Aachener Untergrund Kultur

29. November 2014

Hervé & KiloWatt, Liebe ist: wenn man andere mitmachen läßt

Hervé & KiloWatt, Liebe ist...

Hervé & KiloWatt, Liebe ist…

Unsere Kollegen von Tape Attack haben die Cassette „Liebe ist: wenn man andere mitmachen läßt“ von Hervé und KiloWatt (alias HKW) veröffentlicht, die 1982 unter dem Motto „Hören – ne Pizza legen – den Löschköpfen zum Fraß vorwerfen“ auf eigenem Label erschien. Zitat vom Cover:

Wie macht man eine Cassette, wenn man außer Klarinette kein Instrument beherrscht?
Ganz einfach:
Man nehme einen selbstgebastelten Synthii, ein paar Werkzeuge, die man gerade zur Hand hat und mische alles mit einer Portion Fritten Phantasie.
Das Ergebnis?
Hört Euch unseren Schund an!
Diejenigen Komma die uns Gleichgesinnte Prolobands nennen Komma sind selbst zu feige / faul / blöd / phantasiearm, was eigenständiges zu produzieren. Punkt Amen

Hinter KiloWatt steht bekanntlich unser Blog-Mitarbeiter Klaus Wittmann, dessen 80er Jahre-Erinnerungs-Ebook Zeittotschläger wir hier nochmals wärmstens empfehlen. Auch die Entstehungsgeschichte dieser Cassette wird darin rekonstruiert:

Die SOUNDS veröffentlichte gleich in der ersten Ausgabe, die ich kaufte, die Adresse von Silvio aus Herzogenrath, der auf seinem Label REINFALL den Aachener Sampler SO NICHT herausgab. Unglaublich, wer da wenige Kilometer von uns entfernt elektrisierenden Krach machte: Z.B. URIN, ABSTAND, NEROS TANZENDE ELEKTROPÄPSTE, TIEFPUNKT, ZUKUNFTSWEISENDE ZUSAMMENKUNFT, DIE KURSCHATTEN, ABNORM, KURZSCHLUSS und KEINE AHNUNG. „Das ist die neue Zeit / Das ist das Ende“ , hieß es, und „Deutschland brennt“ , aber auch Dada-Hits wie „2 Füller und 1 Kamm“ . Wir waren auf-der-Stelle aufgeregt und von einem unbekannten Fieber erfasst: Was wir da hörten, war völlig neu, klang aufregend, unkonventionell. Man brauchte keine millionenschwere Ausrüstung und keinen polierten Sound! Als dann auch noch „Da vorne steht ne Ampel“ von DER PLAN und frühe Sachen von ANDREAS DORAU aus dem Radio schepperten, war uns klar: „Das können wir auch!“ Das Prädikat „Punk“ erlaubte Dilettantisches und Primitives und schuf eine neue Bewertungsebene: Deine Kunst muss nicht ausgereift sein, nur phantasievoll, energisch und gegen den Strom. Nach den Hausaufgaben wurden wir zu Hervé & kilowatt bzw. den PARKHAUSHÄNKERN […Copyright des Textes bei Klaus Wittmann]

Das Herunterladen der digitalisierten Hervé/Kilowatt-Cassette lohnt sich gerade auch wegen der Beileger-Texte, wie z.B. diesem hier:

Eines schönen Tages in der nahen Zukunft werden wir alle, die wir uns Mensch nennen, auf unseren Buden / Zimmern / Appartements hocken, eingeschlossen von großer eisiger Leere, umgeben von Kochtöpfen und Casios®, Magnettonbändern und Radios und eingewickelt in Kopfhörer, Knöpfen und Phantasie. Wir werden unsere Tonträger nur noch zum eigenen Konsum herstellen, die Kommunikation ist abgebaut, die Straßen / Wege und U-Bahnen sind leergefegt.

7. Dezember 2011

Rückstand, TE Musik, Abnorm und Perlen vor die Säue in „Irre“ 5/82

Cover Irre 5

Die Kollegen von Tape Attack haben gerade einen Scan der fünften Nummer von „Irre“ veröffentlicht, zu seiner Zeit (’82) eines der wichtigsten Fanzines aus und über die deutsche Cassettenlabel-Subkultur. „Irre“-Macher Matthias Lang (hier und hier neuere Interviews mit ihm) war zwar kein Aachener, sondern wohnte in Ramstein, widmete sich hier aber ausführlich dem Aachener Musikwesen aus dem Umfeld der Reinfall-Tapes. Anlass dafür war wohl ein Auftritt der Reinfall-Supergruppe Rückstand im Saarland. Hier der Konzertbericht im launigen, „Sounds“-geschulten typischen 80er-Jahre-Stil:

