Aachener Untergrund Kultur

8. Juni 2015

Giorgio Moroder: Disco in Aachen erfunden

Filed under: Aachen in den 60ern, Aachen in den 70ern, Aachen-international, Discos AC, Kultstätten in AC — Dieter Antonio Schinzel @ 9:58 am
Der Scotch Club 1965

Der Scotch Club 1965

„Als ich in den Sechzigern von Südtirol nach Deutschland kam, wo bin ich da aufgetreten? In Diskotheken wie dem „Scotch Club“ in Aachen. Der Besitzer war der Vorsitzende der DDO, der Deutschen Discjockey-Organisation. Da war ich Mitglied. Platten waren billiger als Kapellen und Orchester. Ich glaube auch fest daran, dass Disco schon damals in Deutschland erfunden worden ist.“

Das sind die letzten Worte eines Interviews mit Giorgio Moroder in der Welt vom 7.6.2015.

Die englischsprachige Wikipedia nennt den Scotch-Club die erste Discothek der Welt: „Since the opening of the Scotch-Club in late 1959, other discothèques opened throughout Aachen and in other major towns. When the first club opened in the USA, there were already 17 discos in Aachen.“ Siehe auch unsere beiden älteren Beiträge!

6. Dezember 2014

Neros tanzende Elektropäpste im Science Fiction-Park Bundesrepublik

Science Fiction Park Bundesrepublik, Plattencover

Der geschätzte Felix Kubin hat unter dem Titel Science Fiction Park Bundesrepublik eine Best-of-Doppel-LP westdeutscher Cassettentäter-Musik der Frühachtziger veröffentlicht. Die Auswahl ist gelungen. Neben unbekannten Tracks bekannter Musiker wie Holger Hiller, Pyrolator und Chrislo Haas/Beate Bartel finden sich obskure Highlights vom Hildesheimer Pissende Kuh-Cassettenlabel (aus dessen Umfeld Film- und Theaterregisseur Wenzel Storch stammt) und damals umtriebige Cassettentäter wie Z.S.K.A. und Frank Schröder.

Science Fiction Park Bundesrepublik, Track list

Weshalb wir das hier vermelden: Track Nummer 3 der ersten LP ist „Der singende Lenorhaushalt“ von Neros tanzenden Elektropäpsten, 1982 auf der zweiten NTEP-Cassette Porträt einer Legende erschienen.

Damit haben es Neros tanzende Elektropäpste nach 32 Jahren aufs ZickZack-Label geschafft, auf das ihre Musik unserer Meinung nach schon damals gehört hätte.

Besprochen wurde Science Fiction-Park Bundesrepublik unter anderem im Freitag („Dabei sind einige der hier versammelten Stücke schlicht unhörbar, aber darum geht es nicht“) sowie im neuen WIRE (der die LP durch seinen britischen Krautrock-Obsessionsfilter laufen ließ: „the autobahn-hogging bassline of Plastiktanz‘ ‚Pelikan’… Frank Schröder’s ‚Ohne Titel‘ … evokes in kosmische-tinted form, some of the meditative, mid-life blues of Bob James‘ classic theme from US TV comedy Taxi“).

30. November 2014

Purer Spaß mit Hervé & KiloWatt

Filed under: Uncategorized — Dieter Antonio Schinzel @ 11:17 pm
Purer Spaß Nr.1

1982-1983 schrieben, collagierten und fotokopierten Hervé und KiloWatt das Fanzine „Purer Spaß“ in Eschweiler. Mittlerweile stehen alle vier Nummern (1, 2, 3, 4) bei unseren Kollegen von Tape Attack.

Titelbild und Editorial der ersten Ausgabe geben schon eine kleine Vorahnung der späteren Stadtplaner-Laufbahn von Macher KiloWatt/Klaus Wittmann:

In Eschweiler fehlt etwas (ach was). Kaum zu glauben. Hier gibts ein Rathaus, welches ich extra zu diesem Zweck zerstören ließ, puren Spaß zu haben, ist mir nichts zu teuer, in Parkhaus, Straßen (kaum zu glauben), einen Fluß (Wird Zeit, daß DU einmal hineinspringst, denn dann kommst du, ja DU, entwickelt wieder raus), Zeitungen, einen Stadtwald, eine Autobahn, dr3i Festhallen, potentionelle, professionelle Rockbänds, ein Rockfestival, Alt-Hippies – eingehüllt in Ach-wie-süße-Hasch-Mariuhana-Wolken-Schwaden – und Pseudo-Punx etc… Eines schönen Tages, als ich unschuldigerweise wieder einmal 2 Groschen in eine hungrige/gefräßige/gierige Parkuhr schlitzte/steckte, fiels mir wie der Schornsteinfeger von der Leiter (aua); EscHweIlerR fehlt – ein – Fanzine. Und, Halloooochen, Willkommen, hier ists! FREUDESCHOENERGOETERRFUNKENFREUDESCHOENERGOETTERFUNKEN

Ansonsten finden sich in den Nummern u.a. Verweise auf den Mit-Eschweiler Theo Trickbeat sowie zahlreiche Rezensionen von Reinfall-Tapes und Artverwandtem aus der damaligen deutschen Cassettentäterszene.

29. November 2014

Hervé & KiloWatt, Liebe ist: wenn man andere mitmachen läßt

Hervé & KiloWatt, Liebe ist...

Hervé & KiloWatt, Liebe ist…

Unsere Kollegen von Tape Attack haben die Cassette „Liebe ist: wenn man andere mitmachen läßt“ von Hervé und KiloWatt (alias HKW) veröffentlicht, die 1982 unter dem Motto „Hören – ne Pizza legen – den Löschköpfen zum Fraß vorwerfen“ auf eigenem Label erschien. Zitat vom Cover:

Wie macht man eine Cassette, wenn man außer Klarinette kein Instrument beherrscht?
Ganz einfach:
Man nehme einen selbstgebastelten Synthii, ein paar Werkzeuge, die man gerade zur Hand hat und mische alles mit einer Portion Fritten Phantasie.
Das Ergebnis?
Hört Euch unseren Schund an!
Diejenigen Komma die uns Gleichgesinnte Prolobands nennen Komma sind selbst zu feige / faul / blöd / phantasiearm, was eigenständiges zu produzieren. Punkt Amen

Hinter KiloWatt steht bekanntlich unser Blog-Mitarbeiter Klaus Wittmann, dessen 80er Jahre-Erinnerungs-Ebook Zeittotschläger wir hier nochmals wärmstens empfehlen. Auch die Entstehungsgeschichte dieser Cassette wird darin rekonstruiert:

Die SOUNDS veröffentlichte gleich in der ersten Ausgabe, die ich kaufte, die Adresse von Silvio aus Herzogenrath, der auf seinem Label REINFALL den Aachener Sampler SO NICHT herausgab. Unglaublich, wer da wenige Kilometer von uns entfernt elektrisierenden Krach machte: Z.B. URIN, ABSTAND, NEROS TANZENDE ELEKTROPÄPSTE, TIEFPUNKT, ZUKUNFTSWEISENDE ZUSAMMENKUNFT, DIE KURSCHATTEN, ABNORM, KURZSCHLUSS und KEINE AHNUNG. „Das ist die neue Zeit / Das ist das Ende“ , hieß es, und „Deutschland brennt“ , aber auch Dada-Hits wie „2 Füller und 1 Kamm“ . Wir waren auf-der-Stelle aufgeregt und von einem unbekannten Fieber erfasst: Was wir da hörten, war völlig neu, klang aufregend, unkonventionell. Man brauchte keine millionenschwere Ausrüstung und keinen polierten Sound! Als dann auch noch „Da vorne steht ne Ampel“ von DER PLAN und frühe Sachen von ANDREAS DORAU aus dem Radio schepperten, war uns klar: „Das können wir auch!“ Das Prädikat „Punk“ erlaubte Dilettantisches und Primitives und schuf eine neue Bewertungsebene: Deine Kunst muss nicht ausgereift sein, nur phantasievoll, energisch und gegen den Strom. Nach den Hausaufgaben wurden wir zu Hervé & kilowatt bzw. den PARKHAUSHÄNKERN […Copyright des Textes bei Klaus Wittmann]

Das Herunterladen der digitalisierten Hervé/Kilowatt-Cassette lohnt sich gerade auch wegen der Beileger-Texte, wie z.B. diesem hier:

Eines schönen Tages in der nahen Zukunft werden wir alle, die wir uns Mensch nennen, auf unseren Buden / Zimmern / Appartements hocken, eingeschlossen von großer eisiger Leere, umgeben von Kochtöpfen und Casios®, Magnettonbändern und Radios und eingewickelt in Kopfhörer, Knöpfen und Phantasie. Wir werden unsere Tonträger nur noch zum eigenen Konsum herstellen, die Kommunikation ist abgebaut, die Straßen / Wege und U-Bahnen sind leergefegt.

6. Mai 2014

Aachen-Tourismus 2014

Filed under: Aachen bizarr, Aachener Untergrund, Politik — Dieter Antonio Schinzel @ 12:39 pm

Nach Dieter Antonios Aachen-Besuchen in den Jahren 2012 und 2013 war wieder eine Stadterkundung fällig. Diesmal stand sie im Zeichen um sich greifender EU-/USA-/Russland-/Ukraine-/Deutschland-Paranoia, links wie rechts. Beim AZ-Jubiläumsfest tanzte die Menge zu Technopunk mit O-Ton-Fantasien über ein gewaltiges schwarzes Loch zwischen Rhein und Elbe, das Nach- oder Noch-Nazideutschland in einem Rutsch verschluckt, während am Eingang Antifa-Flugblätter nötige journalistische Aufklärung über die Durchsetzung der Alternative für Deutschland mit ex-Republikanern leisteten. Auf der Straße dominierten hingegen ‚KenFM‘-Graffitis und Artverwandtes – neben den üblichen Seltsamkeiten aus Glauben und Alltag, die wir unseren Lesern frisch aus der Kamera servieren.

