Aachener Untergrund Kultur

24. Dezember 2013

Von John Cage via UKW und Bierfront zum „Aachen Musicircus“

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Aachener Untergrund, Avantgarde in Aachen, ernste Musik, Fanzine, Fluxus, Kunst & so — Dieter Antonio Schinzel @ 7:38 pm
Aachener Inszenierung der "Europeras", 2006

Aachener Inszenierung der „Europeras“, 2006

Fund im Netz, auf den Webseiten der Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne: Ludger Engels, Regisseur am Theater Aachen, schreibt über seine Adaption von John Cages Europeras anno 2006; einer Oper, die den Musik- und Requisitenfundus diverser Opernklassiker nach dem Zufallsprinzip collagiert Dass Cage, Fluxus, Intermedia- und Performancekunst nach einem halben Jahrhundert (mit Anfängen auch in Aachen) im deutschen Stadttheater angekommen sind und dort noch für Kopfzerbrechen über die klassische Dreisparteneinteilung sorgen, finden wir übrigens nicht sonderlich interessant. Relevanter für dieses Blog ist Engels‘ kleine Verbeugung an den Aachener 80er Jahre-Untergrund einschließlich Bierfront und UKW bei einer zweiten Intermedia-Produktion, für die auch Wolfgang Müller angeheuert wurde.

(Die vom Musikwissenschaftler Volker Straebel für Aachen bearbeitete Cage-Partitur kann man übrigens hier studieren. Und hier eine Kritik der damaligen Aufführung lesen.)


Die heilige Dreispartigkeit

Der Aachener Chefregisseur Ludger Engels über sein Ganzheitsverständnis des Mehrspartentheaters

„Much of the best work being produced today seems to fall between media. This is no accident.“

Mit diesen Sätzen eröffnet 1965 Dick Higgins seinen berühmten Aufsatz „Intermedia“. Ich bin verwundert, dass wir fast 50 Jahre später immer noch die gleichen Diskussionen darüber führen, was zwischen den Sparten stattfinden darf und was nicht. Eigentlich sollten wir uns inzwischen doch selbstverständlich auch zwischen den Sparten bewegen können. Es ist aber immer noch so, das zu viele Theater ihre Energie darauf verwenden, Spartengrenzen zu verteidigen. Dabei ist das sogenannte spartenübergreifende Arbeiten an einem Stadttheater mit Musiktheater und Schauspiel keineswegs ein „Unfall“. Das durfte ich in den vergangenen sechs Jahren als Regisseur und Mitglied der Theaterleitung in Aachen erleben und mitgestalten.

Ein Beispiel aus der ersten Spielzeit 2005/2006, in der die Musiker des Orchesters über die Foyers und den Zuschauerraum bis in den Ballettsaal und die Künstlerduschen auf 48 Positionen im ganzen Theater verteilt waren: Sie spielten einzelne, oft nicht zuzuordnende Takte aus dem gesamten Opernrepertoire der Spielzeit und ließen eine bisweilen chaotisch anmutende Klangfläche entstehen. Dazwischen Sängerinnen und Sänger mit Arien, Techniker transportierten Bühnenelemente von einer Position zur nächsten, und Requisiteure legten neben dem Liszt spielenden Pianisten auf Grammophonen Schelllackplatten mit Opernaufnahmen auf. Alles und alle reagierte auf die Uhr, nach der die von Volker Straebel für Aachen eingerichtete Partitur nach Cage‘schem Prinzip ablief. Neben den Musikern und Sängern hatte jedes Kostümteil, jedes Bühnenelement und jede Lichtstimmung seine eigene Stimme für Einsätze und Positionen in der Partitur.

Das war die Aufführung von „Aachen Musicircus“ nach John Cages „Europeras 1-4“. Die Musiker verließen während der laufenden Vorstellung den Orchestergraben durch den Zuschauerraum, um ihre Positionen im gesamten Haus einzunehmen und dort weiterzuspielen. Das gleiche passierte auf der Bühne: Sänger und Techniker mit Bühnenbildelementen verließen nach und nach durch den Zuschauerraum den Theatersaal, so dass nach 40 Minuten der Graben und die Bühne bis auf eine Violinistin und eine Sopranistin leer waren und alle Saaltüren offen standen. Das Publikum konnte von nun an seinen Weg durch die entstandene Klanginstallation selbst bestimmen. Jeder Einzelne konnte für sich entscheiden, was er hören und was er sehen wollten. Der entscheidende Unterschied zum klassischen Opernabend war, dass es nicht um Interpretation ging, sondern um das Ermöglichen von Interpretation. Die Zuschauer waren es, die den Abend zu einem Ganzen formten, das Theater stellte dafür „nur“ die Bestandteile bereit. Jeder Abend verlief anders und sah anders aus.

Vernetzung in und um das Theater

Bei der Vorbereitung auf die Arbeit als Chefregisseur am Theater Aachen haben mich viele Überlegungen begleitet. Zwei Fragen traten aber immer wieder auf: Ist die Struktur des Mehrspartentheaters noch aktuell? Und wo sind die Schnittstellen und Berührungspunkte zwischen den Sparten und zu anderen Künsten? Hinzu kam die Frage nach der Vernetzung. Wie weit kann sich ein Theater in einer Stadt mit anderen Kultureinrichtungen vernetzen, und wie können gemeinsame Projekte entwickelt und aufgeführt oder ausgestellt werden? Für den Start in Aachen entschieden Michael Schmitz-Aufterbeck (Intendant), Ann-Marie Arioli (Chefdramaturgin) und ich uns gegen eine Spartenleitung in Oper und Schauspiel und – mit Marcus Bosch (Generalmusikdirektor) – für eine gemeinsame künstlerische Leitung. Diese Struktur hat Kompetenzstreitigkeiten nicht verhindert, aus meiner Sicht aber bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeitern des Hauses befördert, Theater als Zusammenwirken vieler Elemente und damit als Ganzes zu verstehen.

Mit seinen „Europeras“ zerlegt John Cage die Oper in ihre einzelnen Bestandteile und macht jedes einzelne von ihnen sichtbar und hörbar. Er verweist auf bestehende Regeln, indem er sie aber bewusst ignoriert, stellt er grundsätzliche Fragen an die Oper: Was ist Oper? Was bedeutet sie für uns heute noch? Ich habe dies zum Anlass genommen, die Frage weiter zu formulieren: Wie dehnbar ist der Begriff Oper/Musiktheater? Wo sind Berührungspunkte und Grenzüberschneidungen zu anderen Sparten? Genau an dem Punkt traten die Schwierigkeiten in der täglichen Arbeit auf. In der ersten Probe von „Europeras“ mit Orchester standen sofort einige Musiker und Musikerinnen auf, um mit großer Heftigkeit zu monieren, das Projekt sei doch Unsinn. Andere Musiker schlossen sich an. Nach einem langen Vortrag über John Cage, dem Apell an die Vielseitigkeit des Orchesters und die Möglichkeit, mit solchen Projekten neue Zuschauer anzusprechen, konnte die Probe starten. Jedem einzelnen Musiker wurde Cage und das Zufallsprinzip, seine Orchesterstimme und seine Wege zu den jeweiligen Positionen durch das Haus erklärt. Es entstand die neue und ungewohnte Situation, dass es keinen Dirigenten gab, sondern eine Uhr. In mehreren Gesprächen mit dem Orchestervorstand und mit GMD, Kapellmeistern und Repetitoren wurde dies erklärt und besprochen. Was wir nicht bedacht haben, war die Tatsache, dass für die Musiker in dem Moment, in dem sie aus ihrem gewohnten Graben herausgehen und einzeln mitten unter dem Publikum spielen, die Anonymität des Grabens und damit die ihres Kollektivs aufgehoben wurde. Nicht nur die Musiker, auch die Sänger, die ihre Arien „nur singen“ und nicht emotional darstellen durften, und die Techniker, die nach Partitur das streng formale Auf- und Abbauen von Bühnenelementen proben mussten, wurden zu „Performern“. Ich musste meine Rolle als Regisseur neu überdenken, denn es ging nicht um Interpretation, sondern um die Koordination von Ereignissen, die nicht inszeniert wirken sollten.

Herausforderung Grenzüberschreitung

Für mich war diese Arbeit eine Initialzündung. Zuschauer und Künstler trafen sich auf Augenhöhe, alle waren Gestalter des Abends. Das war die Demokratisierung des Publikums und der Sparten. Der Mensch stand im Zentrum. Es war aber auch klar, dass in dieser Form der Arbeit Zündstoff liegt. Lässt das Theater die gewohnte Zuordnung in Sparten hinter sich und begibt es sich in neue Zusammenhänge, funktionieren die erlernten und lang praktizierten Rollen, Muster, Formen und die damit gewonnenen Erfahrungen nicht mehr. Für einen Teil des Hauses ergaben sich neue Erfahrungen, andere dagegen lehnten das Experiment völlig ab. Dennoch stellte sich allmählich eine neue Selbstverständlichkeit bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeiter des Hauses ein, das Theater als Ganzes zu verstehen. Die Besucherzahlen und die Tatsache, neben unseren Abonnenten ein neues Publikum im Haus zu haben sowie die Reaktionen der Presse machten Mut, diese Arbeit weiterzuentwickeln.

Der Cage-Abend war aus einer Theatersparte heraus gedacht und hat über den Installationsgedanken die Oper geöffnet. Diesen Gedanken haben wir 2008 in dem von Volker Straebel und mir entwickelten Abend „Terror. Revolte. Glück.“ weiter verfolgt. Grundlage waren Camus` Texte „Der glückliche Tod“, „Der Mensch in der Revolte“, Tagebücher und dokumentarisches Material. „Die Idee der Installation lässt sich historisch zurückführen erstens auf einen erweiterten Begriff von Skulptur, in dem diese raumgreifend und begehbar wurde, und zweitens auf jene gestalteten Räume (‚environments‘), in denen die Vertreter des Happenings in den 1950er und 60er Jahren ihre Performances ansiedelten. Der erste Ansatz bestimmt inzwischen die Kunstwelt. Der zweite scheint fast in Vergessenheit geraten und uns schien eine Möglichkeit, ihn im Kontext von Musik und Theater zu rehabilitieren“ (V. Straebel im Programmheft).

Genau hier setzten wir mit unserem Konzept an. Der Zuschauer sollte nicht Zeuge eines Geschehens sein, sondern er sollte selber Akteur und gleichzeitig Rezipient physischer und sozialer Situationen werden. Nur so konnten unserer Ansicht nach die existentiellen Fragen nach Einsamkeit, Verantwortung und Tod von ihrer abstrakten Ebene zur unmittelbaren Erfahrung des Besuchers werden.

Wir entwickelten eine Musik-Theater-Installation für sieben Schauspieler-Innen und sieben SängerInnen, den Opernchor und das Orchester, schufen vier große Module, die jeweils eine Grunderfahrung Camus‘ beinhalteten. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Ric Schachtebeck entwarfen wir dazu Rauminstallationen, welche die Zuschauer vor (Bild aus fließendem Wasser) oder in Situationen stellte (ein großer Käfig, in den die Zuschauer unvorhersehbar geführt wurden), und platzierten diese Module an verschiedene Spielstätten im Haus. In vier Gruppen eingeteilt wurden die Zuschauer parallel durch die einzelnen Stationen geführt. Für die Wege zwischen den Stationen gewann ich den Videokünstler Aernout Mik mit einer Videoinstallation und Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris mit Videoarbeiten. Begleitende Ausstellungen der beiden Künstler fanden im Neuen Aachener Kunstverein und dem Ludwig Forum für Internationale Kunst statt.

Aus der Sicht der Theaterleitung war „Terror. Revolte. Glück.“ ein Erfolg. Es funktionierte hervorragend, den Abend in beiden Sparten dem Publikum und den Abonnenten als Premiere am 6. Dezember 2008 anzubieten. Durch die Vernetzung mit den Museen und die Anbindung an Stadtgeschichte – der legendäre Punk Club UKW und die Punkzeitung Bierfront in Aachen standen Pate für Formen der Revolte – kamen Besucher zu den Aufführungen, die wir bisher nicht im Theater gesehen hatten.

Widerstände außerhalb des Theaters

Wir mussten aber erfahren, dass sich nicht nur das Theater mit der Öffnung der Spartengrenzen schwer tut, sondern auch die Medien. Einige schickten keinen Rezensenten. Begründung: Auf der Einladung stand nicht eindeutig Oper, Schauspiel oder Tanz – und für diese „Zwischendinger“ hätten sie keine Mitarbeiter. Kunstzeitungen lehnten es ab, Veranstaltungshinweise in ihren Kalender aufzunehmen. Hier die Begründung: Das sei ja Theater.

Als Regisseur war ich wieder einmal überrascht, wie in der Probenarbeit jeder an seiner Sparte festhält. Schauspieler tun sich schwer, Texte auf Zeichen des Dirigenten zu sprechen, Sänger gleichzeitig zum Text des Schauspielers zu singen, Musiker verteilt im Zuschauerraum zu spielen, und Dirigenten, den Zeiger einer Uhr gestisch nachzubilden, auch wenn die Partitur dies fordert. Ich verstehe, dass viele Künstler nicht die Erfahrung machen konnten, mit und in anderen Künsten zu arbeiten. Mir fällt es aber immer schwerer zu akzeptieren, dass es Künstler und besonders Theatermacher an einem Mehrspartenhaus ablehnen, diese Herausforderung anzunehmen.

Gründe dafür sehe ich unter anderem in der Ausbildung. Die Hochschulen arbeiten nach wie vor auf der Basis der klassischen Trennung von Sparten. Als Hochschullehrer führe ich mit Studenten immer wieder Diskussionen über Notwendigkeiten wie: Warum einen Text zu einem Lied lesen? Oder darf man zwei verschiedene Texte oder Musikstücke aneinander hängen? Die erste Frage ist immer: Gibt es einen Grund, eröffnet es eine neue Sicht? Bei den Studenten gibt es häufig einen Aha-Effekt, sobald sie aus solchen Experimenten neue Erfahrungen über eine Musik oder einen Text mitnehmen können. Erschreckend dagegen ist die Ignoranz von Lehrenden gegenüber anderen künstlerischen Ausdrucksformen als denen des eigenen Fachs. Einen interessanten Ansatz verfolgt die Toneelacademie in Maastricht, die gerade den Masterstudiengang „interdisciplinary arts“ („i-arts“) eingerichtet hat. Und daneben richtet sich der Studiengang „theatrical performer“ an Studenten, die sich nicht in dem klassischen Format des Regie- oder Schauspielfachs sehen. Meiner Ansicht nach müssten die Hochschulen die Studiengänge durchlässiger gestalten und den Zeitgeist, das Lebensgefühl einer Generation widerspiegeln, die nicht mit den Klassikern groß geworden ist. Der veränderte Zugang zu Musik, Sprache und Bewegung und die damit veränderten Ausdrucksformen müssten in das Studium der klassischen Fächer stärker einbezogen werden. Das ist bisher die Ausnahme. Eine enge Zusammenarbeit von Kunst, Musik- und Schauspielakademien und Hochschulen sollte angestrebt werden.