Rückstand live

Als ich hörte, daß Rückstand in unserer Gegend (im tiefsten Saarland) spielen würde, war mir klar, daß ich das hinmußte. Wo doch 1. die Gruppe tolle Musik macht und 2. der ENK vom Goldextra den Bass spielt. Klare Sache, daß auch die saarländische Fanzineszene gut vertreten war durch Walter (Mitty) und Martin (Uder). Ebenso war Mr. Kurt Scheiber aus Windsheim da, der mich vor dem Konzert liebenswürdig drum bat (!!!), ja auch zu kommen (Hiermit grüße ich alle). Publikumsmäßig (so fängt jede LiveKritik an) waren folgende Sparten da: Punks, die laufend um Geld bettelten, Hippies, der schlimmsten Sorte, rocker, die etwas spät kamen, normalsterbliche (ich) und einige undefinierbare. Das Konzert begann so um 10 Uhr + endete 1 Stunde später. Rückstand spielte sehr gut, sehr funkig/tanzbar und insgesamt 12 Songs, darunter INDUSTRIESTADT/EINE KUGEL/KEINLANDINSICHT….! Der Sound war etwas übersteuert, aber ich habe schon schlechteres gehört. Vor und nachdem Konzert unterhielt ich mich ein wenig mit Kolleggen, man tausche Tapes. Mehr gäbs nicht zu sagen, ach ja, von Rückstand gibts saubillige Tapes in sehr guter Qualität, Adresse irgendwo weiter hinten….

An diesem Abend gingen wohl ein paar Reinfall-Tapes aus dem Reisegepäck von Rückstand-Schlagzeuger und Labelboss Silvio Franolic in den Besitz von Matthias Lang über. (Umgekehrt tauchten damals im Sortiment von „Mono“, wo Silvio noch als Paul Steinbuschs Kompagnon arbeitete, saarländische Tapes u.a. von Andi Arroganti auf.) Denn auf den hinteren Seiten des Hefts lesen wir folgende Besprechungen:

TE Musik/ Licht und Luft gibt Saft und Kraft
Reinfall Tapes

Zunext einmal die Mitteilung, daß es ein sehr gutes Tape ist, aufgenommen 79-82 in Köln und M-gladbach. Stilistisch bunt gemischt, etwas instrumental, etwas funk, etwas punk, viel gesang, teilweise (überwiegend) guter Gesang, wirklich sehr gut. Der Song ‚Disziplin‘ erinnert ein wenig an BAP, wie gesagt, ein wenig. Der letzte Song auf Seite 1 ist dann sehr traurig gehalten: ‚Körper‘. Männer in weissen Anzügen kommen und tragen Dich weg….. Das Tape ist nicht nur sehr gut (Prädikat Label: Wertvoll) sondern mit DM 4.– für jeden erschwinglich.

Eine Seite weiter:

Abnorm / Leise flehen meine Lieder c-30 ReinfallTapes, 5120 Herzogenrath, Bodelschwinghstr. 6

Dieses Tape wird von Peter Horton eröffnet mit einem seiner tollen TV Ansagen (letztes Mal traf ich einen Freund, er setzte sich ans Klavier, ich sang…), dann gehts allerdings ziemlich geordnet chaotisch weiter, das erste Stück auf Seite B super funkig, mit einer echt guten Funkgitarre, schnell gespielt. Gegen Schluß von Seite B dann noch ein langsameres Stück, schon leicht in Jazz Gefilden zuhause, aber alles in allem ein Klasse Tape, mit einer Qualität, wie’s besser wahrscheinlich nicht geht.

Und:

Perlen vor die Säue c-30 ReinfallTapes

Auch hierüber nicht viele Worte, ein gutes abwechslungsreiches Synthitape mit vielen guten Ideen, die Freunde [sic!] und Spaß machen. Eine Empfehlung des Hauses

4. August 2010

TAPESZENE Ausgabe 0

Filed under: Fanzine, Reinfall Tapes — karl pach @ 6:37 am
„Linde Tapes“ von Uwe Stelzmann, Bamberg brachte 1983 die Ausgabe 0 des Tapezines „TAPESZENE“ auf 2 C10 Kassetten raus. Vermutlich war die Ausgabe nur für Promozwecke bestimmt.
Was das Zine für uns interessant macht ist ein Bericht über die Aachener Kassettenszene und die örtlichen Surroundings. Sprecher ist kein Geringerer als Mr. Reinfall himself: Silvio Franolic. Untermalt wird das musikalisch von NTEP. Ein echtes Leckerli…
Seite 3: http://www.megaupload.com/?d=69IX2UHO
Seite 4: http://www.megaupload.com/?d=DNA4BPYO

Großen Dank an Tommy!