Pyramide

Es beginnt am Domvorplatz.

KenFM 1

Adalbertstraße: Verschwörungstheoretiker-Internetkanal KenFM am Bauzaun des “Aquis Plaza”

KenFM 2

Mehr.

KenFM 3

Und noch mehr.

Kopf Sender

Unterdessen in derselben Straße…

Kopf Sender 2

…in diversen leerstehenden Läden.

Hieroglyph

Okkulte Zeichen…

Alley Cats

…auch hier…

Nostradamus

…und hier…

CIA

…und hier sowieso.

Vater Staat Sohn einer Ratte

Die Gegenkultur ist nicht weit…

Stammheim spielen Rammstein

…bis zum Amok aller Bezugnahmen.

Stop Taliking

Don't touch my car

Klare Ansage…

Car Station

…vor verborgenen Stätten.

Psychosynthese

…statt Psychoanalyse.

Gloria Döner Palast

Sic transit Gloria.

Pomm Döner

Aachen Fusion…

Normal Uhr Salat

…Food

out-of-norm

Tussi Tüte

Exotica

Vacuum

Absauger

Himmelsreise

Pauschalangebot

16. April 2014

„Jenseits vom Bundestag“: Cassetten-Sampler mit The Nixkönner

Filed under: Aachen in den 80ern, Aachener Bands, Cassetten AC, Punk in Aachen — Dieter Antonio Schinzel @ 6:18 pm

Jenseits vom Bundestag, cover

Unsere Kollegen vom Blog Tape Attack haben den Cassetten-Sampler „Jenseits vom Bundestag“ (Nastrowje-Label, 1985) online gestellt. Darauf findet sich auch das Stück „Onanieren“ der Aachener Funpunk-Truppe The Nixkönner, bei der u.a. auch Frank Papst Buchholz mitmischte.

31. März 2014

Fjort: Aachener Untergrund 2014 in der „Zeit“

Filed under: Aachener Bands, Aachener Musikszene, Rock in Aachen — Dieter Antonio Schinzel @ 6:56 pm

Die Zeit widmet der Aachener Posthardcore-Band Fjort, deren Debütalbum gerade erschienen ist, einen Artikel.

Ältere Semester wie wir fühlen sich (gerade bei den Texten) nostalgisch an den KFC und die frühen Fehlfarben erinnert.

25. Dezember 2013

Einblicke, Folge 4: „Ex“ und „Volksboiler“

Einblicke - Buchcover

Kein Entrinnen vor den Einblicken des Soziologenteams um Ingrid Peinhardt-Franke – weder für die Aachener Subkulturen im Jahr ’82/83, noch für unsere Blog-Leser dreißig Jahre später!

Im nun folgenden Kapitel nahm man sich die Aachener Bands Ex und Volksboiler aufs knallhart ideologiekritische Korn. (Wir vermuten, dass die Wahl auf diese so verschiedenen Bands nur deshalb fiel, weil sie zum Line-up des DAC-Labels gehörten. DAC-Cassetten lagen damals auch in Politbuchläden wie Babula aus, im Gegensatz zu den Produkten anderer Aachener Cassettenlabels wie Reinfall und SMC.)

Text ab (hier auch als PDF):


Rockmusik — Kommerzielle Populärkultur oder Ausdrucksmedium subkultureller Opposition?

Hardy Delnui, Jutta Stieler

"Im musikalischen Rahmen finden keine Revolutionen statt. Auch keine musikalischen."1

Rockmusik ist bekanntlich — auch wenn sie es ab und an vorgibt — nicht ein Ausdrucksmittel des Protests, das etwa tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewirken könnte, sie kann allenfalls als ein Spiegel fungieren, da sie aus Sicht der Subkulturen und des "Underground"‚ jener Welt, in der die Rockmusik beheimatet ist, als eine Art Seismograph den Zustand der Gesellschaft anzeigen, gegen die sie sich wendet, von der sie (nicht immer!) geduldet und schließlich — aus noch zu nennenden Gründen — vereinnahmt wurde und wird.

"Musik als Ausdrucksmittel..." ['Einblicke', S. 243]

„Musik als Ausdrucksmittel…“ [‚Einblicke‘, S. 243]

Die Geschichte der Rockmusik ist eine Geschichte subkultureller und teils auch modeorientierter Jugendtrends — wobei man modische und subkulturelle Trends nicht gegeneinander ausgrenzen kann — und sie vollzog sich analog zur Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft in Zusammenhang mit der zunehmenden Trennung von Produktion und Konsumtion, von Freizeit und Arbeit und der Ausweitung des unproduktiven Sektors und einer Bedürfnisindustrie, die zwecks Konsumanreiz immer neue Bedürfnisse schafft und immer neue Absatzmärkte erschließt.

Die Veränderung der Produktionsbedingungen und häuslichen Verhältnisse seit Anfang dieses Jahrhunderts, die Ausweitung von Bildungseinrichtungen, von Freizeit- und Konsummöglichkeiten sowie Autoritätsverlust der Eltern etc. schufen die Voraussetzungen dafür, daß Jugendliche eigene (nicht unbedingt autonome!) Institutionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Rockmusik, entwickeln konnten.

"Spätestens seit Anfang unseres Jahrhunderts gab es die Schreckensvision von einer eigenen Welt der Jugend, die von den Interessen der Erwachsenen unberührt bleibt und ausschließlich von den Normen Gleichgesinnter bestimmt wird."2

Demgemäß wurden Jugendliche auf der einen Seite zum Objekt verschärfter Integrationsbemühungen, aber gleichzeitig stilisierte man "die Jugend" gerade aufgrund ihrer hedonistischen Orientierung und ihrer Abkehr vom rigiden Normgefüge der etablierten Gesellschaft zum Symbol von Ungezwungenheit und eines freieren Lebensstils. Jugendlichkeit avancierte zu einem besonders werbewirksamen Konsumideal. Mit der Favorisierung konvergierte die allmähliche Etablierung eines Marktes, der speziell auf den Jugendkonsum zugeschnitten wurde; nämlich in Form von Discos, Pubs, Coffeebars, Dance-halls, Boutiquen, Plattenläden etc.‚ wobei der Musik, vor allem der Rockmusik, aufgrund ihrer stimulierenden Wirkung als Transporteur von Gefühlszuständen eine besonders herausragende Rolle zukommt.

Seit der Entstehung verschiedener Jugendtrends und -kulturen — angefangen bei den Teenagerkulturen der 20er und 50er Jahre über die eher politisch orientierten Gegenkulturen der 60iger und 70iger Jahre sowie den neuesten Trends in der Punk- und New Wave-Szene seit 1976/77 — kann man ein Phänomen durchgängig beobachten; und zwar daß alle jugendlichen Subkulturen — mit Ausnahme vielleicht der eher quietistischen Bewegungen — durch Markt- und Steuerungsmechanismen, die auf Beherrschung eines möglichst großen Massenmarktes hin konzipiert sind, ihrer systemschädigenden Elemente beraubt, durch das System vereinnahmt und ihrer spezifischen Ausdrucksformen enteignet wurden. Simon Frith beschreibt diesen Vorgang der "kulturellen Enteignung" anhand des Aufstiegs und Niedergangs des Rock’n Roll der 50er, der Rockmusik der 60er und des Punkrock gegen Ende der 70er Jahre.3

Dem Prozeß der Vereinnahmung und Kommerzialisierung kann sich keine Subkultur von vornherein entziehen. Im Gegenteil ist jede Kultur, die im Kapitalismus entsteht, den widersprüchlichen Bedingungen des Systems ausgesetzt und ihre Ausdrucksmittel reflektieren die Auseinandersetzungen innerhalb der "kapitalistischen Kultur"4 und "(…) die Probleme, die entstehen, wenn Träume abgepackt und verkauft werden."5

Der Anspruch vieler Rockmusiker unkommerziell oder avantgardistisch zu sein oder so etwas wie eine subversive Kultur zu repräsentieren ist wohl eher als Ideologie zu bezeichnen, da die Notwendigkeit wirtschaftlich zu existieren oder als Musiker Erfolg zu haben und ein Publikum zu gewinnen auch eine gewisse Orientierung an aktuellen Trends und dem bestehenden Markt erfordert.

Auf Grundlage einer fundamentalen Kritik des Industriekapitalismus gehen linke Ideologiekritiker davon aus, daß die kommerziell produzierte Musik unter den politischen und ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus als ein "Instrument der sozialen Kontrolle"6 fungiere, da sie aus ideologischen und kommerziellen Erwägungen die radikalen Impulse jugendlicher Identitätssuche und Widerstandspotentiale kanalisiere und mit Hilfe "orgastischer Ausdrucksformen" in den "(…) konditionierten Reaktionen des Bauches (…)"7 untergehen lasse.