Ich versuche, bekannte Stücke, Themen, Texte und Musik thematisch in neue Zusammenhänge zu stellen. Die Mittel sind unter anderem die Gegenüberstellung und Verschmelzung oder die Kontrastierung von Sprache und Musik, Bewegung und bildender Kunst. So versuche ich, die Aufmerksamkeit auf den Kern eines Themas oder Werkes zu lenken, und Bekanntes in einen neuen Rahmen zu stellen. In den Arbeiten mit anderen Künstlern habe ich erfahren, dass es dabei nie um einen Verlust von Profession oder Eigenständigkeit des Künstlers geht, sondern immer um einen Zugewinn und eine Chance für neue Erkenntnis.

Das Projekthafte und Spartenübergreifende ist längt nicht mehr das Primat der freien Szene. In vielen Städten gehört es zum Alltag des Theaters, dass Laien in Clubs Theater machen und Stadtteilprojekte mit Jugendlichen stattfinden. In Aachen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass gemeinsame Premieren in Oper und Schauspiel auf dem Spielplan stehen. Demnächst hat nach „Fairy Queen“ und „Der eingebildete Kranke“ das Barockprojekt „King Arthur“ für Schauspieler und Sänger Premiere. In den vergangenen Jahren haben regelmäßig Künstler wie Gintersdorfer/Klaßen und Hans-Werner Kroesinger hier gearbeitet. Sänger, Schauspieler und Orchestermusiker treffen sich zu Impro-Abenden und entwickeln 24-Stunden-Performances. In Kooperation mit der Toneelacademie in Maastricht, dem niederländischen Festival Cultura Nova, der freien Bühne Theater K und Theater Aachen ist eine kleine Plattform entstanden, auf der sich jeweils zu Spielzeitbeginn in einer langen Nacht „performing arts“ mit „performance art“ verbindet.

Theater für eine vernetzte Welt

Das ist so, weil wir Theatermacher neben der Pflege des Repertoires Verantwortung als Impulsgeber für neue Formen des Theaters übernehmen müssen. Die Ressourcen sind da, und den Raum und die Mittel sollten wir zur Verfügung stellen. Notwendig auch deshalb, weil ich im Theater die Möglichkeit sehe, die Positionierung des Einzelnen innerhalb und gegenüber einer total vernetzten und völlig globalisierten Welt zu thematisieren. Deshalb kann sich ein Theater der Zukunft nicht mehr in den engen Grenzen überkommener Spartenbegriffe bewegen. Es soll und muss alle Formen der darstellenden und bildenden Kunst sowie der Musik in sich aufsaugen, sie aufeinanderprallen lassen und in Beziehung zueinander setzen. Der Standort des Theaters ist der Punkt, an dem globale wie lokale Einflüsse aufeinander treffen, es ist ein Ort für Austausch, Diskussion und Entwicklung neuer Stoffe, Stücke und Ästhetiken. Also sollte das Theater Visionen und Utopien, Modelle und Strategien für ein Leben in der Zukunft aufzeigen, Gegenwärtiges und Vergangenes reflektieren. Das Theater als soziale Skulptur im Zentrum der Stadt.

24. August 2012

Blurt – Live im UKW

Filed under: Aachen in den 80ern, Konzerte in Aachen — karl pach @ 6:01 am

Blurt absolvierten in den 80ern mehrfach Konzerte in Aachen. Der Auftritt im UKW war mir, bis Dato, nicht bekannt. Obiger Ausschnitt entstammt der Ausgabe 05/82 des Fanzines „Tödliche Tafelrunde“. Damit wächst die Anzahl, der mir bekannten, Jülicher Fanzines auf 3 an. Offenbar war die Punkerszene auf dem Land seinerzeit erstaunlich aktiv.

Irgendwo habe ich noch ein Tape, welches den Blurt Auftritt im Club Voltaire dokumentiert. Werde das demnächst hier posten.

Ich bin schwer auf der Suche nach den alten UKW Live Tapes. Bekannt sind mir der Einstürzende Neubauten Auftritt sowie Honeymoon Killers. Wer mir diese Tapes zum digitalisieren zur Verfügung stellen kann wird reich belohnt: karlpach@web.de . Gibt es vielleicht noch weitere Aufnahmen aus dem UKW oder Ähnliches, bite melden.

Wärmsten Dank an Tommy!

1. Mai 2010

HONEYMOON KILLERS – LIVE IM UKW 1982

Filed under: Clubszene AC, Konzerte in Aachen, Kultstätten in AC — babula @ 10:00 am

Ein weiteres UKW Live-Ereignis vom 13. April 1982. Erschienen bei Boot-Tapes (?), operierend vom Boxgraben 116 aus.Knapp 60 Minuten Livemusik mit einer Auswahl der besten Stücke ihrer hervorragenden auf Crammed Disc erschienen LP „Les tueurs de la lune de miel“ von 1981. Leider kommt der Sound nicht so gut rüber (auch wenn auf dem Tape TOP-SOUND steht). Ich weiß aber sicher, dass die Sängerin Veronique Vincent optisch um so besser rüberkam.

Auch hier sind die Gesprächsfetzen zwischen den Stücken und vor allem Vor der ersten Zugabe wieder prickelnd. Natürlich nur, wenn man Aachener ist, das Nachtleben zu jener Zeit kannte und das „Gefühl zur Zeit“ fragmentarisch zusammenwuseln will.

Das Tape endet übrigens während der 3. Zugabe.

http://www.divshare.com/flash/playlist?myId=11037665-f85

http://www.divshare.com/flash/playlist?myId=11037666-883

14. April 2010

NEUBAUTEN IM UKW 1982

Filed under: Aachener Kneipen, Konzerte in Aachen, Kultstätten in AC — babula @ 8:27 am


Der ortskundige Produzent und Walkman-Aufnahmeleiter dieses Tondokuments schreibt folgende kleine Anmerkung in das Kassettenfaltblatt: „Eine ca. 30minütige Untergangs-Apokalypse bei der im UKW in Aachen die Jalousien zerstört wurden. Den Kommentar dazu hört ihr im Hintergrund.“

In der Tat hört man so einige wirkliche Zeitgeistkommentare diverser Zuhörer und Konzertgäste (…die Leute setzen noch ihre Ideen in die Tat um…), die – zumindest aus heutiger Sicht – vermutlich von weitaus wertvollerem Gehalt sind, als die Musik der Neubauten.

Wer sich auf diesem Tape wiedererkennt, möchte dies bitte in einem kurzen oder gerne längeren Kommentar kundtun. Vor allem interessiert mich, welches Glas denn da hätte brechen sollen?

Das Tape beginnt mit einer eindrucksvollen Lärmorgie von FRIEDER BUTZMANN. Auf Seite 2 der Kassette gibt es nach ca. 2Min20 einen ganz kurzen Break und ab da gibt’s Probleme mit dem rechten Kanal; dennoch, ein durchaus hörenswertes Relikt.
Kaum zu glauben, dass dies alles schon knapp 30 Jahre her ist !?

download

7. Oktober 2009

>UKW – Live Konzerte

Filed under: 1982, Clubszene AC, Kultstätten in AC, Lokale in Aachen, Punk in Aachen — Allo Pach @ 12:25 pm

Das UKW war…in der Rudolfstrasse, oder? Irgendwie bin ich da nur einmal gewesen, warum auch immer. Aus einer Spießerkneipe wurde eine dufte Punkerkneipe mit Konzerten (Einst. Neubauten, Frieder Butzmann, Trio). Leider fehlen mir Bilder, Historie (wann wurde es von wem eröffnet, wann wurde es wieder zur Spießerkneipe?) und Bilder. Punker, helft Allo!

Immerhin gibt es hier ein Stück vom Trio Konzert im UKW, 1982 zu hören: Ja ja ja

http://www.megaupload.com/?d=3W7782E9

22. Oktober 2015

SMC Labelgeschichte Pt.1

Filed under: Aachen in den 70ern, Aachener Label, Aachener Musikszene — karl pach @ 11:05 am

Das SMC Label ist ein wichtiger Baustein Aachener Untergrundgeschichte. Herr Cryftz hatte sich dankenswerterweise zusammengenommen und mal angefangen einen chronologischen Abriss der Labelgeschichte zu Tastatur zu bringen:

Scannen0009

Das Bildnis zeigt einen verträumten jungen Mann, der 1975 eine spinnerte Idee hatte.

Es war die Vision einer freien Musiker-Kooperative in der sich Musiker aller Stilrichtungen treffen sollten, um in wechselnden Besetzungen neue Wege der Klangerzeugung zu gehen.

Ich hatte damals erst zwei Jahre zuvor mit dem Trommeln begonnen und darin eine meiner großen Leidenschaften entdeckt.

Ich weiß noch, wie ich eines Abends mit meinem alten Sauf-Kumpan Erlend nach einem Jazz-Konzert im Malteserkeller abhing und ihm meine Vorstellungen von dieser Sache zu erläutern versuchte. Wie dem Kind einen Namen geben? Trotz aufrichtiger Bemühungen war eigentlich nix Gescheites dabei und als wir schon aufgeben wollten, kam dann einer von uns beiden auf die glorreiche Idee, sie „Einfache-Musik-Kooperative“ zu nennen, „ver-englischt“ dann: „Simple Music.(ian) Cooperation“ – kurz „SMC“.

So wurde an jenem Abend unter unwürdigen Umständen ein Label gegründet, dass 40 Jahre später (hätte mir das damals einer erzählt, ich hätte ihn für durchgeknallt erklärt) immer noch existieren würde.

Für mich persönlich sehr hilfreich waren die Erfahrungen, die ich durch das Zusammenspiel mit diversen Jazz-Musikern in diesen Jahren machte. Besonders hervorheben möchte ich die denkwürdigen Sessions mit den beiden Free-Jazz-Schlagzeugern Paul Lovens und Paul Lytton. Deren Interpretation von neuem Schlagzeugspiel war für mich als Neuling faszinierend und sollte auf mein eigenes Trommeln später nicht unerheblichen Einfluß haben.

Müßig darüber zu schreiben, welchen Instrumentariums sie sich bei ihren Konzerten bedienten, man mußte es einfach gesehen haben, es war der absolute Wahnsinn und kann nur mit ärmlichen Worten beschrieben werden.

Es war eine wilde Zeit, in der es vornehmlich allen darum ging, alte, festgefahrene und erstarrte Strukturen aufzubrechen und neuen Klangwelten Raum zu geben. A jolly good time was!

Mich reizte vor allem die Überlegung, ob diese völlig freie Art des Musikmachens, welche ich aus dem Jazz kennengelernt hatte, auf das Genre der Rockmusik übertragbar sei.

Viele Weggefährten zählte ich auf dieser Reise durch neue, phantastische Klangwelten, wobei nicht alles automatisch auch gut war, nur weil es neu war. Aber es erweiterte den eigenen Horizont ungemein, die Sensibilität für das Spiel mit anderen wurde durch die Improvisation merklich gesteigert. Es waren blutige Anfänge, aber sie bildeten die Basis für die nachfolgenden Bands kommender Jahre unter diesem Label – so unterschiedlich sie auch sein mochten!
Wo Bild- und Tonmaterial noch in einigermaßen erträglichem Zustand sich erhalten haben, wurden sie den Postings beigefügt!
In diesem Sinne: Ab dafür!

Scannen0008

Blattgrün

Nach zahllosen Sessions mit unterschiedlichsten Musikern war Blattgrün die erste „richtige“ Band unter dem SMC-Label. „Richtig“ in dem Sinne, dass hier zum ersten Mal eine feste Besetzung über einen längeren Zeitraum zusammenspielte.
Hier wurde zum ersten Male versucht Rock-Strukturen und freie Improvisationen miteinander zu verbinden – mit manchmal gutem und manchmal auch zweifelhaftem Erfolg.
Die Besetzung von links nach rechts:
Erlend Remie – guitar & bass
Don Alkebulan – percussion
Mike Molotov – drums & metals
Thorwald Menzel – organ
Gunnar Schillings – bass, guitar & vocals
Das Foto gibt die Szene wider, als ich – zum wiederholten Male – die beiden Streithähne Erlend und Gunnar zum Handschlag mit „Versöhnung“ auffordern mußte, da sich die beiden Herren zum x-ten Mal darüber in die Haare gekommen waren, wer denn nun „Haupt-Gitarrist“ und „Haupt-Bassist“ dieser Kapelle sei – eine Frage, die ich auch heute, nach 35 Jahren – nicht beantworten kann.!
Stark von Bands wie „Amon Düül 2“ und „Gong“ beeinflußt fand sich die Gruppe Mitte der Siebziger im musikalischen Niemandsland der „Nach-Hippie“- und „Vor-Punk“- Bewegung wieder.

800+Phon+Group+(2)

Scannen0063

800 Phon Group

Besetzung v.l.n.r.:
Erlend Remie – guitar & bass
Gunnar Schillings – bass & guitar
Willi Kappes – vocals, guitar & keyboards
Mike Molotov – drums & metals
Thorwald Menzel – organ

Irgendwann 1977 traf ich Willi Kappes, der damals in Aachen einen Ruf als skurrilster „Allein-Unterhalter rockig-experimenteller Prägung“ hatte und sprach ihn nach einem Solo-Konzert am Elisenbrunnen auf seine musikalischen Vorlieben an. Er lud mich damals zu sich nach Hause ein und noch bevor es zu einem Gespräch kam, mußte ich mir alle Presseberichte Aachener Zeitungen über seine nicht wenigen Konzerte in Aachen und Umgebung ansehen, durchlesen und kommentieren. Willi war schon ´ne Marke!

Das war ein denkwürdiger Nachmittag für mich bei ihm zu Hause und lange noch mußte ich über dieses Treffen bei ihm nachsinnen. Kurz darauf durfte ich das legendäre Willi Kappes- Konzert in der „Neuen Galerie“ miterleben, das sogar mitgeschnitten wurde und wo der Aufnahmetechniker, wie der Kassierer und der Solist auf der Bühne in Personalunion Willi Kappes war. Das Konzert war irre – anders kann man es nicht beschreiben – „Soldatenlied“ und „Engel des Todes“ waren die Hits und ich kann mich gut erinnern, dass nach ein, zwei Gitarrenriffs eine Textzeile kam, dann wieder ein Riff – wieder eine Textzeile – und so fort, aber niemals zusammen. Ohrenbetäubender Sound aus einem selbstgebasteltem Equipment und seine kehlige, sich manchmal überschlagende Stimme forderten dem Zuhörer das letzte ab!

Später entdeckte und kaufte ich den Live-Mitschnitt auf Single (weltweite Auflage: 200 Stück) und bin stolzer Besitzer dieses Meilensteins Aachener Untergrund-Kultur!

Nach diesem Konzert trafen wir uns zu einigen „Proben“ im SMC-Keller, damals in der Schule Beekstraße – es war die Blattgrün-Besetzung ohne Don, aber dafür mit Willi!

Und Willi wollte uns als seine Band called: „Willi Kappes 800-Phon-Group“!