12. April 2010

NEROS TANZENDE ELEKTROPÄPSTE – Ein Wiedersehen

Filed under: Aachener Musikszene, Reinfall Tapes — karl pach @ 6:08 am
SO das ist der 150. Beitrag in diesem Blog. Als wir (die Pachs) mit dem Blog anfingen, konnten wir uns nicht vorstellen, was wir lostreten würden. Dass mir aktive und/oder ehemals aktive Aachener Schaffende bereitwillig zur Seite stehen oder gar ihre Werke zur Verfügung stellen ,ehrt mich und ist Treibstoff fürs weitermachen. Kartonweises abwerfen von Kassetten oder denkwürdige Besäufnisse sind Geschenke, für die ich mehr als dankbar bin. Die mittlerweile gewonnene Detailkenntnis über vergangenes Geschehen könnte ein Buch füllen.Beim 150. Posting muß natürlich was ganz besonderes kommen. Knapp 30 Jahre nach ihrer letzten Kassettenproduktion hatte ich die Ehre mit „Neros tanzende Elektropäpste“ einen bunten Abend zu verbringen. Enk und Rolf Merx zu treffen ist ein schwieriges Unterfangen. Enk ist üblicherweise nicht mehr in Europa anzutreffen und Rolf zog es flußwärts.
Ursprüngliche Intention war die beiden zu interviewen. Meine persönliche Befangenheit (großer Fan!), sowie die heitere Stimmung bei der Zusammenkunft machten da aber einen Strich durch die Rechnung. Dafür konnten Fakten zu Werden und Werk zusammengetragen werden.

Die Neros produzierten von 1981 bis 1983 4 Kassetten beim Reinfall Label. Enk und Rolf lernten sich bei der Bundeswehr kennen. Enk spielte ursprünglich als Bassist bei „Rückstand“, Rolf als Gitarrist bei „Der Verdacht“. Enks Abnabelung von Rückstand begleiteten 2 Kassetten als „Abnorm“, welche er zusammen mit dem Rückstand Gitarristen bespielte, ebenfalls bei Reinfall Tapes erschienen und hier bereits gepostet.

Enk dazu:
ABNORM waren der Rückstand-Gitarrist Dieter „Jah“ Wagner und ich, sonst hat niemand sich beteiligt. Die Sache lief auch nur ein knappes Jahr, da nach dem vermeindlichen Ende von Rückstand, Silvio & Co. probten dann noch eine Weile mit einem anderen Bassisten, sind aber nie wieder aufgetreten, mein Kontakt zu den übrigen Beteiligten, so auch Dieter Wagner, abriß. Abnorm war ein Projekt, bei dem ich mit Korg MS 20, Casio VL10 (einer Art singendem Rechenschieber, der aber ganz brauchbar klang), der MFB-Rythmusmaschine und dem MFB-Sequencer im Verbund mit einem Bandechogerät und einigen „Tretminen“ allerlei Basteleien anstellte und Wagner Gitarre bzw. manchmal auch Schlagzeug spielte. Man könnte sagen, Abnorm war das direkte Vorläuferprojekt zu den Neros, so wie „Östens Mästare“ deren Ausklang darstellte. Ich bin nach dem Wechsel von der Uni Köln nach Heidelberg 1983 dann immer seltener in Aachen/Würselen gewesen und habe nach einer Musikpause erst wieder 1985 mit Bass und zwei Korg-Rythmusmaschinen angefangen, etwas zu machen. In Pretoria, zusammen mit Gunnar und Pera Schillings (ex-Verdacht) und Leuten vor Ort.

Rückstand hatten seinerzeit einige, auch überregionale Auftritte, wollten aber die eher konventionelle New Wave Schiene bedienen. Die Kernbesetzung der Neros unterstützte bei der ersten Kassette Alfons Jansen. Alfons war ein Elektronikbastler, der mit selbstgebautem Krachequipment unterstützte. Ab der 2. Kassette ersetzte Jürgen Neukirchen den Alfons, welcher mehr in Richtung Klaus Schulze wollte. Nach der letzten Neros Kassette folgte noch eine Kooperation mit Axl Grumbach unter dem Namen „Ostens Mastere“.

Enk dazu:
Der Ausgangspunkt zu „Östens Mästare“, so fällt mir gerade noch ein, waren ein paar Sessions in einem Probekeller in der Antoniusstraße, wo eine der Verdacht-Subgruppen probte und wir durch Rolf mit hinein konnten. Ein oder zwei Mal war dabei Axel Grumbach mit von der Partie. Ich erinnere mich, dass eine erste Version von „Die heilige Kraft des Sozialismus“ dort, im Keller des Puffs, entstand: ein treffender Ort. Später haben wir zuhause bei Axel weiter aufgenommen, woraus dann die Kassette „Elefanter pa taget“ entstand.

Proberaum im Puff – muß der Himmel sein…

Enk abschließend:
Der Kontakt zu Rolf riß dann bis Ende 1989 ab, und ich habe zwischendurch (1986-87) in Heidelberg mit einem Organisten eine Art Shriekback-Versatzmusik gemacht, allerdings mit DaDa-Texten. Was aber auch der Zahn der Zeit verschlungen hat.

Angeblich existiert „Der Verdacht“ ja noch, vielleicht muß nur jemand mal beim Trommler klingeln…

Neros tanzende Elektropäpste Kassettografie:

1981
Wer schön sein will, muß leiden
RC011

1982
Portrait einer Legende
RC015

1982
Hamsterfunk aus der Landesanstalt
RC016

1983
Die hohe Kunst des Schwitzens
RC019

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