu Pflichtveranstaltungen, Diskutieren war mir zuwider, ich wollte einfach machen. Städte planen übrigens. Create the room in which you do it.
Außerdem war mein Spieltrieb doch ausgeprägter als mein Hang zum alltäglichen Masochismus, die Einsamkeit musste endgültig sein, ebenso wie die Ewigkeit, das Bier. Hin zu weißen Blättern, zu Gedankenmanuskripten, um 4 Uhr morgens hirnmasturbierend in einer Präzisierungslawinenwut runtergestanzt und bereits nach ermattendem Schlaf einschließlich tuffsteinernem Knurpsen im Schädel in der Morgendämmerung nur noch unverständlich. Tough town / cruel touch: Sonic Youth, geboren aus Glenn Branca’s Gitarrenmanifisten, gaben den kommenden Jahren eine Melodie, also einen Halt.
So wurde ich zu einem Gänger der Nachtstädte, wo sich Menschenskinder trafen, die noch nicht zu sich selbst gefunden hatten, dies aber nicht wussten. Die anders sein wollten, aber auf die Gelegenheit warteten, auszusteigen oder die dies niemals wollten oder niemals konnten.
Sie waren einsam. Aber die Musik war Laibach Neubauten Nick Cave Birthday Party Pogues Jesus and Mary Chain Front 242 Neon Judgement Sonic Youth und wieder neu The Cure, die damals gerade so wirres überdrehtes Hitzeugs hatten und den ’87-Durchbruch einleiteten. Und ganz viel Bone Orchard, am besten drei Mal täglich. Leben ohne Musik? Barbarei, Kälte, Tod. Die Musik, wie wunderbar! Die Tänze, wild+würdig, hochgeschossen und seelenbrennend leidend, die Gespräche im Bier vom Ausdruck leer+gut wie eine sinnentleerte mathematische Formel, allen Argumentationen gegenüber erhaben. Den Beweis trat niemand an. Kam jemand
hinzu, brachen die Gespräche ab, entwickelten sich neu. Wer sich nicht begeistern konnte für Fleshtones Cramps Alemannia Degraa Mädchen Pop, war dümmer, als er tat. Das kleinkleine irdische Dasein wurde vergessen gemacht, das Mittelmaß überschritten. Sie lasen die Prawda. Sich jederzeit der letzten 4000 Jahre Menschheitsgeschichte bewusst sein! Jede Nacht, jede neue tolle Platte brachte sie weiter. Die bunten Variationen der PostPunkära.
/ Und niemals schlafen / alles lügen / staubiges Vergnügen / Telefon! Zieh! /
Vormittags war der Schlaf so Kein Schlaf, aber ein eigentliches Umspültwerden von Knochen + trockenem Sekt, der die Chemie aus den Nervenporen drückte. Alles durchzogen vom Haargel der Nacht zuvor.
Wir gingen ins P 5. Ins Aachener „Batcave“ brachen die bunten Variationen der neuen Ära auf und fanden Heimat: Blitz-Kids, Prolls, bleichgesichtige Napalmblondinen, Bohemians, Njupunx, Schwarzkittel und all die anderen, die noch nicht wussten, dass es sie morgen nicht mehr geben würde. Wir gingen jeden Freitag, jeden Samstag und manchmal zwischendurch – nach 23 Uhr, denn vorher war „nichts los“, bis 2 Uhr, bis 3 Uhr, bis 4 Uhr. Von außen war der Laden völlig unscheinbar, nur eine schwarze Tür mit einem verspiegelten Rundfenster zwischen innerstädtischen Schaufenstern der 1b-Lage, einem Juwelier und einem Modegeschäft. Kein Schriftzug. Nur die Hausnummer: „5“. Peterstraße 5. Nichts ist ohne Geheimnis. Hinter der Tür bewachte meistens Noppi einen nachtblauen, langen, schmalen und niedrigen Gang, der eine rechtswindende Treppe in den Keller hinunterführte. Fluchtweg Fehlanzeige – im Brandfall wäre jeder einzelne Silberfisch erstickt. Links eine „Garderobe“, dahinter ein Raum in Form eines Boomerangs: Rechts der Tresen und die Toiletten, links die Tanzfläche, dazwischen die Turntables. Größe: Vielleicht 100 m²? Die Wände waren nicht verspiegelt, teilweise schwarz. Das Bier kam merkwürdiger Weise aus dem Elsass. In Aachen war es nur hier erhältlich, unterstrich das Ungepasste und wurde aus Flaschen getrunken. Wir standen und tranken ohne Trinkzwang die Biere in den Bauch. Wir schwiegen viel und schauten den anderen zu, wie sie uns zuschauten. Wenn wir tanzten, dann zeigten wir das eigene Leiden am Zustand der Welt und des Ichs. Wenn wir redeten, dann laut und mit großen Gesten, über Platten, Bands, Konzerte und Mädchen. Wir waren Zeittotschläger, wegen Camp Sophisto und Annette, und die Freiheit war die Freiheit, die Nächte um die Ohren zu schlagen. Wir waren glücklich. Aber es reichte nicht immer.
. Unter anderem spielen mit:
Eschweiler (aka Indestadt), Aachen, Übach-Palenberg, Köln, Bochum, Hanau, Hamburg, Echo and the Bunnymen, Fehlfarben, Sonic Youth, Blumfeld, Birthday Party, Coil, Big Black, Smiths, The Fall, Spearmint, Art Brut, Erase Errata, DAF, SPK, Melvins, Altered Images, Abwärts, And also the Trees, Foyer des Arts, Malaria, Gang of 4, Yo la Tengo, Associates, Nick Cave & the Bad Seeds, Cocteau Twins, Mighty Lemon Drops, Godfathers, Lydia Lunch, Ideal, My Bloody Valentine, I ludricous, Throw that Beat in the Garbagecan, Sugarcubes, Nirvana, Die Toten Hosen, Heaven 17, Au Pairs, Jesus and Mary Chain, Walkabouts, Joy Divsion, Nichts, Something to Burn, Specials, Strokes, Cabaret Voltaire, Marc Almond, Family 5, Die Goldenen Zitronen, Max Goldt, Laibach, Neon Judgement, Morticians, John Peel, Cassettentäter, Hervé & kilowatt (aka Die Klobürstenköppe), Die Parkhaushänker, Seltsame Zustände, Trickbeat (aka Kickbeat), Play for Roses, Egotrip, Sozialmafia, Turquoise Casket, Graf Haufen, Bierfront, Purer Spaß (aka Der Springende Punk), Klenkes, Hauptquartier, P5, Luxor, Rose Club, Metropol, Ritz, Fabrik, Audimax, Pandora’s Box, Pinkpop, Hurricane, Spuugh, Ku-Ba, Zeche, Markthalle, Große Freiheit, Logo, usw. usf.
. Setlist
0 Zappen: Geschichten der Matchbox-Generation
I (It’s the Beginning of a) New Age
II Welcome to the Eighties / Nineties
III If the Kids are united
IV Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
V Neue Zähne für meinen Bruder und für mich
VI I live in Siberia / through no Fault of my own
VII Country Girl became Sex Drug Punk Squatter
VIII Wir bauen eine neue Stadt
IX Simple Stuff
X Die Rückkehr des gigantischen Sommerhits
XI Here comes another Winter
XII Over the Wall (Liebe ist möglich)
XIII Hamburg
XIV Retro
XV Auslaufrillen
. Gibt es den Roman auch gedruckt?
Das Manuskript stand kurz vor der Veröffentlichung als gebundenes Buch. Das Lektorat war abgeschlossen. Aufgrund von Bedenken der Verlagsleitung gegen einige Passagen wurde die Veröffentlichung gestoppt.
. Recht haben.
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Kein Teil des Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung des Autos in irgendeiner Form (Digitalkopie, Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme

24. Februar 2013

Frank Papst Buchholz

…auch bekannt als Papst Piss, Papst Pest und Frank Castro: von Urin über 10-Neger– und Au Hur-Tapes und Bierfront bis zu Punkrock-Karaoke und aktionskünstlerischem DJing ist er der wohl älteste noch aktive Protagonist der Aachener 80er-Untergrundkultur, neben Theo „Trickbeat“ Rick. In diesem Interview fürs Aachener Hochschulradio gibt er eine praktische Schnellübersicht seiner früheren und heutigen Aktivitäten:

(Da in dem Interview auch das künstlerische Elternhaus angesprochen wird: Vater Franz Buchholz, von dem unter anderem die Klangskulptur vor der Aachener Barockfabrik stammt, war laut diesem Lokalzeitungsartikel Miterfinder der Kunstkopf-Stereophonie an der RWTH Aachen. Dem widerspricht allerdings Wikipedia mit der Auskunft, dass der erste Kunstkopf schon 1933 gebaut wurde.)

20. Februar 2013

Aachener Untergrund Kultur = Subkultur Westberlin

Filed under: Aachen in den 80ern, Aachen-international, Aachener Untergrund, Aktionskunst, Fanzine, Kunst & so, Trickbeat — Dieter Antonio Schinzel @ 9:28 pm

Seit Anfang dieses Jahres sorgt Wolfgang Müllers 579seitiges Erinnerungsbuch Subkultur Westberlin 1979-1989 für Rauschen im Blätterwald. (Wer Müller nicht kennt, obwohl er oder sie diesen Blog liest: genialer Tödliche Doris-Dilletant, seit den 90ern in Dieter Roths Island-Fußstapfen wandelnd). Auf den Seiten 109 sowie 388-392 wird das gemeinsame Gastspiel der Tödlichen Doris mit den Aachener 80er Jahre-Untergrundkulturexporten Bierfront und Trickbeat auf der Documenta 1987 in Kassel gefeiert. Wir zitieren S. 389:

Eine Sponsoring-Zusage [für den documenta-Auftritt der Tödlichen Doris, Anm.] gibt es lediglich vom Aachener Punk-Fanzine Bierfront und vom Westberliner Lokal Kumpelnest 3000. […] Im documenta-8-Katalog finden sie sich nun gleichberechtigt zwischen den Namen internationaler Großkonzerne, riesiger Unternehmen und Banken: „Bierfront und Kumpelnest 3000“. Das Aachener Punk-Fanzine stiftet achtzig Dosen Bier, während das Ex-Bordell Kumpelnest 3000 einen Betriebsausflug für seine Angestellten nach Kassel finanziert. 

S. 393:

In der Diskothek New York entsteht während der zehn Tage dauernden Performancereihe die documenta-8-Bierfront. Statt der Punkcharts ist sie mit einer Kunsthitliste versehen. Sie enthält die zehn besten Kunstwerke der documenta 8. Punk und Kunst begegnen sich erstmals – auf Augenhöhe. Die auf hundert Exemplare limitierte Sonderausgabe des Punk-Fanzines ist heute ein begehrtes Sammlerstück, sowohl in Punk- als auch in Kunstkreisen.

S. 109:

Ein gecharterter Reisebus, gefüllt mit documenta-8-Besuchern, die um Punkt 21 Uhr in der Diskothek New York abgeholten worden sind, fährt um die Unsehenswürdigkeiten von Kassel herum. Der vom Fanzine bestellte Reiseleiter ist Theo Rick von der Aachener Band Trickbeat. Seine Infos über die Unattraktionen der Stadt gibt er durch ein übersteuertes Megafon bekannt. Plötzlich stoppt der Bus. Rüde werden die Passagiere aufgefordert, sich jeweils eine Bierdose von der Pyramide zu nehmen und zu öffnen. Zwei der hundert äußerlich identischen Dosen enthalten jedoch Fanta statt Bier. Wer diese erwischt, dem überreicht Theo Rick eine Schallplatte mit Musik.

S. 106:

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