Es waren chaotisch-infernalische Klang-Gewitter, die da auf uns alle einströmten und wir hatten einige Tage alle unseren Heidenspaß, mußten aber nach wenigen Wochen mit zerrütteten Nerven aufgeben.

Die Idee einer gemeinsamen Band hatte sich nicht durchsetzen können – wenn sie überhaupt zu einem Zeitpunkt jemals ernst gemeint war! Es gab Ton-Aufnahmen dieser denkwürdigen musikalischen Zusammenkünfte, wurden aber bei einem Wohnungsbrand in Erlend´s WG von den Flammen zerstört! So sind die einzigen Dokumente einige wenige Foto´s – aber was soll´s – that´s Life!

Noch eine Anekdote zum Schluß:

Jahre später traf ich Willi an der Theke des „UKW“ und er erzählte mir voller Stolz, dass er sich innerlich immer als Frau gefühlt habe und nun hochdosierte weibliche Hormone nehme. Als Beweis knöpfte er sein Hemd auf, nahm meine Hand und führte sie an seine Brust – und ich hatte eine Weibs-Brust in der Hand bei gleichzeitigem Blick vis-a-vis in ein Drei-Tage-Bart- Männergesicht!

 

Die Geschichte wird fortgesetzt…

24. Dezember 2013

Einblicke, Folge 2: Aachener „Jugendkneipen“ ’82/83

Einblicke - Buchcover

Weiter geht’s mit unserer Ausgrabung der soziologischen Einblicke in Aachener Jugend- und Subkulturen anno ’82/83 von Peinhardt-Franke & Kolleg/inn/en. Im folgenden Kapitel (Buchseiten 87-104) geht’s um Aachener „Jugendkneipen“ der damaligen Zeit. In der als „VC“ abgekürzten Kneipe begegnen wir den Punks wieder, die den Autoren schon früher zugesetzt hatten.

Frage an unsere Leser: Wer hilft uns, die Codes der genannten Lokale zu entschlüsseln? Vorläufig tippen wir auf:

  • „Ra“ = Ratskeller? Charly’s Reichsapfel
  • „RF, ehemals V.“ = Raumfrisch, ehemals Vanilla
  • „Ri“ = Ritz
  • „U.“ = UKW
  • „VC“ = ?

Es folgt das vollständige Kapitel, unverändert bis auf unsere stillschweigenden Korrekturen von „Steve Marley“ zu Steve Harley sowie des penetrant wiederholten Rechtschreibfehlers „intergriert“. Auch ein Scan der Buchseiten kann heruntergeladen werden.

Jugendkneipen — ein Vergleich1

Carmelita Lindemann, Wolfgang Malter‚ Ingrid Peinhardt, Luc Walpot

Aachen ist eine Kneipenstadt, es gibt kaum einen Erwachsenen, der nicht eine Kneipe seines Geschmacks hier findet. Diese bunte Vielfalt spiegelt sich auch in Jugendkneipen wider. Exemplarisch haben wir einige herausgegriffen, Beobachtungen und Interviews gemacht.

Wir haben dabei festgestellt, daß neben der "Kneipe als Lebensqualität" die Kneipe für Jugendliche noch eine ganz andere Funktion hat: nämlich die, überhaupt einen sozialen Ort zur Verfügung zu haben, der als Kommunikationsstätte, Infotreff, Freiraum jenseits der Kontrolle von Eltern, Pädagogen, Chefs etc. sowie als "Laufsteg", als "Bühne" für die neueste Kreation der eigenen Persönlichkeit dient. Zudem bietet die Kneipe die Möglichkeit, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu kommen. Dies gilt für alle Jugendkneipen, so unterschiedlich sie von ihrer Ausstattung, ihrem Wirt, ihrem Publikum, ihrer Musik, ihrer Atmosphäre etc. sind. Kneipen bieten die Möglichkeit, subkulturelle Verhaltensstile auszutesten, Intensität zu erleben (Personality-Show, Musik, Alkohol/Kommunikation), sich über die Nutzung von Medien (Musik, Fernsehen/Video) und Elektronikspielen, in manchen Kneipen auch Tanzen, zu entstressen.

Jugendkneipen sind wie subkulturelle Stile/Freizeitstile Moden unterworfen. Dieser Wandel schlägt sich nieder in der Ausstattung — manche Kneipen werden stilmäßig jedes halbe Jahr gewandelt — und im Publikumswechsel, der häufig abrupt und schwerlich ergründbar ist. Plötzlich ist die Kneipe nicht mehr "in".

Jugendkneipen als Ausdruck subkultureller Stilvielfalt

Jugendkneipen kennzeichnet ein jugendliches Publikum — altersmäßig. Sonst nichts. Denn so breit wie die Palette der Stile, auch der nur versteckt angedeuteten oder arg verflachten, so breit ist auch die Palette der Kneipen. Aktuelle Musik wird überall gehört, Spielgeräte und Videos gibt es fast überall. Gymnasiasten, Studenten, Azubis, Jungfacharbeiter, arbeitslose Jugendliche gibt es fast überall. Was also ist los in den Kneipen und was unterscheidet sie voneinander?

Das U2 z. B., in der Aachener Innenstadt gelegen, erinnert eher an eine Metzgerei denn an eine Kneipe. Kühl gekachelt bis unter die Decke, helle Neonröhren: hier bleibt nichts verborgen, verstecken, verkriechen kann sich hier keiner. Hinter der langen schmalen Theke stehen zurechtgemachte "Bedienungen", cool und perfekt wie Schaufensterpuppen. Die neue coolness. Jango Edwards nennt sie "coolarity". Die Besucher sind ebenso perfekt gestylt wie die Damen hinter der Theke, so wie sie hinter ihren mit Orangen und Zitronen gefüllten Aquarien schweigen, schweigen die Besucher über ihren Mixgetränken in knalligen Farben. Die Mädchen im Stil der 50er Jahre — teils mit Pferdeschwänzen, Petticoats, Cocktailkleidern, Lidstrich und Haarspray, Pfennigabsätze. Die Jungs als Kavaliere, gut erzogene Söhne. Die coolness färbt ab, gelacht wird hier nicht; die große personality-show, die Vorführung perfekter Stile, ist nicht lustig.

Z.: Im U, da stehst du immer an ner Bühne, im U, da ist es sehen und gesehen werden …3

Ab und zu tauchen Punks hier auf, sie bringen etwas Leben mit. Aber sie bleiben unter sich und hören die gleiche Musik wie die Stammgäste: ganz einfach englische Charts. Manchmal findet ein Konzert statt: Trio z. B. war hier, als die Gruppe noch ein Geheimtip war, oder Blurt (Avantgarde Jazz-Punk aus London). Dann wird die Kneipe voll mit Besuchern, die ebenfalls einen Stil pflegen — einen modischen, versteht sich — und Musikern der so zahlreichen Aachener Jazz- und Rockbands. Die Elite, die Snobs treffen sich hier.

['Einblicke', S. 101]

[‚Einblicke‘, S. 101]

Raumfrisch 2

„Diese Kneipe heißt Raumfrisch, weil solche Sachen den Raum frisch machen.“ [‚Einblicke‘, S. 101]

Das RF, ehemals V, ebenfalls in der Innenstadt gelegen, hat eine lange Tradition für "ausgeflippte" Jugendliche. Ehemals ganz in weißem Plastik gehalten, steriler als eine Eisdiele, mit Video und Milchmixgetränken, zog sein buntes, auffallendes Publikum (Schüler, Studenten, Azubis, Arbeitslose) überwiegend nach 1 Uhr nachts an. Dann, wenn "normale" Kneipen schließen und die Bürger nach Hause gehen, fängt der "Flip" erst richtig an. Bananashake oder Kakao in weißen Tassen, an die weiße Wand gelehnt oder sitzend in weißen Gartenstühlchen, wurde auf die Mattscheibe gestarrt: "Dschungelbuch" von Walt Disney war der beliebteste Film.

Heute, als RF, ist die Kneipe in Pastelltönen gestrichen wie Küchenmöbel der 50er Jahre. Rosa, hellblau und ein helles Gelb sind dominant und verteilt über Decken, Wände, Möbel — originale alte Küchenmöbel, kleine Regale, Gläser, Lampen, die Küchengeräte für die Mixgetränke, die Dekoration an den Wänden: alles original 50er Jahre.

An der Theke, wie überall in den Kneipen, stehen Angehörige von Bands, ca. 18 bis 25 Jahre alt. Sie trinken um 23 Uhr hauptsächlich Kaffee mit Cognac oder Milchgetränke — weniger Bier. Die beiden Jungens hinter der Theke sind schmal, kurzhaarig, vom Stil her "sportlich-avantgardistisch", auffällig bebrillt (wie die letzte Brille von John Lennon), freundlich und kommunikativ. Blicke werden ausgetauscht, Gespräche, Lachen. Die Musiker sind ähnlich kommunikativ. Passend zur Einrichtung läuft tatsächlich eine Platte von Peter Kraus.

An kleinen Tischen entlang des Schaufensters sitzen die Punks in kleinen Grüppchen eng beisammen. Sie haben hier eine neue Bleibe gefunden für ein paar Wochen. Die Musik stört sie nicht. Später läuft eine Platte von David Bowie, sie wird gebührend besprochen. Im Hinterzimmer, das gut einsehbar ist, steht ein Tischkicker. Keiner kickert.

Das CD sieht aus wie eine Garage, an deren Wänden Spielautomaten und Flipper dicht bei dicht aufgestellt sind. Alles ist schwarz gestrichen, drei kleine Tische mit Stühlchen gegenüber der kahlen Theke. Dahinter ein müde aussehender, schwarz gekleideter Mensch. Er ist allein in der Kneipe, bis kurz nach 1. Dann finden sich hier lederbejackte, angepunkte oder sonstwie stilpflegende Jungs ein, Mädchen sind in dieser Kneipe noch weniger als sonst, jetzt beginnen die Flipper und Spielautomaten zu rattern – beim Bier. Eine Mischform zwischen Kneipe und Disco stellt das Ri dar, es ist gemacht wie eine Grotte. Auch hier viele Musiker an der Theke, Schüler und Azubis finden es hier "schick". Ab und zu spielt eine lokale Rockband hier. Das Publikum ist apathisch beim Konzert einer englischen Spitzenband (Classix Nouveaux). Der Diskjockey fordert das Publikum auf, doch zu applaudieren, wenn es eine Zugabe hören wolle.

Z.: das Ri, das ist aber auch schlecht geworden …

Integrationsstilkneipen

AUSVERKAUFT

Aachen. (til) — Der "Rockpalast" in Euchen zählt zur Zeit wohl zu den größten und schönsten Live-Läden der Republik. Im Gegensatz zu manch anderen, vergleichbaren Läden, bei denen man nicht selten das Gefühl hat, in einer Wartehalle zu stehen. Fast alle Konzerte waren bisher "Ausverkauft". Unter anderen gastierten Nena, Zeltinger und "Extrabreit" im "Rockpalast". Das "Odeon" in Alsdorf hat im Übrigen auch wieder geöffnet. (city 1/83)

['Einblicke', S. 102]

[‚Einblicke‘, S. 102]

"...einer der größten und schönsten live-Läden der Republik" ['Einblicke', S. 102]

„…einer der größten und schönsten live-Läden der Republik“ [‚Einblicke‘, S. 102]

Seit einigen Monaten gibt es den Rockpalast in Euchen (Würselen-Euchen bei Aachen). Der Rockpalast, eine ehemalige Landgaststätte mit einer Kapazität von ca. 1200 Personen ist derzeit die Attraktion weit über den Aachener Raum hinaus mit Bühne, Riesentanzfläche, Lightshow etc. Dunkelblau gestrichen wie ein Aquarium, fensterlos mit roten Kronleuchtern und Stühlen hat er den touch des Selbstgemachten — "bricolage" auch hier Element der Gestaltung. Der Einzugsbereich der "Stammgäste" reicht bis zu ca. 60 km, allein die Aachener müssen schon 10 km zurücklegen. Hier trifft sich alles, was an Veranstaltungen mit aktuellen Bands teilhaben will: Jugendliche aus der Eifel, Studenten aus Aachen, Schüler, Lehrlinge, Jungarbeiter, Musiker und Künstler aus allen umliegenden Städten und Dörfern, dazu ebenso heterogenes Publikum aus dem nahen Belgien und den Niederlanden. Das Alter der Rockpalastbesucher reicht von ca. 14 bis 40 Jahren. Hier findet sich — ähnlich wie im VC — das völlig unproblematische Miteinander verschiedener subkultureller Stile. Vielleicht deshalb, weil sie hier alle im gleichen Konsum/Kommerzzusammenhang stehen? Der Wirt dieser Kneipe ist bereits 70 Jahre alt und steht jeden Abend "im Trubel". Er hat auf Empfehlung seiner Kinder den Rockpalast aufgemacht — sie haben die Marktlücke im Aachener Raum gesehen.

Das Spuugh (sprich: schpüch) in Vaals hat ähnlich integrierenden Charakter über ähnlich gelagerte Angebote.

SPUUGH!

Aachen. (til) — Etwa einen Kilometer hinter der Grenze liegt auf holländischer Seite in Vaals der Jugendclub "I.T.C. Spuugh". In dem Jugendclub, der ca. 600 Leute faßt, werden auch in diesem Jahr zahlreiche Rockveranstaltungen über die Bühne gehen. "Brainbox" und Hermann Brood, der immer noch zu den besten Live Acts aus Holland gehört, bestritten im ausverkauften "Spuugh" die beiden Eröffnungsveranstaltungen dieses Jahres. In den nächsten Monaten kommen u. a. "Doe Maar", "Dead Kennedy" "Staff" und Jango Edwards in den Club. Die Preise in diesem Laden sind übrigens einsame Spitze. Geringe Eintrittsgelder, Bier und Cola (u. a.) für 1,10 Gulden, ein halbes Baguette, gut belegt, kostet gerade 2,25 Gulden. Auf ins "Spuugh": Tel. 0031/44543457. (City 1/83)

Der Rockpalast hat die erfolgreiche Nachfolge des ehemaligen Odeon in Alsdorf (Bergbaustadt bei Aachen) angetreten, das im gleichen Einzugsbereich lag.

Odeon Alsdorf

Immer, wenn geöffnet ist

Sehr wahrscheinlich wird – nach einem guten halben Jahr Bestehen – das ‚Odeon‘ in Alsdorf (siehe KLENKES 12/81) in seiner bisherigen Form schließen müssen. wegen mangelndem Lärmschutz. Für die Jugendlichen dort geht damit eine wichtige Kommunikationsstätte verloren,

Roland Temme, Mitbesitzer des ‚Odeon‘ und Manfred und Guido, zwei Stammgäste berichten.