Adorno zufolge implizieren Warencharakter und ideologischer Nutzen den Wert der sogenannten Massenkultur (einschließlich der Rock- und Popkultur), deren Konsum unter den technologischen Bedingungen relativ beliebiger Reproduzierbarkeit zu einem entfremdeten Vorgang wird, der mit der von Adorno geforderten Kreativität und dem Protestcharakter ästhetischer Ausdrucksformen nichts mehr gemein hat. Die Phantasie der Hörer wird ihrer utopischen Kraft enteignet, Bewußtsein und Phantasie kolonisiert, besetzt vom Stakkato einer standardisierten Kunst, die nicht mehr "Quelle der Hoffnung" auf Veränderung sein kann, sondern nur noch "Symbol der Kastration".8

Da zwischen der ursprünglichen Musik und dem Hören der Musik — auch bei Live-Auftritten — komplizierte technische Vorgänge der Klangproduktion und -umsetzung sowie bei Einstieg in das große Musikgeschäft (d. i. Schallplattenproduktion größeren Umfangs) ökonomische Prozesse der Vermarktung stehen, ist es unerläßlich, die Auswirkungen gezielter Marketingmethoden und Kommerzialisierungsverfahren auf das jugendliche Publikum und die Musiker zu berücksichtigen.

So berechtigt die kulturkritische Bewertung von konsumgerecht verpackter und populär gemachter Rockmusik im Hinblick auf die Angebotsseite ist, so problematisch ist hingegen die Gleichsetzung von Korruption und Kommerz, von standardisierter Massenkultur und konditionierter Subjektivität im Hinblick auf die Nachfrageseite, da die reale Lebenswelt, die konkreten Erfahrungsdimensionen und Aneignungsprozesse auf dieser Abstraktionsebene nicht angemessen mit ins Blickfeld gerückt sind.

Da der kulturelle Gebrauchswert von Musik auf ästhetischen Präferenzen beruht, ist die zunehmende Professionalisierung, die hochdifferenzierte Arbeitsteilung in der Musikbranche sowie das Ingangsetzen teurer Werbekampagnen und Promotionsmethoden und der Verkauf spezieller Dienstleistungen nur eine Strategie im Umgang mit der Widersprüchlichkeit‚ der geringen Planbarkeit und Unberechenbarkeit subkultureller Ausdrucksmedien und Entwicklungsprozesse.

Die explodierende Stilvielfalt subkultureller Entwicklungstrends, die sich in der Heterogenität musikalischer Geschmacksrichtungen niederschlägt, bewirkt, daß die Jugendlichen nicht ohne Weiteres an großangelegter Konsumfront auszuschlachten sind.

Die Protesthaltigkeit und die konkrete Wirkung von Musik sind nicht ausschließlich durch ihre kommerzielle Existenz oder den Grad ihrer Standardisierung, Popularität und Vermarktbarkeit zu erfassen.

Für die kulturelle Bewertung von Rockmusik und die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen ihrer Ausdruckskraft und ihrer Einnehmbarkeit durch die "dominierende Kultur" ist der konkrete Kontext ihrer Aneignung durch den konkreten Menschen bedeutsam und die Art und Weise ihres Gebrauchs im Orientierungsrahmen subkultureller Gruppierungen.9 Musikhörende und musikmachende Jugendliche sind gezwungen, auf die Angebote des kommerziellen Marktes und der "dominierenden Kultur" zurückzugreifen und insofern natürlich auch durch diese beeinflußt, dennoch muß man gegen die pessimistischen Befunde ideologiekritischer Herkunft einwenden, daß der bereits erwähnte Aneignungsprozeß neben seiner — durchaus eingestandenen Steuerbarkeit — aber auch ein aktiver Prozeß ist, der sich im Beteiligtsein an einer konkreten Alltagswelt vollzieht. Aus diesem Beteiligtsein heraus, aus der subjektiven Betroffenheit nämlich werden kulturelle Ausdrucksmittel gewählt, gedeutet und gebraucht und der subjektive Aneignungsprozeß ist — wir hoffen dies anhand der Interviews zu veranschaulichen — ein offener Vorgang, der nicht bis in die letzten Winkel fremdbestimmt und unter systemgebundene Funktionsmechanismen zu subsumieren ist.

Zur Aachener Musikszene — ein Gespräch mit Charlie Büchel

Um uns einen Überblick in bezug auf die Aachener Musikszene zu verschaffen, sprachen wir mit Charly Büchel, der sie seit achtzehn Jahren aktiv mitgestaltet und beobachtet hat. Er schätzt die Zahl der regelmäßig spielenden Gruppen auf ca. 40 ein, wobei gleich ein Problem deutlich wird, nämlich daß man die Zahl nur ungefähr angeben kann, da die meisten Musikgruppen ihre Proberäume nie verlassen, weil in Aachen zuwenig Auftrittsmöglichkeiten existieren. Selbst Proberäume sind rar, und so verhindern fehlende Probemöglichkeiten das Zusammenspiel vieler Gruppen, wobei gerade jüngere, noch unbekannte Musiker besonders unter der Situation zu leiden haben. Die fehlende Chance öffentlich aufzutreten, beeinflußt die musikalischen Fähigkeiten einer Band. Der "Zwang" vor Publikum zu spielen, fördert die Gruppe, da Stücke sauber gespielt werden müssen und aus einem Improvisationsstadium herauskommen. Bands, die einmal gefragt sind, erhalten die meisten Auftrittsmöglichkeiten und somit die Chance, ihre Musik weiter zu verbessern. So erklärt sich, daß nur fünf Aachener Gruppen Platten produzieren. Zwei stehen unter einem Plattenvertrag eines Produzenten, die anderen drei sind ihre eigenen Produzenten. Die Orientierung hinsichtlich einer möglichen Vermarktung ihrer Musik beeinflußt ihre Stücke derart, daß aktuelle Trends verstärkt berücksichtigt werden. Ferner gehen die Bemühungen in die Richtung populäre Musik, also in Richtung größerer Zuhörerschaft zu gestalten, ein Rhythmus sollte dann klar erkennbar sein, so daß die Möglichkeit besteht, daß ein Stück zum "Ohrwurm" wird. Ebenfalls sind Kriterien, auf die Musik tanzen zu können oder die Texte gut zu finden, entscheidend für einen "Hit".

Andererseits gibt es auch Gruppen, die weder an Trends noch in Richtung Vermarktung interessiert sind. Hierzu gehören momentan Free Jazz und Folk Gruppen. Bei beiden steht die Selbstverwirklichung in der Musik vor dem Publikumsbezug. Solche unterschiedlichen Ansätze läßt die Frage nach den verschiedenen Motivationen aufkommen. Charly B. geht von der These aus, daß jedes Instrument auffordert, Gefühle einzubringen, so daß das Produzieren von Musik als kreativ empfunden wird und somit für das Individuum aufbauend wirkt.

Zu den Interviews

Das Gespräch mit unterschiedlichen Musikgruppen kann nur exemplarisch veranschaulichen, welche Möglichkeiten der Selbstdefinition und Selbstverständigung — ästhetisch und politisch gesehen — es im Rahmen aktueller Musikströmungen gibt, und inwieweit die Orientierung an bestimmten subkulturellen Gruppierungen die Auswahl musikalischer Ausdrucksmittel determiniert, da sie an bestimmte Identifrkationsmöglichkeiten und Kommunikationsformen gebunden ist. Da wir keine repräsentative Studie vorlegen können, sondern wie gesagt, lediglich eine exemplarische Auswahl trafen, versuchten wir, die Gesprächssituationen möglichst offen zu gestalten, d. h. nicht nach standardisierten Fragen vorzugehen, um auf diese Weise die Musiker möglichst authentisch zu Wort kommen zu lassen und nicht durch Fragetechnik in ein vorgegebenes Schema zu pressen.

Zu "Ex" und "Volksboiler"

Wir befragten zwei Aachener Amateurmusikgruppen, "Ex" und "Volksboiler"‚ hinsichtlich des Wechselverhältnisses ihrer Musik und politischen und gesellschaftlichen Geschehens sowie nach der Bedeutung ihrer Musik für sie selbst und ihr Publikum, ferner nach ihrer Einstellung zur Orientierung an aktuellen Trends und der Vermarktung von Musik. Nach ihren Vorstellungen stehen Motivation und Lebensgefühl, das in der Musik Ausdruck findet, in einem Zusammenhang zwischen persönlicher Situation und dem Eindruck von der Gesellschaft. Die persönliche Situation ist durch ein einmaliges Gespräch nur unzulänglich erkennbar. Die Gruppe "Ex" ist im Durchschnitt achtzehn Jahre alt und besitzt durch Berufsausbildung ihrer Mitglieder eigentlich noch "ganz gute Voraussetzungen, einen Job zu bekommen, aber allein schon, daß kein Job mehr frei ist, daß schon alles von Technik und Computern übernommen ist, oder die Tatsache, daß man sich auch wieder anpaßt — wenn man sich anpaßt an die ganzen Fortschritte, die es gibt, sehe ich keine kurzfristige Veränderung drin in dem ganzen Scheiß gegen den man sich wenden sollte." (der Bassist)

"...und Lebensgefühl (Gruppe Ex)" ['Einblicke', S. 244]

„…und Lebensgefühl (Gruppe Ex)“ [‚Einblicke‘, S. 244]

Volksboiler ist durchschnittlich ca. 24 Jahre alt und in der Mehrzahl Studenten.

Musikgeschmack und Textinhalt sind zeitgebunden

Eine Klassifizierung in eine bestimmte musikalische Richtung fällt beiden Gruppen schwer. "Ex" möchte sich stilistisch gar nicht festlegen, ihre Musik höchstens mit Attributen wie "laut und schnell" belegen, obwohl eine starke Anlehnung an New Wave und Punk betont wird. "Volksboiler" versteht ihre Musik als Rock mit einer Orientierung zum New Wave hin. Wobei die Entscheidung solche Musik zu machen vom musikalischen Geschmack und der Möglichkeit mit solcher Musik auftreten zu können, abhängig gemacht wurde.