Roland Temme: Für Alsdorf ist das Odeon ein Kulturzentrum insofern, als es sonst nichts dort gibt, wo Live-Auftritte stattfinden. Das Odeon spricht Leute an, für die das nächste vergleichbare vielleicht der ‚Dschungel‘ (Discothek in Richterich) ist. Das Publikum ist ziemlich gemischt, von Punkern über Otto Normalverbraucher, Freaks Flippis. Die meisten Leute sind so zwischen 18 und 25, wenige darunter. Eigentlich wollte ich nur ’nen Musikclub aufmachen, wo Bands spielen können, der Raum hier in Alsdorf hat sich so ergeben. da habe ich erst gemerkt, wie wichtig so eine Einrichtung gerade für Jugendliche im EBV-Einzugsbereich ist, Wegen dein mangelndem Lärmschutz durften jetzt keine Live-Auftritte mehr stattfinden — es war echt laut oft — nur Disco, und das ist natürlich für die Jugendlichen wie für mich völlig uninteressant.

Manfred und Guido, beide 19 Jahre alt. Stammgäste im Odeon. Manfred arbeitet als Maschinenschlosser bei EBV, Guido ist BAS-Schüler. Beide stammen aus Siersdorf.

Klenkes: Wie häufig geht ihr ins Odeon?

M: Immer wenn’s geöffnet ist, im Moment sind das so 3-4 Male in der Woche, früher täglich.

K: Warum geht ihr gerade ins Odeon?

M: Da gibts gute Musik.

G: Relativ gute Musik, würde ich sagen, bis auf den Punk. Punk ist mir zu blöd.

K: Was läuft denn so?

G: Cola trinken, andere Leute treffen, was planen, tanzen.

M: Wir treffen Cliquen. Ganz unterschiedliche Leute kommen da zusammen: Schüler, Arbeitslose, Frührentner, Azubis…

K: Wo liegt der Unterschied zu anderen Kneipen?

G: Im Odeon ist keine Disco-Atmosphäre. Es gibt Auftritte von Gruppen, wie sonst nur in Aachen oder Stolberg.

M: Und es sind auch meistens keine Studenten da. Die machen so lahme Atmosphäre. Im Dschungel ist das so.

G: So richtige Stimmung kommt allerdings erst so gegen 12 (nachts) auf.

K: Sind viele Mädchen im Odeon?

G: Nach 10 Uhr sind das mehr Jungen. Vorher sind die Mädchen in kleinen Grüppchen da, sitzen rum, versperren einem die Sicht.

M: … wenn die action losgeht, so um 12, dann sind nur noch wenige Mädchen da mit ihren Typ.

K: Wohin geht ihr, wenn das Odeon zumacht?

M: Dann müssen wir uns wieder was Neues suchen und wieder sehr weit fahren. Von Siersdorf zum Odeon sind es 6km hin und zurück, zum Dschungel, wo wir vorher oft waren, 30!

KLENKES 4/82

Die Kneipe als Kommunikationszentrum

Die Kneipe VC liegt ebenfalls in der Aachener Innenstadt. Sie besteht aus einem schmalen, langgezogenen Raum, die Wände einfach und dunkel holzvertäfelt. Vorne, direkt gegenüber der Tür, die Theke, schummerig beleuchtet. Im hinteren Teil des Raumes ein großer langer Tisch mit Stühlen, in der Ecke noch eine kleine Sitzgelegenheit. Auch hier nur schwache Beleuchtung. Ein Flipper und ein Spielautomat fallen wegen ihrer Buntheit gleich auf, ebenfalls auffällig in dem Dunkel ist das fast ständig laufende Video. S.‚ der Wirt, dreißig Jahre alt, ist Gitarrist einer Band und "verkrachte Existenz". Er trägt als einziger in der Kneipe sein Haar als "Mähne". Er integriert die verschiedenen subkulturellen Stile, die in seiner Kneipe zusammenkommen. Regelmäßig, manche jeden Abend, sind da: die Punks als größte Gruppe, eine Motorradclique, eine Gruppe von "Avantgarde"-Musikern, eine Gruppe von Rockmusikern (Freunde des Wirts bzw. Mitglieder seiner Band) sporadisch die Rockergruppe X — alle ca. 17 bis 22 Jahre alt — sowie ein sehr bunt gemischtes Spätpublikum aller Altersgruppen und Leute aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Alle Kneipenbesucher außer den Punks sind eher proletarische Jugendliche, zum größten Teil in der Ausbildung, kurz nach der Ausbildung oder arbeitslos. Die auffallendste der genannten Gruppen sind die Punks,4 die sich in der Kneipe sehr frei bewegten: sie gingen rein und raus, immer unter Gejohle und Gelächter, lümmelten sich auf dem Bürgersteig, kamen durch das geöffnete Fenster wieder rein und gingen so auch wieder raus, Völlig ungehindert durch den Wirt oder sonst jemand. Die "Avantgarde"-Musiker stehen — wie in anderen subkulturellen Kneipen auch – an der Theke. Sie sind blasiert, arrogant und reden nur leise unter sich in der Kleingruppe.

Die Rockmusiker spielen gerne mit und ohne Wirt an den Spielgeräten. Sie sind auch sonst lebhafter als die "Avantgarde"-Musiker und flachsen rum. Die Motorradclique verhält sich ähnlich wie die Punks: genauso albern und laut.

Zwischen beiden Gruppen besteht ein reger Austausch: sie kennen sich gut und haben sich viel zu sagen.

Die Rockergruppe X verhält sich sehr zurückhaltend, wenn sie überhaupt erscheint. Das Spätpublikum ist ebenfalls an der Gestaltung der Atmosphäre nicht beteiligt.

I.: Was gefällt dir an der Kneipe so gut?

R. aus der Motorradclique: Gefällt??? Ja, daß ich mich hier … ja nicht, ehrlich nichts.

I.: Ja, wenn dir hier nichts gefällt, dann gehst du hierhin wegen der Leute?

R.: Nee, wieso, die haben doch sowieso einen Dachschaden.

I.: Auch die hier … (zeigt auf die Umstehenden) …?

R.: Nee, nee, äh… . der S. (Wirt) nicht … Der ist in Ordnung, bis daß in dem Bier seine Haare sind, ab und zu mal… (Gelächter)

Nee, ich fühl mich lieber da wohl, wo ich an der Theke pennen kann als in so einer Jägermeisterkneipe.

I.: Was für eine Kneipe‘?

R.: Jägermeisterkneipe!

… Gelächter

I.: Was ist denn das für eine?

X.: Wo nur Theken-Opas rumhängen, uähh.

I.: Da gibt es so eine neue Kneipe, die heißt Ra‚ die müßtet ihr doch eigentlich auch kennen … die müßte doch dem entsprechen, was ihr gesagt habt.

Durcheinander: Wo denn? Am Markt? Ach dieses dumme Ding da …

R.: Ach da, ich wollte mich da mal echt eine Stunde vorstellen, das ist nämlich besser als im Kino5 da … Ich hab mal ’n paar Leute rauskommen und reingehen sehen … zur Zeit habe ich keinen Bock mehr …

Musik

Musikgebrauch spielt im VC eine sehr große Rolle. Das Publikum — d. h. die Angehörigen der Gruppen Punks, Rocker, Rockmusiker — legt sich im wesentlichen seine Platten selbst auf – die Auswahlmöglichkeiten sind groß. Viele unterschiedliche Stile und Interpreten werden gleichberechtigt gehört. Oft werden auch Cassetten gespielt, die einzelne mitbringen. Fast allabendlich wurde S.‚ der Wirt, mit bestimmten Musikwünschen geärgert, z. B. mit dem Ruf "Motörhead"! — die Rocker wollten Motörhead hören. Diese Musik ist für die sensiblen Ohren des Wirts Krach.

Solch ein Provokationsversuch sollte den Toleranzspielraum testen, den S. insbesondere den Punks und den Rockern einräumte. S. verhielt sich jedoch so geschickt, daß er sein Image nicht verlor (vgl. subkulturelle Verhaltensspielregeln).

Kurz und gut: es ging zu wie in einem gut funktionierenden Kommunikationszentrum. Angesichts des "Sprengpotentials" des Publikums kann man hier durchaus von Sozialarbeit am Tresen sprechen.

Fernsehen / Video

Parallel zu der gespielten Musik war der Fernsehapparat ständig eingeschaltet. Gezeigt wurden in der Regel Musiksendungen, d. h. Videobänder mit Aufzeichnungen des Rockpalasts u. ä. sowie eigene sessions, also durchweg Filme, die aus dem Erfahrungsbereich der Jugendlichen selbst stammten. Manchmal schaltete S. eine Fernsehsendung ein, drehte den O-Ton ab und ließ eine Platte dazu laufen. Die Effekte bereiteten allen viel Spaß.

Ähnlich "verarbeitet" werden neuerdings gezeigte Eastern—Kung Fu-Filme: das Publikum spielt einfach mit!

Eine Kneipe im Detail:

Ebenfalls eine Jugendkneipe und doch völlig unterschiedlich ist das Ra, eine Kellerkneipe direkt am Markt im Zentrum Aachens. Im Frühjahr 82 — als unsere Arbeit begann — neu aufgemacht, im Stil der Neuen-Deutschen-Welle. Giftig—grün-gelb in Plastikfolie diagonal gestreifte Wände, grüne und gelbe plastikbezogene Barhocker, die Theke in dem kleinen Raum rechteckig rundumschließend in der Mitte. Ein schmaler Gang ringsum, grüne Neonröhren als Beleuchtung, viel aluverkleidetes Gitter von der Decke — Sand auf dem Boden als einziges "natürliches" Element in der Kneipe. Die Räumlichkeiten vermitteln also auch wie die anderen Kneipen keine "Gemütlichkeit". Zwei elektronische Spielgeräte stehen dem Publikum zur Verfügung. Die Musik ist gemäß dem Stil der Kneipe Neue-Deutsche-Welle. Das Publikum ist ein bißchen jünger als in den anderen, so ab 16-jährige sind hier. Das Anfangspublikum ist tatsächlich die vom Wirt angepeilte Zielgruppe: finanzkräftige junge Leute, die auf Neue Deutsche Welle "stehen" und gern in eine kleine, exklusive Kneipe mit exklusiven Getränken gehen. H., der Wirt: "Der Trend geht weg von Alt und Kölsch." Das Ra als eine Art Anlaufstelle mitten in der Stadt, wo man sich auf ein Guinness trifft und von dort in den weiteren Nachmittag oder Abend startet.

Mit diesem Konzept zeigte sich in den ersten Wochen ein gewisser Achtungserfolg. Doch das Zielpublikum blieb zunehmend aus. Es wurde leerer. Um die Kneipe wieder zu füllen, schaffte der Wirt ein Videogerät an, mit dem er allabendlich um 23 Uhr einen Kinofilm des Genres Horror/Abenteuer/ Krimi u. ä. zeigt.

Die Zusammensetzung der Gäste änderte sich schlagartig mit dem neuen Angebot. Es waren nun gegenüber früher Schülern und Angestellten hauptsächlich Azubis, Berufsschüler und Facharbeiter, die auf der Suche nach (für sie) neuen Kneipen zufällig auch ins Ra gerieten. Sie, ca. 18-22 Jahre alt, kommen in kleinen Cliquen oder treffen sich hier. Rein äußerlich pflegen sie keinen besonderen Stil. Videogucken und Spielen an den Geräten sind zentrale Aktivitäten.

Video

F.: Was meint ihr, warum die meisten Leute sich hier zu später Stunde Thriller, Zombiefilme und Actionfilme anschauen?

Wi.: Die erleben das doch auch. Geh mal Samstag abends ins "Roxie"‚6 da kriegste das alles live mit.

Die meisten kommen nur, um sich die Filme hier anzuschauen. Wir würden auch lieber "Tom und Jerry" oder "Donald Duck" sehen!

Wi.: Die wollen eben sowas sehen. Vielleicht weil sie es tagsüber auch erleben.

F.: Und was treibt euch sonst noch um viertel vor elf ins "Rad"?

D.: Die Leute hier. Die meisten kennen sich untereinander, und dann kommen noch die dazu, die nur mal kurz reinschauen wollen und dann wieder gehn. Unsre Gruppe trifft sich hier einfach, um zu quatschen. Wenn ich abends von Arbeit und Schule hierhinkomme, weiß ich immer: jetzt sitzt der und der da.

F.: Und daß gleich das Video anfängt und dann die ganze schöne Unterhaltung hier zum Teufel ist ist, stört dich nicht?

Wi.: Die meisten Leute kommen ja doch ‘nur einzig wegen dem Video. Ne viertel Stunde vor Beginn ist der Laden brechend voll, und wenn der Film aus ist, können die Jungs hinterm Tresen gar nicht schnell genug kassieren, so eilig haben es die Leute. Wenn das Video nicht wär, ging dem H. (Wirt) viel Geld durch die Lappen.

F.: Aber Fernsehen und Filme anschauen können die Leute doch auch zu Hause, oder? Dazu müssen sie nicht extra hierhin kommen?

Wi.: Die wollen das aber zusammen machen. Bier trinken und zusammen sitzen können sie überall.

F.: Weißt du denn, welcher Film heute abend läuft?

P.: Ich glaub, n’ James Bond oder’n anderer Krimi.

F.: Stehst du denn da drauf?

P.: Nee, aber besser als sonstwo rumhängen. Außerdem hab ich noch keine Lust nach Hause.

Spielautomaten

"KILLERAUTOMAT - TEUFELSAUTOMAT?" ['Einblicke', S. 103]

„KILLERAUTOMAT – TEUFELSAUTOMAT?“ [‚Einblicke‘, S. 103]

"'... an manchen Tagen, da komm ich einfach nicht vom Spiel weg...'" ['Einblicke', S. 103]

„‚… an manchen Tagen, da komm ich einfach nicht vom Spiel weg…'“ [‚Einblicke‘, S. 103]

F.: Scheint dich ja richtig zu faszinieren, dieser Apparat (Wi. starrt gebannt auf den Bildschirm eines der beiden Spielroboter, spielt aber nicht).

Wi.: (zuckt mit den Schultern) Manchmal schon.

F.: Also mir wär da das Geld zu schade!

Wi.: An manchen Abenden werf ich da 15 Mark rein.

F.: Ist das denn die einzige Möglichkeit, deine Zeit hier zu verbringen?

Wi.: Manchmal mein ich, das Ding wär Magie.

F.: Es zieht dich wohl magisch an. Ist es mehr die Elektronik oder das Spiel, was dich so fasziniert?

Wi.: Kann ich dir echt nicht sagen, an manchen Tagen, da komm ich einfach nicht von dem Spiel weg; da sag ich zu meinem Freund: Werner, hau mir eins kräftig auf die Finger, wenn ich’s wieder mal nicht lassen kann (grinst) …

F.: Was muß man denn da eigentlich so machen?

A.: Tja, die kleinen Käfer müssen die Früchte essen. Dafür gibt’s Punkte. Später kommen die großen Krabben. Dann wird’s erst richtig schwierig.

F. : Geht wahnsinnig schnell bei dir, spielst wohl oft an dem Gerät?!

A.: Vor vier Wochen hab ich das Ding hier zum ersten Mal entdeckt. Seitdem spiel ich, oder besser wir, fast jeden Abend.

F.: … mit wachsender Begeisterung offensichtlich?!