"Gute Rockmusik mit Texten, die auch inhaltlich interessant sind, kann man schon mal eher öffentlich spielen. In erster Hinsicht war das eine musikalische Entscheidung und keine politische …, dann kam eben auch die Zeit, wo mehr Gruppen mit deutschen Texten kamen, und daß man einfach mal gesehen hat, daß so etwas geht, also ich weiß, mir ist es früher so gegangen, daß man irgendwie Angst hatte, deutsch zu singen, das kam einem einfach alles blöd vor. Es fielen einem nur Schlager und Opernsänger ein."

"'Spaß beim Musikhören ist auch wichtig.' Gruppe Volksboiler" ['Einblicke', S. 245]

„‚Spaß beim Musikhören ist auch wichtig.‘ Gruppe Volksboiler“ [‚Einblicke‘, S. 245]

Eine Anlehnung an momentan aktuelle Trends ist also bei beiden Gruppen gegeben. Ein musikalischer "Zeitgeist" innerhalb der Musik von Subkulturen beeinflußt beide Gruppen. Ebenfalls werden mögliche Veränderungen durch neue musikalische Trends nicht ausgeschlossen. Eine Beeinflussung der Musik findet nicht nur durch neue stilistische Richtungen innerhalb der Subkultur statt, sondern auch direkt durch Einflüsse, die aus der Gesellschaft, d. h. aus der dominierenden Kultur herüberkommen. "Wo man sowas hört oder sieht, wie z. B. dieser Film "Atomic Cafe", wo den Leuten was angedreht wird, was eben aufgenommen wurde, um die Atombombe zu verherrlichen — hieraus haben wir ein Stück gemacht, d. h. "Duck and Cover" "ducken und bedecken". (Bassist von "Ex") "Du kannst die Wirklichkeit so darstellen, wie du das siehst. Wenn der Wiwi z. B. den Text über Spanienurlaube gemacht hat, wie das so abläuft (Bassist von "Volksboiler"). Bei beiden Gruppen wird deutlich, daß gesellschaftliche Phänomene aufgegriffen und aus ihrer subkulturellen Sicht dargestellt werden. Persönliche Grundeinstellungen und Erfahrungen mit der Gesellschaft sind somit entscheidend für Texte und Musik. Die Anlehnung an aktuelle Trends und die Beeinflussung durch die dominierende Kultur sind im übrigen nicht voneinander zu trennen, da sich aktuelle Trends ebenso als Reaktion auf die gegenwärtige gesellschaftliche Realität entwickeln, wie die Musik der einzelnen Gruppen. Die dominante Kultur bestimmt also die Stile einer Subkultur mit, da diese in der Ambivalenz zwischen Kontinuität und Abgrenzung zur Hauptkultur entwickelt werden. Die subkulturelle Ausdrucksform "Musik" wird durch jede Band individuell interpretiert und um die eigene Lebenserfahrung erweitert.

[Volksboiler, 'Einblicke', S. 245]

[Volksboiler, ‚Einblicke‘, S. 245]

Musik als Mittel der "Kritik"?

Wir "machen innerhalb der politischen Anschauung (einer bestimmten subkulturellen Strömung, d. V.) Musik, und unsere Texte sollen auch damit was zu tun haben, damit irgendeine Botschaft rüberkommt" (Bassist von "Volksboiler"). Die Intention bei "Ex" ist mehr geprägt durch Kritik in der Form, daß alles versucht wird, lächerlich zu machen. Eine Auseinandersetzung, so daß man über gesellschaftliche Phänomene "schimpft", sie "verurteilt" oder "zwischenmenschliche Probleme irgendwelchen Ausmaßes behandelt", wird abgelehnt, da es "keinen Sinn hat".

"Es läuft so, wie es laufen muß, sicher kann man sich wehren, aber nicht mit Musik." (Gitarrist von "Ex")

Solche Ausdrucksformen der Subkultur, die sich als Reaktion auf die Erscheinung der dominanten Kultur verstehen lassen, schaffen durch ihre Selbstdarstellung, die authentischen Charakter hat, neue Erscheinungsformen der noch nicht so festgelegten Subkultur. Umreißt Musik, die aus der Subkultur entsteht (als Reaktion und in der Kontinuität zur Hauptkultur), somit die Inhalte derselben, trägt sie also zu dessen Identifikation bei, so prägt sie aktiv an der Konstituierung mit, indem sie als handelnder Teil einer Bewegung neue Kultur- und Lebensformen hervorbringt. Für "Ex" sind z. B. Texte, die Resignation vermitteln, indem sie die eigene "beschissene" Lage oder die "schlechte Zeit" besingen, nicht akzeptabel.

"Nun ist das einfach so, daß wir nicht mit Entsetzen darüber wehklagen …, wir ignorieren das eigentlich alles … vor allem Sachen, die wirklich hart sind, also Atombombe, Atomkrieg, Atomkraftwerke, es ist nicht egal, man braucht sich nicht groß dagegen zu wehren, weil es sowieso nichts nützt." (Bassist von "Ex")

Deutlich wird hierbei eine Machtlosigkeit gegenüber einer nicht planbaren, nicht berechenbaren, materiell bedrohlichen Situation, mit völlig ungewisser Zukunft, sodaß eine Auseinandersetzung, in der man z. B. Mißstände aufzeigt, nicht mehr lohnend erscheint, und als plump und naiv abgetan wird.

Verurteilt wird die "Realität", indem man sie lächerlich macht. Bei der Gruppe "Volksboiler" existieren mehr Ansätze zu einer Auseinandersetzung mit vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen. Auch werden persönliche oder mitmenschliche Probleme aufgegriffen (z. B. Alkoholkonsum). Ein Optimismus in Hinsicht auf größere gesellschaftliche Verbesserungen besteht zwar auch nicht, aber ein Ignorieren der vorhandenen Probleme findet nicht statt. "Ein Kennzeichen von unseren Texten ist, daß sie … in gewisser Form kritisch sind …". Hinter diesen Funktionsbestimmungen der Musik durch die Gruppen, verbergen sich unterschiedliche Anschauungen.

Gefühlswirkung und Funktion von Musik

"Rockmusik ist eine der letzten Bastionen gelebten Abenteuers in einer (…) in ihren Ausdrucksformen funktionalisierten Zivilisationswelt."10

Wenn also die Gruppe "Ex" den momentanen gesellschaftlichen Status quo als "beschissen" bezeichnet, jedoch Veränderungen ausschließt, so kommt ihrer Musik eine stark kompensatorische Funktion zu. Die aufgestauten Frustrationen und Aggressionen sollen durch die Musik abgebaut werden. Hierzu ist es nötig, daß sie schnell und laut ist und musikalisch unbeschränkt, auch wenn die Perfektion darunter leidet. Dies dient dem Ziel, eine Situation, nicht nur für die Gruppe, sondern auch für die Zuhörer zu schaffen, in der alles rausgelassen werden kann, was aufgestaut worden ist. Diese Befreiung entsteht beim Publikum, indem es wild tanzt, um sich schlägt und tritt. Um dies zu erreichen, muß die "Selbstgefalligkeit" der Zuhörer zerstört werden. Als desillusionierendes Stilmittel, um die Zufriedenheit mit den bestehenden Lebensbedingungen aufzulösen und den dann "hochkommenden" Frust auszuleben, wird harte und aggressive Musik benutzt, die gleichzeitig als Ventil zum Abreagieren dient. Die Intensität, mit der dies betrieben wird, ist abhängig von dem sozialen Kontext des Einzelnen. Hieraus ergibt sich auch die Unterscheidung der Gruppe "Volksboiler". Ihre Intention gegenüber dem Publikum besteht mehr darin, daß es Spaß an ihrer Musik haben soll. Außerdem soll das Vermittelte vielleicht etwas nachdenklich machen. Daraus ergibt sich auch eine unterschiedliche Bedeutung des "Musikmachens" für die Gruppe. Bei "Volksboiler" steht der Spaß an der Musik, Selbstbestätigung, Entfaltung und Freizeitbeschäftigung im Vordergrund. Für "Ex" ist die Musik vielmehr Identifikations- und Lebensmöglichkeit. Die oben beschriebene desillusionierende Wirkung und die Chance, durch Musik intensiv zu erleben und auszuleben, wird auch im Folgenden deutlich: "Es gibt Texte von Ralph, die einfach was wiedergeben und beschreiben, die vielleicht so einen Teil unseres Lebens wiedergeben, z. B. "Zuck"." In diesem Text wird der Wunsch nach intensivem Leben und Erleben deutlich. Eine für sie entscheidende Möglichkeit, diesen "Zuck" (also das Lebensgefühl) zu erhalten, ist ihre Art und Weise Musik zu machen. Hierin wird deutlich, welche Bedeutung die Musik für sie hat.

[Volksboiler, 'Einblicke', S. 246]

[Volksboiler, ‚Einblicke‘, S. 246]

Professionalisierung ohne Vermarktung

Beide Gruppen treten relativ regelmäßig auf, dadurch werden Stücke fertig geschrieben, kommen also aus einem Improvisationsstadium heraus. Ferner fördert der Leistungsanspruch bei öffentlichen Auftritten die Bands. "Ex" wollen möglichst viele Leute mit ihrer Musik ansprechen, und wollen versuchen, mit der Musik Geld zu verdienen. Eine Vermarktung ihrer Musik könnte die Musik zwar beeinflussen, sie würden aber auf jeden Fall den Sinn ihrer Musik nicht verändern lassen. Ähnlich sieht "Volksboiler", sie wollen Amateure bleiben, eine Gefahr in der Vermarktung von Musik, obwohl durch eine Vermarktung allein die Musik sich nicht in Richtung "kommerzieller Musik" ändern würde. Ob eine Musik kommerziell ist, "liegt ja nicht an den Tönen". (Gitarrist von "Volksboiler") Beeinflussungen, die durch einen Plattenvertrag entstehen können, würden beide ablehnen. Um sich dem zu entziehen, und für nichtetablierte Gruppen vielleicht die einzige Möglichkeit Öffentlichkeit zu bekommen, ist die Verbreitung über alternative Formen wie Cassettenlabel oder ähnliches angebracht. "Volksboiler" produzierte bereits eine solche Cassette. "Ex" würde trotzdem lieber eine Platte produzieren.

Kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung — Schlußbemerkung

Abschließend läßt sich festhalten, daß beide Musikgruppen entsprechend ihrer Lebenseinstellung und Lebenssichtweise Musik machen, als Ausdrucksmittel ihres Lebensgefühls. Die Bedeutung und Wichtigkeit ist zwar unterschiedlich, aber bei beiden Gruppen als eine Form von Kritik gegen die bestehende Wirklichkeit zu verstehen. Die Tatsache, daß "Ex" und "Volksboiler" auf ihre jeweils eigene Art und Weise ihre Musik definieren und sich dabei an je unterschiedliche kulturelle Trends anlehnen, obwohl sie sich nicht explizit in bestimmte Subkulturen einordnen, zeigt, daß sie sich aus ihrer subjektiven Situation heraus vorhandener kultureller Möglichkeiten und Medien bedienen und sie in ihren eigenen sozialen Kontext hineintragen. Die unterschiedliche Haltung gegenüber ein und demselben Medium Rockmusik und die je spezifischen Ausdrucksunterschiede, die sich darin wiederfinden, entsprechen der Tatsache, daß es voneinander abweichende Lebenshaltungen und Realitätssichten gibt, die sich in subkulturellen Stilvarianten Ausdruck verschaffen. Die Bedeutung dieser Unterschiede besteht — wie P. Willis es formuliert — darin, daß es "jetzt von vorneherein unmöglich ist zu glauben, daß es nur einige Formen des Daseins gibt — die angemessenen und kontrollierten".11

"'Du kannst die Wirklichkeit so darstellen, wie Du sie siehst' (Gruppe Volksboiler)" ['Einblicke', S. 246]

„‚Du kannst die Wirklichkeit so darstellen, wie Du sie siehst‘ (Gruppe Volksboiler)“ [‚Einblicke‘, S. 246]

Die breite Palette an kulturellen Trends, die sich vor allem in den Großstädten entwickelt, ist nach P. Willis der authentische Ausdruck einer kulturellen Verwirrung und nach seiner vielleicht etwas zu optimistischen Einschätzung aber auch der irreversible Vorgang einer "tiefgehenden Reorganisation von Erfahrung und Ausdruck"12, was Widerstandspotential freisetzen und möglicherweise subversive Formen gegen die herrschende Ordnung und Disziplin entwickeln kann.


  1. Stark, J. und Kurzawa, M.: Der große Schwindel. Punk & New Wave — Neue Welle. Frankfurt/M. 1981. S. 5.

  2. Frith, S.: Jugendkultur und Rockmusik. Soziologie der englischen Musikszene. Reinbek bei Hamburg. 1981. S.211.

  3. Vgl. ebd.

  4. Der Kapitalismus selbst kann nicht als Kultur bezeichnet werden; als ein spezifisches ökonomisches System hat er an überlieferter und sich formierender Kultur lediglich parasitär teil. Vgl. Ziehe, Th.: Plädoyer für ungewöhnliches Lernen. Hamburg. 198l.

  5. Frith, S., a.a.O.

  6. Ebd., S. 5l.

  7. Ebd, S. 51.

  8. Adorno, Th. W.: Zeitlose Mode. Zum Jazz. In: Prismen. Frankfurt/M, (1955) 1976. S. 154 ff.

  9. Die Aneignungs- und Gebrauchsmöglichkeiten kultureller Ausdrucksformen und Objekte können nur vor dem Hintergrund sozialer, ökonomischer und bildungsmäßiger Chancen sowie altersmäßiger, geschlechtsmäßiger und familiärer Erfahrungen adäquat erfaßt werden. D. h., daß die konkreten Abgrenzungs- und Orientierungsbedürfnisse Jugendlicher mindestens ebensosehr zu berücksichtigen sind wie der ökonomische, politische und ideologische Nutzen von "Kulturwaren".

  10. Stark, J. und Kurzawa, M.: Der große Schwindel, a.a.O., S. 5.

  11. Willis, P.: Profane Culture. Frankfurt/M. 1981. S. 12.

  12. Ebd.

Einblicke, Folge 3: Die „Rotationsgruppe“ mit den Fanzinemachern von „The Domestos“

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Clubszene AC, Fanzine, New Wave, New wave in Aachen, Peinhardt-Franke, Punk in Aachen — Dieter Antonio Schinzel @ 3:15 am

Einblicke - Buchcover

Immer tiefer werden die soziologischen Einblicke in die Punk- und Wave-bewegten Aachener Jugendkulturen der Frühachtziger. Von den Punks am Marktplatz und Berufsfachschülerinnen in Charly’s Reichsapfel geht’s weiter zur „Rotationsgruppe“, einer mittelständischen Waver- und Mod-Clique. Buchherausgeberin Ingrid Peinhardt-Franke schrieb an diesem Kapitel nicht mit. Stattdessen berufen sich die Autoren, die nach unseren Google-Recherchen heute u.a. in Uganda, beim WDR, in der RWTH, der Lehrerfortbildung sowie als Kommunikationsberater arbeiten, auf John Clarke und Paul Willis, zwei frühe Vertreter der britischen cultural studies; jener spätmarxistischen Denkschule, die in den 90er Jahren von Spex & Co. in die deutschsprachige Popkultur importiert und einverleibt wurde.

Doch hier interessieren uns andere Details: Gibt’s unter unseren Leser/inn/en ehemalige Mitglieder oder Bekannte der Rotationsgruppe? Wer hat noch Exemplare von „The Domestos“ und „Volksbegehren“, die wir in dieses Blog stellen können?

Beachtlich erscheint uns auch die Rotationsgruppenanalyse der unterbelichteten und unterschlagenen Kultur des gewalttätigen Früh-80er-Prolotums (das sich erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts die Schädel scheren und Bomberjacken anziehen sollte): „weiße Westernstiefel, Mittelscheitel, Puch […] AC/DC hören und andren eins in die Fresse hauen“. Eine dichte retrospektive Beschreibung liefert Heinrich Dubel alias Rosa in seinen Jugenderinnerungen an die Hannoveraner Frühachtziger: „Die älteren Jugendlichen, die am Kiosk an der Straßenecke herumlungerten, während wir Jüngeren sie vom gegenüberliegenden Spielplatz dabei beobachteten, wie sie ihr Bier tranken, über die Leistungen ihrer Mopeds quatschten beziehungsweise über die Autos, die sie sich irgendwann kaufen würden, trugen Schlaghosen mit Fuchsschwänzen am Gürtel und cowboystiefelartige Stiefeletten mit schrägen Absätzen. Echte Cowboystiefel waren unerschwinglich.“ In Hannover firmierten die härtesten Vertreter dieser Gattung laut Dubel unter dem – deutsch ausgesprochenen – Namen „Buffer“ und stiefelten ihn, den Punk, zum monatelangen Krankenhausaufenthalt nieder. In Aachen war die Speerspitze dieser Subkultur im berüchtigten „Mad Club“ organisiert, der unter anderem Backsteine auf Besucher von Wave-Parties warf und in James Dean-Manier illegale Autorennen auf dem Lousberg fuhr, bis sein Führungspersonal Knastkarriere machte.

Doch zurück zur Rotationsgruppe:


Eine Schülerclique — die "Rotationsgruppe"

Bernd Ax‚ Reiner Bovelet, Peter Hartges, Elke Kraus, Sabina Nörenberg

Einleitung

Die "Rotationsgruppe", ein lockerer Freundschaftskreis von Jungen und Mädchen im Alter von 15-18 Jahren, trifft sich seit dem Sommer 1981 regelmäßig in der "Rotation", einer Tanzkneipe im Aachener Univiertel. Die Jugendlichen kennen sich sowohl aus der Schule, die sie alle noch besuchen, als auch durch Freizeitaktivitäten (Gitarrenkurs‚ Basketballspielen). Obwohl bei dem wöchentlichen Treffen in der "Rotation" regelmäßig ein fester Stamm von etwa zehn bis fünfzehn Jugendlichen erscheint, ist die Gruppe neuen Bekanntschaften einzelner Gruppenmitglieder gegenüber prinzipiell offen.

"Wir wollen unsere Freizeit selbst gestalten." ['Einblicke', S. 116]

„Wir wollen unsere Freizeit selbst gestalten.“ [‚Einblicke‘, S. 116]

Der Gruppenzusammenhalt ist durch gemeinsame Interessen und Sympathien füreinander gegeben. Aufgrund der Überzeugung, "[…] daß es nichts bringt, bestimmte Sachen alleine zu machen" (Jörg), werden gemeinsame Aktionen durchgeführt. Dazu gehören sowohl der Besuch von Kneipen und Kinoveranstaltungen, Konzerten und Feten als auch das private Treffen, in dessen Mittelpunkt Musikhören und "sich unterhalten" steht. Ziel aller Unternehmungen ist es, möglichst viel Spaß zu haben.

Unser zentrales Anliegen bestand darin, die Charakteristika des jugendlichen Lebensstils zu erfassen und zu erklären. Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf dem Symbolsystem des subkulturellen Stils. Das Verhältnis der Jugendlichen zu für sie wichtigen Objekten, Produkten und Artefakten soll dargestellt werden. Wie und wodurch sich die ästhetisch-kulturelle Erfindungskraft ausdrückt und an welche sozialen Orte sie gebunden ist, soll zunächst untersucht werden. Des weiteren werden das Lebensgefühl der Jugendlichen und ihre persönlichen Zukunftserwartungen ausgeführt.

Ästhetische Praxis

Die Kleidung und die Frisur können als sichtbarste, persönlichste und unmittelbar verständlichste Elemente eines bestimmten kulturellen Stils gewertet werden.1 Dementsprechend legen die Jugendlichen sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Sie versuchen, sich möglichst ausgefallen zu kleiden, um sich von anderen abzuheben. Die Originalität wird durch Umgestaltung bzw. neue Zusammenstellung der Kleidungsstücke (z. B. schwarze Kleidung, Nietengurt, Schnürstiefel, Halsband mit Nieten —— Jackett mit Kavalierstuch) und durch eine wirkungsvolle Frisur der Haare (z. B. Schwarzfärben der Haare, lange Strähne bis zum Kinn, abstehende Haare) erreicht. Die Verwendung von Accessoires wie Nietenarmbänder, Schnallen, Buttons und Halstüchern ist bei den Jugendlichen sehr beliebt, da sie die Möglichkeit, originell zu wirken, vergrößern.

"Kreativität am eigenen Körper" ['Einblicke', S. 116]

„Kreativität am eigenen Körper“ [‚Einblicke‘, S. 116]

Diese Kreativität am eigenen Körper dient zur Bestätigung der eigenen Persönlichkeit und als Ausdruck von Individualität. Sie erfährt insofern eine oppositionelle Bedeutung, da alle Jugendlichen durch ihr Äußeres in der Öffentlichkeit und in ihrer Umgebung auffallen bzw. sich von der "Allgemeinheit" abgrenzen wollen. Dieses Ziel wird erreicht, indem die umgestalteten Gegenstände eine ihrem Milieu fremde Symbolik erhalten (z.B. mit Zebrastreifen bemalte Schuhe). Die ausgefallenen Frisuren und die — insbesonders von der Punkszene übernommene — Kleidung bedeuten eine Provokation der bürgerlichen Gesellschaft. Den Jugendlichen ermöglicht ihre Aufmachung eine symbolische Distanzierung von den bürgerlichen Normen und damit verbunden auch von den Normen der Welt der Erwachsenen. Die Kleidung muß somit in Verbindung mit einem bestimmten Lebensgefühl gesehen werden, das sich als "unbürgerlich", "antispießerhaft" bezeichnen läßt. Bestimmte Objekte, wie z.B. die Kleidungsstücke, stehen in einem größeren symbolischen Zusammenhang, der sich als kultureller Stil äußert. Der Protestgehalt darf jedoch nicht überbewertet werden, da Sinn und Zweck des Auffallens und Provozierens auch in der Steigerung des Selbstwertgefühls liegen.

In einem Gespräch mit einem Jugendlichen, der zu seinem Verhältnis zur Kleidung befragt wurde, kommt dieses klar zum Ausdruck.

Hans-Dieter: "Am liebsten bin ich so angezogen, wie andere nicht rumlaufen und wie ich überzeugt bin, daß ich ganz toll aussehe."

Frage: "Und wieso willst du nicht wie andere rumlaufen?"

Hans-Dieter: "Das wäre ja schrecklich."

Frage: "Willst du dich dadurch gegen Normen wehren?"

Hans-Dieter: "Ja, das sowieso, aber das ist schon alt und ‚abgetrappt‘. Heute geht man in die anderen Sachen rein, z. B. schwarz, das ist die Farbe, das trägt im Hochsommer keiner, da tragen die Leute alle helle und bunte Farben — damit wehrt man sich gegen diesen ganzen Schwung. Früher z. B. sind wir bei Bingo2 einkaufen gegangen, weil die ganz jecke Sachen hatten. Der Nachteil — heute macht das jeder. Also muß man wieder zu neuen Sachen greifen. Früher z. B. genügte es, zum American Stock3 zu gehen: so eine kurze, schwarze Hüftjacke, Bundeswehrhose, wow, der Mann war gemacht. Heute läuft jeder damit rum. Deswegen muß man sich eben selber was ausdenken oder neue Sachen zusammenstellen."

"Kreativität am eigenen Körper" ['Einblicke', S. 117]

„Kreativität am eigenen Körper“ [‚Einblicke‘, S. 117]

Hier wird deutlich, daß der Protest als Versuch zu werten ist, angesichts unserer Massengesellschaft und der immer stärkeren Kommerzialisierung von Jugendkulturen eine Möglichkeit zu suchen, sich als Persönlichkeit zu entwickeln. Die hohe Bewertung von Individualität, die allgemein als besonders typisch für Mittelschichtsjugendliche gilt,4 und die Betonung der autonomen Persönlichkeitsentwicklung hängen eng mit dem bürgerlichen Emanzipationsbegriff zusammen. Bürgerliche Subjektivität kann am radikalsten in der Kunst artikuliert werden, da sich dort die Einzigartigkeit und die Individualität am ausgeprägtesten bestätigen lassen.5 Es handelt sich jedoch bei den ästhetischen Tätigkeiten der Jugendlichen nicht um reine Kunstprodukte‚ sondern auch um Strukturen eines Lebensstils.

Neben der Mode ist auch die Musik ein Element des Lebensstils der Jugendlichen. Obwohl der Musik von den einzelnen Gruppenmitgliedern eine unterschiedliche Bedeutung beigemessen wird — was sich z.B. in der Häufigkeit des Musikgebrauchs ausdrückt — spielt sie bei den meisten eine wichtige Rolle. Dies verdeutlicht die Aussage von Patrick: "Musik ist ein Teil meines Lebens." Bei einigen geht das Interesse so weit, daß sie bei jeder möglichen Gelegenheit Musik hören.

Ebenso wie die Kleidung ist auch der Musikgebrauch weitgehend stilabhängig und unterliegt dem Anspruch auf Individualität und Originalität. Obwohl es Musik gibt, die allen Gruppenmitgliedern gefällt, sind sie bemüht, einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Als allgemeinen Schwerpunkt kann zwar die "New-Wave"-Musik genannt werden, darüber hinaus werden jedoch noch verschiedene andere Musikrichtungen gehört, wie z.B. Punk, Hardcore, Rock, etc. Gemeinsamkeit aller ist jedoch, daß die Musik unkonventionell (d.h. nicht total vermarktet) sein muß. Bevorzugt werden Gruppen, die als sogenannter "Insider-Tip" gelten; Gruppen mit Massenzuhörerschaft und Erfolg in den gängigen Hitparaden werden abgelehnt, da sie in diesem Moment nicht mehr einen individuellen Stil verkörpern können.

Der stilgebundene Musikkonsum ist fester Bestandteil der ästhetischen Praxis der Jugendlichen und trägt zu ihrer Identitätsfindung bei. Der Musikgebrauch schließt somit neben dem Musikhören und Tanzen auch die Kleidung und ihr Lebensgefühl mit ein. Besonders deutlich wird dies bei einem Jugendlichen, der sich selber als "Mod" bezeichnet.

Frage: "Beschreibe mal die Kennzeichen eines typischen ‚Mods‘."

Jürgen: "Ja, das sind erst mal 60er Jahre-Sachen, dann der ‚Mod‘-Parker, Krawatte, kurze Haare, Who, Jam. Und jetzt mehr von der Einstellung: Das ist praktisch in-den-Tag-hinein-leben. Wenn man die Spießer von heute sieht, hat man gar keine Lust, erwachsen zu werden. ‚Mod‘ sein, kompakt gesagt, ist ein Weglaufen vor dem ‚Erwachsenwerden‘, sich vor der Verantwortung drücken, den Tag zu genießen — eben das Beste aus jedem Tag herausholen."

Die Musik ist Bestandteil eines jugendkulturellen Stils, die wie die Kleidung im ganzen Symbolzusammenhang gesehen werden muß und Ausdruck eines Lebensgefühls ist. Der von dem Jugendlichen ausgedrückte Wunsch, nicht erwachsen zu werden und das zu tun, was ihm Spaß macht, deutet darauf hin, daß die Musik als Gegengewicht zu den künstlichen Bewegungsabläufen (wie schulischer Alltag) bzw. als Kompensationsmittel das "[…] Spannungsgefälle zwischen genormten Bedürfnissen unserer Gesellschaft und den latenten Ansprüchen auf individuelle Gestaltung"6 zu überbrücken hilft.

Der immer wieder von den Jugendlichen betonte Anspruch auf Individualität bedeutet nicht nur, originell und ausgefallen zu sein, sondern darüber hinaus auch begabter und kreativer als andere.

Jörg: "Irgendwie bilden wir uns ja schon was darauf ein, daß wir noch relativ Intelligenz besitzen, etwas eigenes auf die Beine stellen können, irgendwas machen, wenn es sein muß, irgendwas Kluges uns ausdenken können."

Der Jugendliche betont die Fähigkeit, im Gegensatz zu den meisten Menschen noch kreativ sein zu können. Indem die Jugendlichen eine eigene Zeitung produzieren, übernehmen sie "[…] mit der Beteiligung an der ästhetischen Kommunikation […] zugleich die Verpflichtung, originell zu sein, sich von anderen zu unterscheidem,7 d. h. der von den Jugendlichen auch in bezug auf Kleidung und Musik vertretene Anspruch auf Kreativität und Individualität läßt sich im Kunstbereich besonders gut verwirklichen.