A.: Irgendwie kommt man von dem Ding nicht los. Jedes Mal, wenn ich rein komm, nehm ich mir vor: diesmal machst du’n großen Bogen um die Kiste, und wenn ich dann später wieder rausgehe, hab ich meistens 5 Märker und mehr dringelassen.

F.: Na, auf die Dauer ein teurer Spaß, was?

Achselzucken, das Gespräch ist aufgrund des "Eifers im Gefecht" eine Weile unterbrochen, dann:

F.: Was meinst du denn selbst, warum der Apparat eine, sagen wir, magische Anziehungskraft auf dich ausübt.

A.: Die Frage hab ich mir, verdammt noch mal, auch schon öfters gestellt. Ich glaub, irgendwie möcht ich mal beweisen, daß ich besser bin, als der Apparat, ein Freispiel gewinne und ne ganze Stunde für eine Mark spielen kann …

F.: Und spielen kann man das nur im ‚Rad‘?

A.: Ne, das gibts noch woanders (nennt den Namen einer Spielhölle).

Abgrenzungen

Insgesamt erwiesen sich die Besucher als nicht sehr gesprächig und mitteilungsbedürftig, die Interessen gelten mehr dem Video und den beiden Spielgeräten und ihrer Clique. Die Gruppe von 8-10 Jungs hat ein ausgeprägtes Wir-Gefühl und grenzt sich von anderen gleichaltrigen stark ab — auch von deren Treffs. Diese Kneipen, insbesondere das VC, sind verpönt, obwohl sonst von einer relativ beschränkten Möglichkeit der Freizeitgestaltung erzählt wird. Die Abgrenzung ist gegenüber den Punks — die man damals in Aachen gar nicht übersehen konnte — am weitreichendsten.

F.: Warum trefft ihr euch denn ausgerechnet hier? Warum zum Beispiel nicht im VC, oder im Apfelbaum oder Leierkasten?

A.: Hier sind nur unsere Leute. Die kennen sich doch alle. Wenn du abends rausgehst, gehste ins "Ra". Jeder weiß von uns: wenn ich einen treffen will, dann kann der nur hier sein.

F.: …und das VC?

A.: is das nicht so’ne Punker-Kneipe?

F.: Und wenn?

A.: Nee danke, wo die Punks verkehren …

F.: Habt ihr was gegen Punks?

A.: Das sind doch alles so Schlägertypen, unheimlich brutal und immer auf Zoff aus, nix für mich …

ich bin auch nicht gerade scharf drauf, welche kennenzulernen. Die haben eben doch ganz andere Ansichten. Mir sind die auch viel zu brutal. Bei jeder Kleinigkeit drohen sie einem: Hey‚ willst wohl die Fresse poliert haben. Da steh’ ich absolut nicht drauf. Ich bin ein sehr friedliebender Mensch. Die sollen mich in Ruhe lassen und ich die.

F.: Und wie steht ihr zu den Punks?

A.: Ich glaub, das sind rein menschlich unheimlich arme Schweine. Wahrscheinlich haben die früher in ihrem Elternhaus zuwenig Liebe und Aufmerksamkeit bekommen, daß die heute so unheimlich brutal geworden sind. Man kann die nicht nur einfach verteufeln, nur weil die bunte Haare haben und anders aussehen wie wir. Früher haben die Leute lange Haare gehabt und alle haben sich aufgeregt, heute färben sie sich ihre Haare. Im Grunde genommen kein großer Unterschied. Die wollen vielleicht auch nur Aufmerksamkeit erregen.

B.: Die haben doch alle ein unheimliches Rad ab. Sich die Haare lila färbenl! Die brauchen sich nicht zu wundern über ihr "no future". Wenn ich Chef wäre, ich würde mir auch kein solches Schreckgespenst anstellen, kann man ja nirgendwo auf Montage schicken. Da fallen die Leute gleich tot um. Die brauchen sich gar nicht zu wundern, wenn sie keine Arbeit kriegen. Die spinnen meiner Meinung nach total. (Zeigt mit dem Finger den berühmtem "Vogel".) Und mit ihrer Brutalität ecken sie auch überall an.

F.: Kontakt habt ihr zu denen aber auch nicht, oder?

C.: Was heißt Kontakt? Man sieht sie ja überall. Geh mal hoch zum Marktplatz, da lungern sie dutzendweise rum.

W.: Wir wollen auch gar keinen Kontakt. Die leben in ihrer Welt und wir in unserer. Das paßt doch auch gar nicht zusammen. Die haben doch total andere Einstellungen als wir!

F.: Ihr sprecht immer von "wir" und "uns". Wieviele seid ihr denn?

D.: So zwischen 8 und 10 Leute, alle mit denselben Interessen. Wir arbeiten alle ungefähr dasselbe, haben dieselben Interessen und verbringen die Wochenenden zusammen.

F.: Immer im "Ra"?

D.: … die Leute hier haben hier fast alle dieselben Einstellungen. Klar sind die auch äußerlich bunt gemischt, aber sie kommen alle miteinander aus. Außerdem können wir immer noch in die Jugendgruppe in unserer Pfarre gehen. Da ist auch immer was los.

F.: Ist euch das denn nicht zu spießig?

D.: Klar, manchmal kapieren die einfach nicht, daß man nur hingeht, um andere Leute zu treffen. Der Kaplan meint, man müsse zwischendrin auch mal beten und meditieren. Das wollen die Leute einfach nicht. Das hat mich unheimlich Mühe gekostet, dem das beizubringen.

F.: Du meinst also, die Kirche wolle mit diesen Jugendtreffs vornehmlich Seelenkauf zukünftiger Kirchgänger betreiben?

D.: Hauptsächlich. Außerdem stellen sie sich wahnsinnig spießig an, wenn es um die Altersgrenze geht. Und das dauernde Meditieren geht den Leuten ganz schön an die Nerven.

F.: Und warum gehen sie sonst wohl hin?

W.: Was willste sonst denn machen? Die meisten Leute haben kein Moos, dauernd in die Kneipe oder in die Disco zu gehen.

Die Bedeutung von Musik ist hier eher untergeordnet. Die Jugendlichen hören, was grad "in" ist. Im Großen und Ganzen sind sie mit ihrem Leben zufrieden, haben zum "Protestieren" keinen Grund und interessieren sich nicht für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.

W.: Die meisten Leute interessieren sich nicht für Politik, weil sie genau wissen: mit meiner Stimme ändere ich überhaupt nichts. Ist doch logisch.

F.: Und eure Einstellung würde sich auch nicht ändern, wenn ihr zum Beispiel arbeitslos wärt?

W.: Das wird doch alles künstlich übertrieben. Die meisten Leute heute sind einfach zu faul zum arbeiten. Die sollen sich erst mal richtig ’n Job suchen gehen. Als ich ne Lehre gesucht hab, da bin ich jeden Morgen hin aufs Arbeitsamt und hab da auch was gekriegt. Is zwar nicht mein Traumberuf, aber wer sich auch richtig Mühe gibt, der kriegt auch’n Job, 100 prozentig!

Der Wirt, im Unterschied zu den bisher skizzierten Kneipen, ist "stillos". Er betreibt die Kneipe als "Job" mit dem Ziel, in einigen Jahren genügend Geld zu verdienen, um sich eine Praxis als Masseur und Bademeister einzurichten. Er verfolgt konsequent seine eigenen ökonomischen Zielsetzungen. Angesichts dessen, daß die Neue-Deutsche-Welle vorbei und das Publikum eh nicht so modisch ist, änderte er den Stil der Kneipe. Ihre Ausstattung entspricht jetzt, im Stil der typischen Bierverlagskneipe mit weißgekalkten Rauhputzwänden und Pferdegeschirren als Dekoration eher dem Geschmack des neuen Publikums.

Gespräch am 3.10.82 im ‚Ra‘ mit G, 17 und N, 17, Klassenkameradinnen der Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Ernährung

W.: Und was treibt euch ausgerechnet ins ‚Ra‘?

G.: Och, wir sind erst zum zweiten Mal hier. Wenn ich rausgeh, dann will ich mit Leuten quatschen oder Leute treffen. Die meisten aus unserm Bekanntenkreis, die gehen sowieso dahin, wo auch unter der Woche was los ist. Außerdem können wir hier bis kurz vor 10 bleiben, da brauchen wir nicht lange nach Hause zu gehen. Außerdem hat mir mal einer erzählt, daß hier Sand aufm Fußboden liegt und das hat uns neugierig gemacht.

W.: Aber mit der Dekoration, verbindet ihr damit nichts?

G.: (achselzuckend) die ist mir irgendwie egal, da kann ich echt nichts mit anfangen. Is ’n bißchen bunt, aber warum auch nicht?!

W.: Seid ihr eigentlich mit dem Freizeitangebot in Aachen vollauf zufrieden?

G.: Nee, ist doch nichts los hier!

W.: Was würdet ihr euch denn wünschen?

G.: so’ne Art Teestube, wo man sitzen und klönen könnte, oder mit anderen Leuten Tischspiele machen könnte, sich unterhalten könnte. Am Boxgraben, da gibt’s ja sowas, aber das ist für uns einfach zu weit — wir müssen ja schon um 10 Uhr zu Hause sein!

W.: So strenge Eltern?!

G.: Meine Eltern sind geschieden. Ich wohn seid kleinauf bei meinen Großeltern und die sind unheimlich streng. Früher, da mußte ich schon um 9 Uhr zu Hause sein und wehe, wenns da mal 5 Minuten später wurde …

N.: Bei mir ist es auch nicht viel besser, ich wohn bei meiner Tante und da ist auch um 10 Uhr endgültig Sense.

W.: Da seid ihr ja sozusagen Leidensgenossinnen! Das bindet wahrscheinlich ungemein, teilt ihr auch sonst eure Interessen und Gemeinsamkeiten?

G.: Bis hin zum gemeinsamen Abhauen!! Wir wollten ja eigentlich jetzt in Griechenland sein, war schon alles geplant und wir standen mit Sack und Pack an der Autobahn und da läßt uns dieser Scheiß-Typ gestern morgen einfach sitzen!!

W.: Wie kamt ihr denn auf den Gedanken abzuhauen?

G.: Ich habs einfach zu Hause nicht mehr ausgehalten mit meinen Großeltern, ständig dieses: ‚Tu dies und laß das!‘ Dann die Schule mit dem ganzen Druck und die ganzen Ansprüche, die an einen gestellt werden: Jeden Tag derselbe Trott …

N.: Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß das Leben nur aus Arbeit, Familie, Kinderkriegen besteht. Wir wollten das andere Leben einfach mal ausprobieren, einfach weg von hier.

W.: Hattet ihr euch das denn vorher genau überlegt von wegen Leben, Geld?

G.: Drei Tage vorher ist uns erst die Idee gekommen und dann … irgendwie wärs schon weitergegangen. Ich bin aber jetzt echt froh, daß wir nicht gefahren sind. Das war nur ne Knallidee, einfach wegzukommen. Auf Dauer hätten wir damit wahrscheinlich ziemlich Schiffbruch erlitten.

W.: Und jetzt ist wieder alles beim alten?

N.: Na ja, so ganz aufgegeben ist der Gedanke noch nicht. Man kann nie wissen, wenns mir mal wieder so richtig stinkt, dann hau ich eben doch noch in den Sack.

W.: So ganz widerspruchsfrei scheint ihr mir in der Beziehung aber nun doch nicht?! Habt ihr eure Zukunft denn irgendwie konkret geplant?

G.: An sich geplant … na kann man eigentlich nicht sagen, aber ich würd’ ganz gern Rechtsanwaltsgehilfin oder Arzthelferin oder sowas ähnliches werden.

N.: Wenn mit der Schule Sense ist, bemüh ich mich um ’ne Stelle als Krankenschwester. Da hat man wenigstens auch ’n bißchen mit anderen Leuten zu tun. Aber was bis dahin alles kommt … (winkt ab).

W.: Wieso, hast du denn Angst vor der Zukunft?

N.: Direkt Angst, kann man nicht sagen. Ich will nur nicht so angepaßt leben, wie die das alle früher oder später tun. So mit Familie, Kinderkriegen und brav Hausmütterchen spielen . . uahhh … um Gottes willen!!! Kann ich mir einfach nicht vorstellen, daß ich das bringe.

W.: Und was möchtest du ‚bringen‘?

N.: Auf jeden Fall nicht dieses scheiß-Leben.

W.: Was macht ihr denn sonst so, ich meine, wenn ihr nicht gerade hier sitzt?

G.: Och, meistens sitzen wir bei N., hören Musik und spinnen einfach so rum. Oder ich leg mich aufs Bett, höre Musik — aber nur meine ausgesuchten Lieblingsplatten, sonst nichts! — und versuch einfach abzuschalten. Manchmal gehn wir auch in den Park und sitzen stundenlang da auf ’ner Bank. Aber Musik muß einfach immer dabei sein, die find ich unheimlich wichtig. Wenn ich Steve Harley (Cockney Rebel) hör, da bin ich einfach total weg, aber nur die Live-Version. Kennste die. Die kann ich 10 mal hinter’nander hören!!!

W.: Die Platte ist aber schon mindestens 10 Jahre alt.

G.: Das is doch egal!! Darauf kommt’s doch gar nicht an.

W.: Und für neuere Musik interessiert ihr euch nicht, oder fehlt euch ganz einfach die Kohle zum Kaufen?

G.: Mit 100 Mark Taschengeld — da bleibt nicht viel! Klar, wenn ich meiner Mutter nach Berlin schreibe: Mutti, ich hätt‘ gern ’ne neue Jacke oder so, da schickt sie mir den Kies. Aber wenn du Schminke, Kneipe und was sonst noch so anfällt abziehst, da bleibt für Platten selten was übrig. Aber ich find den Harley auch so viel, viel besserl!

W.: Aber mit 100 Mark — da kannst du ja kaum die anfallenden Getränke im Monat bezahlen?!

N.: Oft lassen wir uns ja auch von irgend ’nem Typen einladen, oder wir trinken eben nichts!! Manchmal, da ist der Laden so voll, da fällt das gar nicht aufl!

"'Eine Kneipe muß hell sein. Die Leute sollen Fresse zeigen, sollen sich zeigen.'" ['Einblicke', S. 104]

„‚Eine Kneipe muß hell sein. Die Leute sollen Fresse zeigen, sollen sich zeigen.'“ [‚Einblicke‘, S. 104]

Zusammenfassende Thesen:

  • Besucher von Jugendkneipen sind weder schichtenspezifisch noch altersmäßig genau zu bestimmen.

  • Unterschiedliche subkulturelle Stile können sich widerspruchsfrei und freundschaftlich in einer Kneipe entwickeln und sich gegenseitig bestätigen.

  • Jugendkneipen stellen spezifische Territorien und Regenerationsräume dar für subkulturelle Gruppen (die "ein Rad abhaben") und für "normale"‚ "stillose" Gruppen.

  • Der "Stil" des Wirts bzw. seine "Stillosigkeit" bestimmt das Klima der Kneipe wesentlich, d. h. ob sie mehr subkulturelles Kommunikationszentrum oder kommerzielles Unternehmen ist.

  • Spielgeräte und Video-Fernsehen finden sich in fast jeder Kneipe, nur werden sie je nach "Stil" unterschiedlich gebraucht.

  • Auch Jugendkneipen fungieren als Teilmärkte für Waren wie Konzerte etc. Entkommerzialisierung durch öffentliche Förderung z. B. inklusive "Sozialarbeit am Tresen" könnten helfen, kreative Verarbeitungsmöglichkeiten von subkulturellem Konsum zu schaffen.

  • Mädchen machen auch in der Öffentlichkeit der Kneipen eine Minderheit aus. Jedoch treten sie immer häufiger allein in subkulturellen Kneipen auf, da in subkulturellen Lebenszusammenhängen die klassische bürgerliche Frauenrolle nicht gelebt wird.

  • Jugendliche in Kneipen sind oft sehr einsam und problemüberfrachtet. Als Interviewer ist man blitzschnell Ansprechpartner für sehr persönliche, intime Angelegenheiten.

  • Insgesamt: Jugendkneipen werden viel zu wenig in ihrer Funktion als sozialer Ort für Jugendliche beachtet — es sei denn von der Polizei und bösen Nachbarn.


  1. In den mittlerweile recht zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Jugendkultur finden sich bislang nur sehr spärlich Hinweise über die Bedeutung von Jugendkneipen, geschweige denn Beschreibungen oder gar Analysen. Lediglich der SPIEGEL 17/82 bringt ein süffisant-ironisches feature über ‚Jugend 82‘ wo Bemerkungen über die "Kneipe als Bühne" fallen; H. J . Wirth schreibt in "Verweigerungswünsche" … "… ein nicht unbeträchtlicher Teil ‚konformistischer‘ Jugendlicher", die im Berufsleben stehen, aber in der Freizeit ausflippen, "müssen immer wieder in das anheizende Bad der Musikszene eintauchen, um sich zu regenerieren und für den stressigen Alltag wieder fit zu sein." In: Michael Haller (Hg.)‚ Aussteigen oder rebellieren. Jugendliche gegen Staat und Gesellschaft. Spiegel—Buch, Hamburg 198l, S. 228. Wir haben also das durchaus zweifelhafte Vergnügen, hier Pionierarbeit zu beginnen.

  2. Die Namen der Kneipen wurden geändert.

  3. Aus unseren Interviews.

  4. Vgl. das Kapitel "Punks in Aachen".

  5. Bezieht sich auf die Zeit des "Neue-Deutsche-Welle" Publikums.

  6. Discothek in Aachen.

12. August 2013

Aachener „Punkscene“: Pein-harte Einblicke ’83

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Peinhardt-Franke, Punk auf dem Land, Punk in Aachen — Schlagwörter: — Dieter Antonio Schinzel @ 12:09 pm
Peinhardt-Einblicke in Aachener Subkulturen 1983

Vor ihrer Laufbahn als Lokalkulturjournalistin war Ingrid Peinhardt (heute Peinhardt-Franke) Mitherausgeberin und -Autorin des soziologischen Sammelbands „Einblicke – Jugendkultur in Beispielen“, der 1983 im Nomos-Verlag erschien und sich laut Vorwort (S.7) „einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Arbeitsamtes Aachen“ verdankte. Da sich seine „Beispiele“ praktischerweise auf Aachen beschränken, entpuppt sich der Band als reicher Retrofundus u.a. über die Band Ex, die Macher der Fanzines Domestos und Volksbegehren, die Heavy Metal-Clique Piranhas, die Anfänge des Autonomen Zentrums, die als „U“ (wahrscheinlich UKW), „RF ehemals V“ (?), „CD“ und „VF“ abgekürzten „Jugendkneipen“ und noch viel mehr. Überzogen ist dieses Material mit einer dicken Schicht unfreiwilligen soziologisch-sozialpädagogischen Humors. Wir werden es in einer Reihe von Beiträgen gebührend ausschlachten!

Auf S. 205-221 lesen wir, wie sich Frau Peinhardt und Ko-Autorin Carmelita Lindemann verwegen in die damalige Aachener „Punkscene“ im „VC“ stürzten, wo sie „pausenlose[r] »Verarscherei«“ ausgesetzt waren. Das vollständige Kapitel sowohl im Blog, als auch als Scan zum Herunterladen:

Punks

Carmelita Lindemann, Ingrid Peinhardt

Punks in der BRD

Die Mitte der 70er Jahre in England entstandene Punkwelle wurde erstmals 1976 durch die Presse auch in Deutschland bekannt. Die Wurzel der Punkbewegung in England liegt in der durch die Arbeitslosigkeit hervorgerufenen Verelendung. Punk als Gruppen- und Musikstil – schreiend, aggressiv, abstoßend und schockierend – wurde von deutschen Jugendlichen übernommen, war aber grundsätzlich anders orientiert als in England. Der Stil wurde kopiert, er hat keine eigene Entstehungsgeschichte. Hier wird er von keiner sozial so genau abgrenzbaren Gruppe praktiziert.

»Es gibt ganz normale Lehrlinge und Angestellte, Schüler und ein paar Studenten, viele Arbeitslose und Leute, die keine Lehrstelle gekriegt haben.«1

Seit seiner Entstehung hat der Punkstil in Deutschland eine Entwicklung durchgemacht, wobei aus einem kreativ-individuellen Ansatz eine von der Konsumindustrie ausgebaute Modewelle wurde.

»Früher, die Mädchen, die haben sich das selber gemacht, aus’m Dreieck, aus’m Lineal. Sowas find ich gut, wenn man selbst was entwirft oder … eigene Ideen hat und nich einfach das kauft. Man kriegt auch jetzt diese Gürtel für Punks zu kaufen, hier, das kriegste auch, kannste alles kaufen. Du kannst Dich total als Punk einkleiden.«2

Punks in Aachen – allgemeine Beschreibung

Der Hauptteil unserer Untersuchungen lief in einer Kneipe in der Nähe des Aachener Zentrums ab. Sie war zu der Zeit Haupttreffpunkt der Punks, die auch die ganze Atmosphäre in der Pinte bestimmten. Die Szenerie war bunt, laut und durch ein ständiges Raus und Rein durch das Fenster sehr bewegt.
Das Verhalten der Punks war frei und ungehemmt, sie legten sich selbst Platten nach ihrem Geschmack auf oder brachten zum Teil eigene Kassetten mit, so daß auch die Musikrichtung voll in ihrem Griff war.
Der Wirt ließ die Punks weitgehend gewähren. Obwohl er, inzwischen 30 Jahre alt und immer noch mit langen Haaren, dem Rockstil der 60er/70er Jahre anhängt, versuchte er stets für die Punks Verständnis aufzubringen. Diese dagegen bemühten sich, ihn durch Witzeleien und Bemerkungen über seine langen Haare zu provozieren und ihren Spielraum auszutesten.

»Ja, das ist S., der mit den langen Haaren. (Allgemeines Gelächter). Die ihm immer im Gesicht rumfliegen …
S., du bist auch froh, daß de leben darfst, wa?«3

Für eine ganze Weile war das VC die einzige Kneipe, in der sich die Punks, nachdem sie aus mehreren anderen Pinten rausgeflogen waren, ungestört aufhalten konnten.

»Dat hat sich so entwickelt, aus einigen Pinten so sind wir rausgeflogen, aus dem Bügeleisen, das war so die letzte wo wir waren, aus’m Vanilla, aus’m UKW wo dat aufgemacht hat … «4

Obwohl die Aachener Punks bei Kneipenbesitzem, Polizei und Leuten auf der Straße oft auf Konfrontationskurs gehen und z. T. handfeste Schlägereien haben, sind sie nicht so »extrem« wie in anderen Großstädten, z. B. Köln oder Düsseldorf- sowohl äußerlich als auch verhaltensmäßig.
Äußerungen von Leuten, die oft mit Punks zusammen sind, sich selbst aber nicht direkt dazuzahlen, unterstützen die Beobachtung:

U: Ach Punks, das sind doch alle keine Punks! Das sag ich!! Die Einstellung, so wie es ursprünglich geprägt worden ist wie in England die Punks und so … das findet man in Deutschland kaum, selten, in Aachen z.B. gibt es vielleicht 2 oder 3 die echte sind, die echt so leben, aus der Mülltonne kommen, nichts zu essen, nichts zu saufen haben, Eltern was weiß ich – geschieden oder so – total kaputt, vom Leben und so – so was gibt es echt selten …
I: So wie du das erzählst, verbindest du mit Punks immer etwas wie asozial … und schlechte Erfahrung …
U: Noch nicht mal, ja-nee-, ja, das, das kommt, ja das kommt aus schlechten Erfahrungen, aus den ziemlich schlechten Verhältnissen, die gegeben worden sind, aber so, wie es das gibt, das sind meines Erachtens, so wie sie sich geben und so, als Punks oder so, gefärbte Haare, und so und all den Scheiß, was weiß ich, das sind alle Kommerzpunks.
I: So die jetzt hier sind …
U: Ja, die Jungs die wolln auch, da kannste jeden, jeden einzelnen fragen, das ist, das kannste fragen, ja, wenn de die fragst, ja, biste ein Punk, ja denn sagt keiner, ja, da sagt keiner, ich bin ein Punk, oder so, das sagt keiner.

Bei den Punks selbst besteht in ihrer Selbsteinschätzung ein Widerspruch. Auf der einen Seite stellen sie die Bewertung – richtiger Punk – falscher Punk – in Frage und wehren sich gegen eine Einschatzung als »normaler« Punk, auf der anderen Seite grenzen sie sich aber von denen, die am Markt oder im H. verkehren, energisch ab.

I: Seid ihr mal in England gewesen?
M: Ich. Die andern weiß ich nich.
I: In London? … Haste denn da auch Punks kennengelemt, richtige echte harte?
M: Punks und Rastas, sowohl als auch. Was heißt richtige echte harte, ne, ich find so ’ne Klassifizierung ziemlich blöde ne, »richtiger harter«. »richtiger falscher«, ne.

Es gibt ’n Lied von Dings von Slime, wa, »Ich bin ’n Pseudo«, aber wer, wer sagt, wer das Original is, ne, und irgendwo ham die Recht.
I: Hm.
M: Ich mein, wenn des im Grund siehst, der Kreis der hier meistens is, is teilweise, das hab ich mal mit ’nem Freund beredet, ziemlich arrogant und so gegenüber manchen Leuten, …
Also so, ob wir so die Elite warn oder sowas.
I: Hm.
M: Aber die Tatsache is, wer will festsetzen, was normal is. In Düsseldorf is es aber noch schlimmer.

Die Erkenntnis, daß sich die Bohemepunks wie eine Elite geben, wird durch die Abgrenzung zu den Punks im H. unterstrichen.
M: der größte Witz des Jahrhunderts ist das H. – da habt ihr echt nen Bock geschossen im H.
I: wenn de mir das erklären würdst . . .
M: Ja, was heißt erklären. Da sind einige Leute, die sitzen am Markt rum, die sitzen auch da, wo wir sitzen, labern ziemlich viel von Punk, aber im Grunde labern sie nur Scheiße. Und deshalb sind die auch nich hier, ne. Die Leute, die hier sind, ja, kannste schlecht sagen ne, weil die sind irgendwo die Leute aus Aachen und Umgebung, die immer zusammen sind, und … nich immer irgendwo lustig drauf sind und die nich irgendwie Scheiße labem, die zwar vielleicht gefärbte Haare haben und Nietenarmbänder und alles aber nich dicke sagen Boh, bin ich ’n harter Punk.
I: Hm.
M: Sondern die echt auch das aus Spaß an der Freude machen und alles, ne, und die Leute, die jetzt noch im H. sind, sind größtenteils irgendwelche Leute, so Mitläufer oder so so dicke labern, ‚bin ich ’n harter Punk, nur weil ich abstehende Haare hab‘ oder so. Die Leute, die jetzt da noch rumhängen … die kannste aber echt vergessen.
I: was machen die denn so? Gehen die arbeiten oder zur Schule …
M: So gut kenn‘ ich die Leute nich, ne, die sind zwar am Markt dabei, aber, was ich eben schon sagte, ne, das sind teilweise … arrogante, … nich drum kümmern. Du kennst’se vom Sehen, die begrüßen dich, weil se z. B. toll finden, weil se wissen, du bist eben einer von den Leuten, die in Aachen bekannt sind und so ne, … laberst mal kurz mit denen »Haste den und den gesehen?« und mehr nich, ne.

Die Aachener Punkszene ist nicht eine genau abgrenzbare, einheitliche Gruppe, sondern weist eine große Heterogenität auf. Die Grenzen zu anderen Gruppen sind fließend.
Durch die Entwicklung, den der Punk in Aachen durchgemacht hat, entstanden 2 große Gruppierungen: die eher proletarischen und die Bohemepunks. Erstere stellten den Anfang der Szene dar. Sie befanden sich in der Berufsausbildung und wurden nach Abschluß der Lehre arbeitslos oder hörten schon zwischendurch auf. Mit der Zeit stießen immer mehr Mittelschichtsjugendliche zu ihnen, damit wurde der Punk ein schichtenübergreifender, breiter Stil. Schüler und Abiturienten, die durch die Eltern materiell abgesichert waren und durch ihre Schulbildung noch eine einigermaßen Berufsperspektive hatten, entwickelten sich zu einer Boheme. Schockierender Non-Konformismus allein reichte ihnen nicht. Sie richteten ihr Äußeres mit besonderer Sorgfalt her und verwandten viel Zeit darauf, Kleidung und Haare besonders ausgefallen zu gestalten. Im VC bot sich immer eine bunte Szene dar: kükengelb, grün oder lila gefärbte Haare, ebenso sorgfältig gefärbte – oder besprühte – T-Shirts, Jacken und Schuhe.
Die Gestaltung des Körpers, »living art« zeigt in gewisser Hinsicht eine Verbindung zu Teilen des Mods.6
Die besondere Kreativität entsprang einem Wunsch nach Individualität.

I: Mochtest du denn etwas mit Poppern zu tun haben oder mit denen in Verbindung gebracht werden?
GB: (Gelächter) Nein, in Verbindung mochte ich mich nicht mit denen bringen. Man muß ja auch irgendwann mal was feinere Kleidung tragen. Dann fällt man eben wieder unter den eigenen Leuten auf. (lm Zusammenhang eines Gepräches über gelb geflirbte Schuhe)
S: Ich trage das Auto, weil das noch keiner hat. Weil ich das gut find, daß die anderen Leute das nicht haben. Die Haare hatte ich schon so, bevor ich in die Gruppe kam.
(Eine Abiturientin, die ein kleines Auto als Ohranhänger trug)

Der besondere Anspruch auf Kreativität zeigt sich noch auf anderen Gebieten: in der Herstellung eigener Fanzines, einem Gemisch aus Collage, Information über die örtliche Musikszene und selbst geschriebenen Geschichten. In kleinen Auflagen photokopiert und handgefalzt wird es im Selbstverkauf vertrieben.7
Die Mädchen bildeten eine 3. Gruppierung. Im Gegensatz zu den Jungen waren sie uns gegenüber eher mißtrauisch und zurückhaltend. Meistens setzten sie sich alleine an einen Tisch und blieben unter sich. Eine Ausnahme bildeten 2 Mädchen, die einerseits durch ihr ungehemmtes und provozierendes Verhalten und andererseits durch ihren »Mäusekult« auffielen. Zwei kleine weiße Mäuse zählten zu ihren ständigen Begleitern, sie wurden überall mit hingenommen. Im VC wurden die Tiere mit Begeisterung aufgenommen und konnten ungehindert auf der Theke hin- und herlaufen.