Die "Rotationsgruppe" hat bis zum Februar 1983 zwei Zeitungen herausgegeben, die den Titel "Domestos" und "Volksbegehren" tragen. Die Zeitungen sind in der Art eines kleinen Heftes aufgemacht. Ausdrucksmittel ist vor allein die Sprache; es werden jedoch auch Zeichnungen, Graffities, Karrikaturen und kurze Comicstrips benutzt.

Die Zeitung dient vor allem zur Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen in Form von Gedichten und kurzen Geschichten. Hauptthemen sind persönliche Gefühle, Probleme und Ansichten, zwischenmenschliche Beziehungen und das Verhältnis zur Gesellschaft. Das Bedürfnis, als Individuum verstanden und anerkannt zu werden, wird sowohl durch die Erstellung der Zeitung als auch durch deren Inhalte ausgedrückt.

Frage: "Meinst du denn, daß in der Zeitung allgemeine Probleme angeschnitten werden? Mir kommt es so vor, daß ihr vorwiegend persönliche Sachen verarbeitet?"

Jürgen: "Das ist gemischt, aber überwiegend sind es persönliche Probleme, also menschliche Beziehungen, wie man sich in der Masse fühlt."

Frage: "Habt ihr denn das Gefühl, daß die Masse euch erdrückt?"

Jürgen: "Ja, das ist es eben, um nicht von der Masse erdrückt zu werden, oder eben mitzuschwimmen‚ versucht man, sich durch Kleidung, etc. hervorzuheben, aber es ist eben nur ein Versuch."

"Verarbeitung von Alltagserfahrungen" ['Einblicke', S. 118]

„Verarbeitung von Alltagserfahrungen“ [‚Einblicke‘, S. 118]

In dem folgenden Gedicht, das aus der Zeitung "Domestos" stammt, kommt das Verhältnis der Jugendlichen zur Massengesellschaft klar zum Ausdruck.8

Hey Spießer
Hey Spießer mit der Bild Zeitung
unter dem Arm
Hey Spießer mit dem Dallas-Horizont
Hey Spießer, warum sagst Du "Verrückter"
zu mir
Hey Spießer, Du hast keine Ahnung von
Der Wirklichkeit
Hey Spießer, Du sagst was man Dir sagt
Hey Spießer, ich bin Dein Nebenprodukt
Hey Spießer, was weißt Du über mich?
Hey Spießer, Du wirst uns nie verstehen …….
Hey Spießer
JR

Das Gedicht verdeutlicht das Typische, Alltägliche unserer Gesellschaft. Die Manipulation des Menschen und der Verlust der autonomen Persönlichkeit und das eigene "sich unverstanden fühlen" werden als Anklage artikuliert.

"[…] So bedeutet die Orientierung der Kunst für manche Jugendliche Hoffnung auf Entwicklungshilfe bei der Ausbildung einer herausragenden ‚unbürgerlichen Individualität."9 Die individuelle kulturelle Opposition äußert sich wieder als "antispießerhaftes" Lebensgefühl und muß als Teil des gesamten kulturellen Stils betrachtet werden.

Soziale Orte: Familie und subkulturelle Gruppe

Im folgenden Abschnitt sollen die sozialen Orte, an die die ästhetische Praxis der Jugendlichen gebunden ist, dargestellt werden. Die Jugendlichen befinden sich in einer Phase der allmählichen Loslösung vom Elternhaus, die gekennzeichnet ist durch das Bestreben, selbständig zu werden. Der Versuch, sich gegenüber den Eltern durchzusetzen, v. a. im Hinblick auf ihr Äußeres, wird von allem im Großen und Ganzen als erfolgreich beschrieben. Fast immer ist es ein Prozeß, der sich über einen längeren Zeitraum hinzieht.

"Die Gruppe als Freiraum" ['Einblicke', S. 117]

„Die Gruppe als Freiraum“ [‚Einblicke‘, S. 117]

Frage: "Was sagen deine Eltern dazu, daß du so rumläufst? Ist denen das egal?"

Danielle: "… Vor drei Jahren fing das bei mir an mit Punk, daß ich Punk gut fand. Ich habe die Musik gehört und so, aber da durfte ich noch nicht die Klamotten tragen. Ich konnte noch nicht anziehen, was ich wollte, weil meine Eltern sagten, das kannst du doch nicht machen — die Lehrer und die anderen Leute, was sollen die denn denken. Ja, und auf jeden Fall habe ich die in drei Jahren so ziemlich auf alles Schockierende vorbereitet und so alles mögliche gemacht — ja, und jetzt habe ich sie eben so weit — mit Hilfe meiner Mutter -, daß ich auch die Klamotten anziehen kann."

Das Selbstbestimmungsrecht auf das eigene Äußere wird nach Angaben der Shell-Studie von 82% aller Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren erreicht.10 Die Durchsetzung des eigenen Stils und Geschmacks ist für die Jugendlichen von genau so großer Bedeutung wie die Dauer des abendlichen Ausgangs.

39% aller Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren, 90% aller Jugendlichen im Alter von 21—24 Jahren und 96% aller Jugendlichen im Alter von 21-24 Jahren können frei darüber bestimmen, wie lange sie abends wegbleiben.11 Es bestehen jedoch sowohl schicht- als auch geschlechtsspezifische Unterschiede.

In der Rotationsgruppe bestehen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen: Während die Mädchen durchschnittlich nur bis 10.00 oder 10.30 Uhr Ausgang haben, dürfen die Jungen so lange wegbleiben, wie sie möchten. Die Ursache hierfür ist jedoch vor allem in der bestehenden Altersdifferenz zu sehen.

Generell konstatiert die Shell-Studie ein früheres Ende der bewachten Jugendzeit.

"Die Umgangsweisen in der Familie werden egalitärer, der Abbau der Autorität rückt lebensgeschichtlich in jüngere Jahre vor."12

Das Verhältnis der einzelnen Gruppenmitgliedern zu ihren Eltern wird von den meisten trotz gelegentlicher Spannungen als gut beschrieben; dieses schließt jedoch nicht aus, daß sie sich im Grunde unverstanden fühlen.

Tanja: "Meine Eltern, die raffen nämlich gar nichts, die raffen wirklich gar nichts, was bei uns läuft."

Den Eltern wird, wie den Politikern, eine nur oberflächliche Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Problemen der Jugendlichen vorgeworfen — eine Beschäftigung, die, sich nur auf das Äußere beschränkend, nicht versucht, das dahinterstehende Stil- und Lebensgefühl zu verstehen. Der persönliche Stil als Ausdruck von Individualität erfährt in der Familie keine Bestätigung, da er vor allem durch Äußerlichkeiten und Symbole artikuliert wird, die von den Eltern größtenteils abgelehnt werden. Die Familie verliert somit ihre ursprüngliche Funktion als Ort der Bildung und Bestätigung von Individualität.13 Diese Funktion wird zunehmend von Medien und subkulturellen Gruppen übernommen.

Die Rolle der Medien ist jedoch zwiespältig: Zwar bestätigen sie die Jugendlichen einerseits darin, einen subkulturellen Stil zu leben; andererseits widerspricht die von den Jugendlichen abgelehnte Vermarktung der Subkulturen jedoch ihrem Anspruch auf Individualität. Die Rotationsgruppe erfüllt für die Jugendlichen die Funktion, ihre Individualität zu bestätigen und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die Verschiedenheit der Mitglieder wird stark betont. Dies drückt sich sowohl im Fehlen einer deutlich artikulierten kollektiven Struktur als auch durch das Fehlen eines einheitlichen Gruppenstils aus.

"Die Gegenkulturen der Mittelklasse sind diffus, weniger gruppenzentriert, individualistischer. Letztere führen typischerweise nicht zu festgefügten Subkulturen, sondern zu einem diffusen gegenkulturellen Milieu."14

Die Betonung der Individualität äußert sich auch darin, daß die von den Medien produzierten Raster, die Jugendliche in verschiedene "Schubladen" (z.B. Punks, Popper, Mods) einteilen, von allen Gruppenmitgliedern abgelehnt werden, da sie nicht "Prototyp einer bestimmten Moderichtung" (Julia) sein möchten. Ausgehend von den Stilrichtungen des New-Wave und Punk versuchen sie, ihren eigenen Stil zu finden. Obwohl ihnen bewußt ist, daß die zunehmende Kommerzialisierung der Jugendkulturen ein individuelles Aussehen erschwert, versuchen sie, sich durch Kreativität und Originalität aus der "Masse" hervorzuheben. Dabei leistet die Gruppe eine wichtige Funktion, indem sie — im Gegensatz zur Familie – ausgefallene Ideen und deren Symbolhaltigkeit versteht und bestätigt.

Des weiteren ermöglicht sie den Jugendlichen, mit Gleichaltrigen über ihre Probleme zu reden. Offenheit herrscht jedoch in der Gruppe nur zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern.

Generell kann man sagen, daß die Gruppe für die Jugendlichen einen autonomen Bereich darstellt, der es ihnen ermöglicht, sich ohne Kontrolle zu bewegen und Freundschaftsbeziehungen zu anderen Jugendlichen zu entwickeln.

Einen weiteren wesentlichen Faktor für das Selbstwertgefühl der Jugendlichen stellt die Abgrenzung zu anderen Gruppen dar.