Die hier dargestellten 3 großen Gruppierungen mit ihren verschiedenen Sozialisationen wurden im Verhalten untereinander nicht erkennbar. Trotz unterschiedlicher Ausgangssituationen bildeten sie eine große Clique, die sich gut verstand und zusammen viel Spaß hatte.
Die Kommunikation untereinander verlief offen und locker, jedoch immer auf einer oberflächlichen Basis. Persönliche Probleme wurden nicht mit eingebracht.8

Punk in Aachen als subkultureller Stil

»Zum Stil gehören Kleidung, Rituale des Auftretens, wie Benehmen und Sprache. Der Stil ist ein Medium, das eine Vielzahl von Botschaften enthält.«9

Die Aachener Punkgruppe zeigte, daß man Punk weder einer sozial abgrenzbaren Gruppe noch einer bestimmten politischen Richtung zuordnen kann. Die Skala der politischen Einstellungen reicht vom Anarchisten bis zum CSU-Anhänger. Ihnen gemeinsam ist ihr Stil, Ausdrucksmittel einer oppositionellen Haltung der jetzigen Gesellschaft gegenüber. Eine besondere Form des Protestes Jugendlicher, die sich eine Öffentlichkeit schaffen, indem sie Raum in einer Stadt für sich beanspruchen und sich demonstrativ zeigen. Die Aachener Marktszene, Mittelpunkt der Stadt, wird im Sommer von den Punkern beherrscht. Ohne Scheu räkeln sie sich auf der Rathaustreppe, unbeachtet der anzüglichen Kommentare der vorbeigehenden Leute und der beobachtenden Blicke der Polizisten, die ständig auf ihren Pferden anwesend sind.
Der Punk hat eine Asthetik entwickelt, »die oppositionelles und subversives Verhalten gegenüber der Gesellschaft ausdrückt.«10
Allen öffentlich gelebten Gruppenstilen sind bestimmte typische Verhaltensmerkmale zueigen, die gerade bei den Punks besonders ausgeprägt sind. Es ist allgemein der weitentwickeltste Stil, er ist allumfassend und zeichnet sich durch eine besondere Intensität aus. Die Regelverletzungen bürgerlicher Lebenszusammenhänge, die Zinnecker in der Shell-Studie angibt, sind bei ihnen verstarkt zu beobachten.11

  1. Meistens trafen wir die Punks in der Nacht im VC an, wo sie bis zum frühen Morgen blieben. Sind wir ihnen zufällig einmal morgens in der Stadt begegnet, sahen sie wie Leichen aus, grau und leblos. Sie hatten ihren Tag/Nacht-Rhythmus verdreht. Raum- und Zeitregelungen werden total durchbrochen.

    »Die unanständige Alterskultur deplaziert Handlungen, Kleidungsstile, konventionelle Gesten.«12

    Beispiel: Übernachten auf öffentlichen Plätzen
    Z: wir war’n letztes Mal am Markt, da war ich echt kaputt, drei Uhr morgens, da hab ich mich da hingelegt, hab gepennt …

    Die Nacht zum Tag machen
    R: … ich komm meist erst nachts, so ein, zwei Uhr. (in das VC)

  2. »Subkulturelle Gruppen entwickeln ausgeklügelte Verhaltensarsenale als kulturelle Ersatzformen für bürgerlich-geordnete Korperbewegungen, Korperhaltungen, Gestiken usw.«
    Die Punks hatten ein großes Repertoire im Grimassenschneiden. Bei einem Versuch, mit einem Punk ins Gespräch zu kommen, kam als Antwort immer nur ein Hochziehen der Augenbrauen, Augenrollen oder Grimassen.
    Die Gespräche wurden ständig von Gestikulierungen, Schulterzucken und sonstigem deplazierten Verhaltensrepertoire begleitet.
    Normales Gehen wurde bei ihnen zum Schleichen, Sich-Vorwärtsschieben, Schlurfen oder zum Aus- und Abwippen, die Hände wurden unkoordiniert dazu bewegt, bzw. schliffen beim Gehen fast über dem Boden.
  3. Die bürgerliche Welt ist mit bestimmten Tabus behaftet, zu denen z. B. Sexualität, Brutalität, bestimmte politische Extremgruppen (Faschisten), zählen. Diese Bereiche werden von den Punks hemmungslos thematisiert, womit meistens der Versuch verbunden ist, durch Provokation den Gegenüber zum Zusammenbruch zu bringen. Die unterste Stufe ist die pausenlose »Verarscherei«, direkt zwischen den Personen oder aber über einen Dritten in dessen Beisein.
    Die Provokation ist aber auch gegen Erwachsene gerichtet. Die nach außen hin glatte, bürgerliche Oberflache soll aufgebrochen werden, um den Kern, den sadistischen und hochemotionalen Punkt zu treffen.13
    Auch dazu, besonders zur »Verarscherei« boten die Interviews viel Material. Zu Beginn unserer Interviews versuchten die Punks, uns durch ihre Sprüche zu verunsichern:
    X: Eh, das ist vielleicht der Verfassungsschutz …
    I: ne, wir sind nicht Verfassungsschutz!
    S: Also, das sind alles meine Kinder, wa … (Gelächter) Habt ihr ’nen Dienstausweis?
    I: Hab ich nich …
    X: Dann müssen wir die Aussage verweigern .. .
    B: Gib sofort das Tonband her (scherzhaft) … Was kriegen wir denn für son Interview?
    I: Ich geb euch ein Bier aus …
    S: Hallo, hallo … (Gelächter)

    Das nächste Beispiel zeigt den souveränen Umgang mit hochemotionalen Themen wie Atombomben und faschistischen Gruppierungen, die phantasievoll verknüpft werden und den Gesprächspartner schockieren sollen, um ihn letztendlich zum Zusammenbrechen zu bringen.
    M: Hör mal, ich als Lehrer, ich war prädestiniert als Lehrer! So 2 Jahre da und dann son … (unverständlich) Ich werd sowieso noch Erziehungsminister.
    I: Das wird meine Kollegin schon.
    M: Das geht nich.
    I: Doch!
    S: Wenn du Erziehungsminister wirst, dann werd ich Verteidigungsminister.
    I: Ja, was würdst’n dann machen?
    S: Die janzen Waffen selber nehmen …
    M: Das Erziehungsministerium sprengen …
    S: mal durch den Wald laufen …
    I: Durch den Wald laufen?
    S: Ja, ’n kleines Waldspiel machen.
    M: Ja, er is ja ehemaliges Hoffmann-Mitglied.
    I: Die Bäume abknallen …
    S: Ja. Bäume. Ja … und am besten die Atombomben drauf, da is ’n Zeitzünder … alle durcheinander … Fetzen: das das Ding hochgeht …
    S: … und irgendwann gehn wir dann weg, wenn wir Glück haben, komm’n wir weg … Da ich ja keine Waffen anpacken darf, muß ich die Waffen immer verschenken, hm, wir freuen uns schon …

    Beispiel, für »Verarschen«, um den anderen zum Zusammenbruch zu bringen und den Umstehenden gleichzeitig Grund zum Lachen zu geben:
    S: Wie sieht denn dein Vater aus, hat der auch son paar Haare? (Anspielung auf M.s orangene Haare)
    M: Das is bei uns erblich belastet, ne, ich bin homozygotroterbig.
    … Lachen …
    I: Porös?
    … Lachen … alle reden durcheinander, amüsieren sich
    I: der is auch porös. Der Oberkorper is porös, ne, deiner.
    M: Ja, das is der provozierende Zerfall-Look. Alles zerstören.

    Über einen Dritten wird in dessen Beisein Blödsinn über seine Person zusammenphantasiert. lm weiteren Verlauf des Gesprächs greift der das Thema aber selbst auf und versucht nun, uns zu »verarschen«.
    M: Ich mein, das is so, ne, bei ihm kommt noch dazu, er hatte ne schwere Kindheit …
    I: Schwere Kindheit?
    M: Wir kennen uns schon ziemlich lange so, …
    I: Erzähl du mal seine Geschichte, du kannst das bestimmt herzergreifend …
    M: Ja, ich möchte da echt nichts sagen, was ihn vielleicht belasten würde, weil, er hat echt riesige Probleme (Stimme geht über in Lachen) mit seinem Elternhaus …
    Gebrabbel …
    M: Ja, ich weiß, daß dir das peinlich is, wenn ich das sage, der Vater Säufer, ne,
    I: Vater Säufer, Mutter Prostituierte …
    M: Nee, ganz so schlimm nicht, (lacht) aber, aber ja, sitzt den ganzen Tag vorm Fernseher …
    I: Was findst’n daran lustig, wenn einer ’n kaputtes Elternhaus hat? Jetzt mal davon abgesehen, ob das wahr is oder nicht?
    M lacht vor sich hin …
    I: Ich würd sogar behaupten, irgendwo hat ja jeder ’n zerrüttetes Elternhaus.
    U: Ich hab kein zerrüttetes Elternhaus!
    M: Nein, ich meine …
    U: … wir einigen uns darauf, nich mehr über unser Elternhaus zu reden…
    M: Ja gut, ich werde dein zerrüttetes Elternhaus nicht mehr erwähnen…
    X: Aber dein Bruder, das is ’n Arsch …
    U: Der hat doch gar kein Bruder …
    M: Ja eben, das hab ich eben schon erwähnt, daß ich Einzelkind bin …
    X: Was fürn Kind?
    M: Ja, egoistisch, egozentrisch, gierig …
    I: Und du hast kein zerrüttetes Elternhaus?
    U: Nee, ich auch nich!
    I: Weiß ich doch!
    M: Er streitet das immer gerne ab, ne, …
    U: sone Scheiße eh, keiner redet mit mir, nur sone Scheiße, eh
    M: Da darf man ihn nicht drauf ansprechen, das is ihm peinlich …
    I: U, eh, also du bist der U.
    I: Ja. lch bin 20 Jahre, geschieden und hab zwei uneheliche Kinder.
    Alle lachen.
    U: Aber kein zerrüttetes Elternhaus.
    T: … das wird eine Niete … mäp …
    Lachen.
    I: Und deine Kinder haben ein zerrüttetes Elternhaus …
    M: Nein, also, er liebt seine Frau, er ist auch ein guter Vater, immer gewesen…
    I: Ein guter Vater, hm. Und womit ernährst du deine Kinder?
    U., M.: Mit Bier.
    I: Und womit verdienst du dir das Bier?
    M: Durch die Frau.
    U: Durch Arbeit. lm Moment …
    M: Rausschmeißer bei Philips.
    Lachen.
    T: Er hat nämlich sein Abitur schon abgeschlossen, er mochte …
    U: Danke, daß du für mich geredet hast.
    M: Bitte. (allgemeines Lachen)

  4. Einen besonders großen Anteil am Verhaltensrepertoire der Punks hat die exzessive Hingabe, die die vorgeschriebene emotionale Balance zerstört, indem bestimmte Handlungsbereiche beherrschend sind: Hierzu gehört das Musikhören und ganz besonders das »Nichts-tun«, das sich in Rumalbern, »Scheißmachen«, verbalem Anpöbeln zeigt. Ganz drastisch ins andere Extrem gehen die Beispiele, in denen Punks den ganzen Abend in einer Ecke vor sich hinstarren und sich in Bewegungslosigkeit üben. 2 Extreme des »Nichtstun« stehen sich gegenüber, der Drang, Spaß zu haben und »rumzualbern« überwiegt aber eindeutig.

    M: Vor allem, auch wenn ich jetzt hier irgendwie vom Blitz getroffen würde oder so oder tot umfallen würde, war mir auch egal, weil ich mir sag, ich leb immer so, daß ich den meisten Spaß dabei hab. Wenn ich kann, reis ich durch die Gegend und guck mir alles mögliche an, mach dies, mach das, irgendwie viel Abwechslung drin und wenn ich irgendwann mal abkratz, dann hab ich, kann ich sagen, du hast gut gelebt, ne, nicht wie einige andere Leute, bei denen ich immer den Eindruck hab, die wollen zwar irgendwas anderes machen, aber bringen es irgendwo nich…

    Zum Musik hören:
    M: … Das war für mich jetzt, guck ma, das is eben meine Sache, daß ich Stonesfan bin. Meiner Meinung nach ein ziemlich großer Stonesfan, wa, einer der größten, den ich in Aachen kenne, aber weißte, verstehste, für mich kommt es nicht auf die Musik an, ich hör ziemlich viel Musik, ich hör teilweise auch Reggae, New Wave …

    Zum Spaß haben:
    U: lch bin vielleicht vom Aussehen anders, aber so vom Leben und so, immer Spaß haben und so, da bin ich genau gleich wie die auch …
    I: Also Spaß haben ist für euch unheimlich wichtig? Was ist denn zum Beispiel für dich Spaß haben, …
    U: lch hab z. B. Spaß, wenn ich ins VC gehe, hab mein Bierchen aufm Tisch, das heißt ja jetzt nicht, daß ich hier jetzt jeden Abend richtig kräftig schlucke, das ist Scheiß, aber mit den Leuten zusammen sein, und Spaß haben und eben Scheiße bauen, nicht so hier auf die Straße gehen und die Leute dumm anmachen, so wie dat immer heißt, und inner Volkszeitung steht, die Punks am Markt machen alte Omas an und so, dat sind wieder die paar Ausnahmen, dat sind die Beschmierten, die kommen wat weiß ich, aus Hintertupfingen und müssen jetzt hier ihre Schau abziehen, so wat finde ich auch bescheuert, aber Spaß machen, das find ich, immer machen wozu ich im Moment Lust hab, mal wegfahren …

    Rumhängen, rumhocken:
    I: Warum gehst du z. B. hier ins VC? R: Ja, erst mal weil hier lange auf ist, ich komm auch abends ab und zu hier hin, da hocke ich nur hier rum, ich mein, ich hocke ja jetzt auch nur hier rum.· Da rede ich genauso mit anderen Leuten, so wie jetzt mit dir auch. Von hier aus gehe ich meistens noch in die B., die haben einen guten Kicker da stehen, da gehen wir immer Kicker spielen.
    Und wenn wir dann keine Kohle mehr haben, dann hängen wir uns irgendwo in den Supermarkt, oder an den Frischdienst.

    Die nach außen gekehrte souveräne Haltung Erwachsener soll so provoziert werden, so daß sie ihr wahres Gesicht zeigen und sich durch ihre Reaktion unglaubwürdig, in diesem Falle lächerlich machen.

    I: Als ihr das so aus Spaß gemacht habt, (als Punk herumlaufen) da habt ihr doch schon gemerkt, wie die Leute reagiert haben.
    R: Ja, sicher, da haben wir gelacht. Aber nachher … ich habe mich sowieso schon immer darüber aufgeregt, wenn Leute sich die Mäuler zerrissen haben über andere Leute, nur in der Zeit, als ich so angefangen hab anders rumzulaufen, da hab ich mich dann so da reingefressen, daß ich gar nicht mehr anders rumlaufen wollte, obwohl ich den größten Arger zu Hause hatte. · Einen wahnsinnigen Arger mit dem Haarefärben und nachher hatte sich meine Mutter daran gewohnt, man kann sich an alles gewöhnen. Zum Beispiel in Herzogenrath, wo ich da gewohnt hab, das ist ja ein Städtchen, so ein kleines, da ist ja bald alles zusammengebrochen, da wär ich am liebsten mitten auf der Straße gegangen, damit sich die Leute die Augen auskickten, die meinen zwar, ich mach mich lächerlich, in Wirklichkeit machen sie sich selber lächerlich in meinen Augen und für die Leute, die so ungefähr denken wie ich …

    Die Lust am Spaß haben durch Veralbern und Verarschen ist aber nicht nur ein oberflächliches Vergnügen, sondern gleichzeitig eine Form der Erkenntnistätigkeit.14

    Die Reflexion der persönlichen Situation und der Umgebung findet auf einer materialistischen und praktischen Ebene statt. Es ist eine handfeste Form der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse.
    Das wohl drastischste Beispiel eines Verstoßes gegen die allgemein anerkannte Ästhetik ist das Verhalten der Mädchen: Ihr Mäusekult steht im krassen Widerspruch zum herkömmlichen Geschmack. Er kann unter zwei Aspekten gesehen werden. Mäuse sind ekelig und verabscheuungswürdig, ihr Anblick ruft oft bei Frauen hysterisches Kreischen aus. Die in den bürgerlichen Lebenszusammenhängen manifestierten Werte werden negiert und umgekehrt.
    »Ekelige« Tiere werden zu Schmuseobjekten und wirken auf den beobachtenden Durchschnittsbürger wie ein Anschlag auf seinen selten in Frage gestellten Emotionsbereich.
    Der Mäusekult verhöhnt gleichzeitig die Erwartungen, die an mädchenhaftes Verhalten gestellt werden.
    »Die jungen Mädchen nehmen sich- das hat in der weiblichen Pubertät eine ehrwürdige Tradition und wurde von der Jugendforschung wiederholt bemerkt- das Recht auf männliche Anteile: ungebärdige Wildheit, laut, schnell, aufmüpfig. Sie spielen femme fatale – auf jung und proletarisch. Der expressive Punkerstil gibt Mädchen, die mutig sind, genügend Gelegenheit, solche Seiten ihrer Personlichkeit auszuagieren.«15

Lebensanschauungen von Aachener Punks

Die den Punks allgemein zugesprochene Lebensauffassung des »no-future« trifft auf die Aachener nur begrenzt zu. Die soziale Situation der eher proletarischen Punks impliziert die Einstellung des no-future, da sie ohne Arbeit und ohne Hoffnung auf einen neuen Job in psychische Verelendung verfallen. Ein ganz drastisches Beispiel bietet dafür ein 15-16jähriges Paar, das schon von vornherein keine Erwartung an ihr Leben stellt. Sie haben ihr Elternhaus verlassen, gehen nicht zur Schule, haben keine Arbeit und leben nur von einem Tag zum anderen. Nur das »Hier und Jetzt« ist entscheidend und wichtig, an den nächsten Tag zu denken lohnt sich nicht.
Auf die Bohemepunks trifft die Plakatierung »no-future« schon deshalb nicht zu, da sie durch Schule, Lehre oder Studium ihre Zukunft sichern. Sie sind auch jetzt schon durch ihre Eltern sozial so abgesichert, daß sie zumindest von ihrer finanziellen Lage her für sich »no-future« nicht beanspruchen konnen. Alle Punks machen sich weitgehend Gedanken über die politische Lage und setzen sich mit aktuellen wichtigen politischen Themen auseinander. Die Erkenntnis der Realität und ihre Verarbeitung führt sie letztlich zu einer negativen Zukunftserwartung.
Persönliches Engagement wird als zwecklos angesehen, alles mündet in totale Resignation.

I: Hm. Ja und die Inhalte jetzt, grad bei dem Atomkraft nein danke. Stehste dazu oder findste das … (Autolärm)
M: Ja, ich mein, ich persönlich halte auch nich viel von Atomkraft, aber wenn ich mir ansehe, daß, daß hier in Holland und direkt an der DDR-Grenze die Dinger stehen, wa, wenn die hochgehen, daß die uns dann genauso schaden können als ob bei uns eins steht. Da könn’n die auch bei uns eins hinbauen. Is doch scheißegal.
I: Ja, meinste denn nich, daß man die eher verhindern sollte, wo die so gefährlich sind.
M: Ja, das bringt doch nix, wenn du die hier in Deutschland verhinderst, da geht in der DDR oder in Holland irgendwo eins los … Gut, dann haben wir keine und müssen uns damit rumschlagen, wie jetzt die Scheiße nach hierher kommt. Ich mein, im Grunde is mir dat ziemlich gleichgültig, ob die jetzt so’n Ding da hinsetzten oder nich.
I: Also du mochtest deinen Kindern eine gute Zukunft bieten?
U: Ich werde nie Kinder in die Welt setzen. Nöö – nie. Das kann ich mit meinem Gewissen nich vereinbaren.
I: Warum denn nich?
U: … weil das Scheißleben immer scheißiger wird, immer schlechter, ne, und da gibts nix dran zu rütteln. Egal, was man noch anstrengt und unternimmt, egal was es is, egal was für Gruppierungen auftreten, die eventuell, eventuell ne vernünftige Basis bieten, würden, aber im Endeffekt sind das immer wieder Gruppierungen in den Gruppierungen jetzt, Machtgefühl …

Vor allem die Bohemepunks haben sich über ihre Identität als Punk Gedanken gemacht und sich bewußt für diesen Stil entschieden.

»Punk erklärt den alten Zeichen den Krieg. Wie keine andere Subkultur zuvor, haben die Punks mit Stilen provoziert. Punk hatte und hat keine Botschaften, die sich in konkrete Ziele oder politische Aussagen fassen lassen; die Hauptsache liegt in dem confrontation dress.«

Staatsverdrossenheit und Resignation lassen kein konkretes Engagement zu, die Ziele der Punks sind deshalb Provokation und Konfrontation. Besonders deutlich wurde diese Haltung bei denen, die von den sogenannten »Müslis« oder »Muselmanen« zu den Punks wechselten.
Nach Auseinandersetzung mit den Zielen der »Müslis« lehnten sie deren Lebenseinstellung bewußt ab und wurden ebenso bewußt Punk.

I: Ja, haste denn früher auch schon andere Moden so mitgemacht oder is jetzt so das erste Mal, daß es dich so voll packt?
M: Was heißt so voll packt? Sagen wir mal so, das ist das erste, was mir gefällt.
I: Aha.
M: Ich könnt ja auch kröllig rumlaufen oder in Discoklamotten und so, aber dafür sind mir die Leute zu hohl, das gefallt mir auch nicht.
S: oder so hier: peace peace peace, Blumen bewerft euch mit Blumen … oh …
X: einen auf Musel …
I: Müsliman?
S: Müslifresser –
I: Da gibts ja auch sehr viele in Aachen, Müslis.
M: War ich früher auch mal.
I: Ehrlich?
M: Oh forget it
S: Die fressen Tang … aus dem Kaufhaus …
I: Was habt ihr da gemacht?
M: Na, ich mein, ich war nich so voll Müsli, ne …
I: Was hast du denn da gemacht?
M: Da hab ich festgestellt, daß die Leute so stupide sind, so dumm, so so – ich weiß nich, ne, … die labern nur Scheiße. Die Leute sind vollkommen intolerant, tun zwar dicke ‚ah, sind wir liberal, sind wir tolerant, sind wir dies, sind wir das, aber trotzdem, im Grunde zählt nur, wenn de so lange Haare hast, Haare bis auf ’n Boden, ne, und am besten noch son »Atomkraft Nein Danke-Batch«, da biste voll drin.
I: Is das denn so, daß du dich auch mit den Inhalten nich identifizieren kannst, so »Atomkraft Nein Danke«? Das is ja nun wirklich ’n gravierendes Problem, ne.
M: Wat heißt mit den Inhalten, ne. Man kann dat so oder so machen. Mal ’ne Fahrraddemo und immer nur »Frieden Frieden« bringt nix.
I: Was fehlt dir denn da?
M: Ich weiß es nich, meiner Meinung nach labern die Leute einfach nur.
I: Also action fehlt dir.
M: ja genau …
I: Sind die für dich nicht überzeugend?
M: Nee.
I: und wie kommt ihr so damit zurecht?
K: ja, erst lief ich ganz anders rum, so als Musel, so lange Hemden und so … und das fanden meine Eltern auch nich gut. Und dann bin ich halt mit den Punks zusammengekommen und da war ich so mit den zusammen, und babe mich dann auch so angezogen …

Punk kam in der BRD schon als domestizierter Stil an, und wurde zunehmend noch mehr zurückgenommen. Das zeigt ganz deutlich die Bereitschaft, Zugeständnisse an bürgerliche Normen zu machen. Ein wohnungssuchender Punk z. B. wechselte kurzfristig seine Punkkleidung in Jeans und ordentliches Hemd um.

Zusammenfassung:

Punk ist der auffallendste öffentlich gelebte subkulturelle Stil. Seine provozierende Wirkung beruht auf gängigem bürgerlich-ästhetischem Empfinden widerwärtigen Frisuren, Kleidungsstücken und Accessoires in »unmöglichen« Farben und Kombinationen sowie dem öffentlich gezeigten Verhalten, das im wesentlichen aus »Nichtstun« bzw. Stilbrüchen und Regelverletzungen des bürgerlichen Alltagsverhaltens besteht.
Ein einheitliches Selbstverständnis des Punkseins gibt es nicht. Vielmehr reicht das Spektrum von eher boheme-orientierten Jugendlichen, die Punk als »bricolage«, »Living-Art«, als Kunstwerk betreiben und sich auch als Künstler verstehen bis hin zu Punks, die Punk als Konsumstil leben. Schichtenspezifisch läßt sich dies nicht festmachen.
Die ursprünglich auf die englischen Punks zutreffenden Verelendungsmerkmale treffen auf die Aachener Punks nicht zu, lediglich der Begriff »no future« als Ausdruck ihres Kulturpessimismus und ihrer Staatsverdrossenheit bleibt stehen.
Es zeichnet sich ab, daß

  • zur Aachener Punkscene im wesentlichen Jugendliche mit Berufsaussichten gehören,
  • »no future« als Lebensgefühl im o. a. Sinne als »Hier- und Jetzt-Philosophie« gelebt wird,
  • die Arbeit an der eigenen Identität, das »Basteln« an Körper und Philosophien (Bricolage), am sichtbarsten und »radikalsten« geleistet wird; viele Punks haben schon mehrere Lebensstile ausprobiert und schließen nicht aus, einen wieder neuen zu finden,
  • Punk als unisex-Stil Mädchen wie Jungs die Gelegenheit bietet, sich schon rein äußerlich von der zugewiesenen konventionellen Geschlechtsrolle zu distanzieren, darüber hinaus dürfen Punkmädchen »wild und pervers« sein, männliche Punks dürfen Weltschmerz und Gefühle ausdrücken.

Einschränkend müssen wir jedoch bemerken, daß es sich bei den o. a. Punks nur um den sichtbaren und für uns ansprechbaren Teil handelt; es gibt eine kleine, sich im Hintergrund haltende Gruppe, auf die andere Lebensbedingungen zutreffen. Zudem mischen sich – zumindest im Sommer – Teile von jugendlichen Trebegängern unter die auf öffentlichen Platzen »nichtstuenden« Punks.


1 Jugend ’81. Lebensentwürfe, Alltagskulturen, Zukunftsbilder Bd. 1, Opladen 82. Hrsg. von der Deutschen Shell (im folgenden abgekürzt Shell-Studie) S. 537.

2 Zitat aus unseren Interviews.

3 und 4 Zitate aus den Interviews, vgl. auch Kapitel Jugendkneipen – ein Vergleich.

5 Eine Kneipe in Aachen.

6 Vgl. Brake, a.a.O., S. 93 ff.

7 Vgl. dazu auch Shell-Studie, S. 555.

8 Es sei denn, in persönlichen Gesprächen mit den Interviewerinnen.

9 Last Exit, S. 223.

10 Last Exit, S. 224.

11 Vgl. Shell-Studie, S. 533 ff.

12 Shell-Studie, S. 558.

13 Vgl. Shell-Studie, S. 559.

14 Vgl. Hartwig, S. 123.

15 Shell-Studie, S. 548.

Einblicke

31. Dezember 2010

AC DISCOTHEKEN&KNEIPEN SZENE 1982

Filed under: a, Aachen in den 80ern, Aachener Kneipen, Discos AC — Allo Pach @ 12:40 pm

Hier mal wieder ein kleiner Aachener Kneipen/Discotheken Überblick. Diesmal aus dem Stadtbuch Aachen, 1982 (Klenkes Verlag), welches Babula und ich gestern in einem Antiquariat der Kaiserstadt auftaten.

Wie immer sind kleine Geschichten zu den Örtlichkeiten willkommen. Besonders interessant:
Le Spectacle (war ich da je?), CaDeWe (New wave Kneipe?), Rinnsal, Muckefuck, Sandloch(?).
Erstaunt hat mich, dass es 1982 das UKW noch gab, außerdem wußte ich nicht, dass das Make up auch mal Top/Hollywood hieß. Wann war das? Noch ne Frage: Wo war denn die Rollerdisco in der Citypassage?

16. Dezember 2009

>FREIES RADIO AACHEN 2 1982

Filed under: Cassetten AC, Freies Radio Aachen — karl pach @ 7:36 am
Von 1981 bis 1983 hatte Aachen auch einen eigenen Piratensender. Die seltenen Sendetermine wurden seinerzeit über die einschlägig bekannten Verbreitungsorgane kundgegeben. Nächtens kurvte der Sendewagen, ein umgebauter Bulli, über die Hügel des Aachener Westens und sendete während der Fahrt über einen selbstgebauten UKW Sender. Livesendungen aus dem Bulli waren umstandsbedingt nicht möglich, man sendete auf Kassette vorbereitetes Material. Glücklicherweise veröffentlichte der „Freundeskreis FRA“ die Sendungen seinerzeit auf Kassette. In der hier vorliegenden Ausgabe hören wir u.a. einen Bericht in dem aachener Jugendliche darlegen warum (!) sie Mofa fahren.

Seite 1: http://www.megaupload.com/?d=YWHHRUZY
Seite 2: http://www.megaupload.com/?d=QXJLC3SF

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.