"Der Prozeß der Entstehung einer Gruppenidentität ist ebensosehr durch ’negative‘ Reaktionen auf andere Gruppen, Ereignisse, Ideen usw. bedingt wie durch positive Reaktionen in bestimmte Richtungen. Eine der wichtigsten Funktionen eines subkulturellen Stils ist es, die Grenzen der Gruppenmitgliedschaft gegenüber anderen Gruppen zu definieren."15

Die Position der Rotationsgruppe in Bezug auf die Abgrenzung zu anderen subkulturellen Gruppen ist zwiespältig: Einerseits lehnen sie zwar eine Einteilung Jugendlicher in "Schubladen" ab und streben demzufolge auch nicht danach, sich von anderen abzugrenzen; andererseits benutzen sie jedoch selber klassifizierende Bezeichnungen zur Beschreibung und Einschätzung anderer Jugendlicher. Als ersten Anhaltspunkt dient die äußere Erscheinung, die vor allem durch Kriterien wie Originalität und Kreativität — die sie auch bei ihnen selber als Maßstab anlegen — beurteilt wird. Auffällig ist, daß Gruppen, die einen subkulturellen Stil leben, grundsätzlich akzeptiert und toleriert werden, wenn auch der Stil selbst den Jugendlichen nicht gefällt. Die Ablehnung erfolgt vor allem gegenüber Jugendlichen ohne sichtbaren subkulturellen Stil. Die Hauptgruppe, gegen die sich die Rotationsgruppe exklusiv definiert und an der sie ihr eigenes Überlegenheitsgefühl auslebt, ist die Gruppe der "Prolos". Der Begriff "Prolo" wird jedoch nicht im üblichen Sinn als Bezeichnung für Proletarier verwendet, sondern gilt als Bezeichnung für Jugendliche, deren als stil- und einfallslos empfundenes Äußere mit mangelnder Intelligenz und mit Gewalttätigkeit verbunden ist.

Waldemar: "Prolo ist ein abwertender Begriff — wenn jemand ziemlich gewalttätig ist und auch nicht ziemlich intelligent."

Die negativen Erfahrungen einzelner Jungen aus der Gruppe, die in eine Schlägerei mit "Prolos" verwickelt waren, werden von den anderen übernommen und als Bestätigung für den Vorwurf benutzt, daß "sie ständig Leute anmachen". Aus diesem Grund geht die Gruppe auch nicht in Jugendzentren, da sie befürchtet, dort in eine Schlägerei verwickelt zu werden.

Waldemar: "Wenn ich Leute vor dem Jugendzentrum stehen sehe, weiße Westernstiefel, Mittelscheitel, Puch — dann läßt die Begeisterung für so einen Laden nach. […] Die Leute haben nichts besseres zu tun, als ACDC zu hören und andren eins in die Fresse zu hauen."

Die Jugendzentren werden jedoch nicht nur wegen des Publikums, mangelnder Selbstverwaltung und Reglementierung abgelehnt, sondern auch, weil sie die Kreativitätsmöglichkeiten einengen.

Julia: "Ich finde es billig, von anderen die Freizeit gestaltet zu kriegen. […] Ich möchte eigentlich nicht so betreut werden."

Die Jugendlichen betonen ihre Fähigkeit, im Gegensatz zu den "Prolos" ihre Freizeit selbst gestalten zu können und etwas Produktives zu leisten. Die Abgrenzung

"[…] gegen bestimmte Gruppen manifestiert sich nicht primär in den symbolischen Aspekten des Stils (Kleidung, Musik usw.), sondern zeigt sich in der ganzen Skala von Aktivitäten, Kontexten und Objekten, die zusammen das StilEnsemble bilden."16

Lebenseinstellung und Alltagserfahrung

Die Lebenseinstellung der Jugendlichen ist typisch für die sogenannte "postadoleszente Phase".

"Diese Entwicklung begünstigt Tendenzen der Verweigerung des Erwachsenwerdens durch die Favorisierung von Lebensentwürfen, die jenseits von Lohnarbeit und Familie — welche ja die traditionellen Wege der Eingliederung der Jugend in die Gesellschaft darstellen – liegen."17

Dementsprechend entwickeln die Jugendlichen ein Lebensgefühl, das sich — wie in dem Gespräch mit dem "Mod" schon zum Ausdruck kam — folgendermaßen äußert:

Jürgen: "In-den-Tag-hinein-leben", Weglaufen vor dem Erwachsenwerden, "Pennertum mit Ideologie".

Hans-Dieter: "Geld, eine Karre, Welt in Ordnung und ein paar Freunde an der Hand."

"Verarbeitung von Alltagserfahrungen" ['Einblicke', S. 118]

„Verarbeitung von Alltagserfahrungen“ [‚Einblicke‘, S. 118]

Obwohl man bei den Jugendlichen nicht von einheitlichen Lebensentwürfen sprechen kann, besteht bei allen Vorstellungen eine Gemeinsamkeit in der Ablehnung des Spießertums", in der Betonung von Spontaneität und der Wichtigkeit von Freundschaften.

Die Negation der Erwachsenenwelt und der Versuch, sich möglichst intensiv auszuleben, ohne sich beispielsweise über die spätere materielle Existenzsicherung Gedanken zu machen, können jedoch nicht mit einer allgemeinen Orientierungslosigkeit oder "No Future"—Einstellung gleichgesetzt werden, weil die Jugendlichen für sich persönlich eine Zukunftsperspektive sehen. Obwohl sie die schlechte wirtschaftliche Lage und die geringe Möglichkeit, einen "guten Job" zu bekommen, erkennen, schätzen sie sich intelligent und fähig genug ein, ihr Ziel, einen sie persönlich ausfüllenden Beruf, zu erreichen. Nach Willis ist es eine typische Mittelschichtsvorstellung, daß man Kraft seiner scheinbar erwiesenen größeren Kompetenz und Tüchtigkeit zu betimmten Berufen befähigt ist.18

Die Vorstellung, daß die Arbeit zu der Persönlichkeitsentwicklung beiträgt, entspricht prinzipiell ihrem momentanen Anspruch auf Individualität und Kreativität.

Obwohl die Schule als "Erzfeind" bezeichnet wird und als "stumpfsinnig" und "verblödend" gilt, wird die Notwendigkeit und die gesellschaftliche Bedeutung eines Schulabschlusses auch im Hinblick auf die spätere Berufswahl erkannt.

Generell betonen die Jugendlichen die eigene Verantwortung für die spätere Lebensgestaltung und die persönliche Zukunft. Ihr Leben ist noch sehr stark persönlichkeitszentriert. Gesellschaftliche Probleme, wie z. B. die Möglichkeit eines Krieges, Umweltzerstörung, werden zwar als bedrohend, jedoch nicht als unmittelbar persönliche Probleme angesehen und daher verdrängt. Materieller Wohlstand wird zwar nicht als persönlicher Verdienst, jedoch als angenehm empfunden.

Julia: "Es geht uns supergut."

Jörg: "Wenn man nicht weiß, was man sich zum Geburtstag wünschen soll, zeigt das, daß man eigentlich schon alles hat."

Weder materielle noch politische Sorgen kennzeichnen die Situation der Jugendlichen. Es sind vielmehr persönlichkeitsbezogene Probleme, die gesellschaftlich begründet sind. Die Jugendlichen erfahren ihre Lage eher als "geistige" Notsituation. Das Bemühen, durch die Subkultur, eine eigene "Lebensphilosophie" und eine persönliche Identität zu finden, ist als Protest bzw. Provokation gegenüber unserer Massengesellschaft zu bewerten. In diesem Sinne erfüllt die Subkultur eine Orientierungsfunktion — allerdings als Scheinlösung.

Literatur

Clarke, John u.a.: Jugendkultur als Widerstand. Frankfurt 1981.

DJI (Hrsg): Die neue Jugenddebatte. München 1982.

Hartwig, Helmut: Jugendkultur. Ästhetische Praxis in der Pubertät. Reinbek bei Hamburg 1980.

Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.): "Jugend ’81". Opladen 1982.

Schierholz, Henning: Rockmusik und Lebensperspektiven Jugendlicher.

Willis, Paul: Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule. Frankfurt am Main 1979.

Zoff (Hrsg.): The Domestos. Flugblätter unter Nr.: BIM 7469211.


  1. Vgl. Willis 1979, S. 34.

  2. Aachener Boutique.

  3. Boutique, die amerikanische Kleidung führt.

  4. Vgl. Hartwig 1980, S. 175.

  5. Vgl. ebenda, S. 176 f.

  6. Schierholz, S. 124 f.

  7. Hartwig 1980, S. 168.

  8. The Domestos — Flugblätter unter Nr.: BIM 7469211.

  9. Hartwig 1980, S. 177 f.

  10. Vgl. Shell-Studie 1981, S. 148.

  11. Vgl. ebenda, S. 145.

  12. Shell-Studie 1981, S. 97.

  13. Vgl. Hartwig 1980, S. 172.

  14. Clarke 1981, S. 110.

  15. Clarke 1981, S. 141.

  16. Clarke 1981, s. 142.

  17. DJI (Hrsg.) 1982, s. 132.

  18. Vgl. Willis 1979, S. 91/92.

(Auch dieses Kapitel gibt’s als Scan der originalen Buchseiten zum Herunterladen.)

24. Dezember 2013

Von John Cage via UKW und Bierfront zum „Aachen Musicircus“

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Aachener Untergrund, Avantgarde in Aachen, ernste Musik, Fanzine, Fluxus, Kunst & so — Dieter Antonio Schinzel @ 7:38 pm
Aachener Inszenierung der "Europeras", 2006

Aachener Inszenierung der „Europeras“, 2006

Fund im Netz, auf den Webseiten der Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne: Ludger Engels, Regisseur am Theater Aachen, schreibt über seine Adaption von John Cages Europeras anno 2006; einer Oper, die den Musik- und Requisitenfundus diverser Opernklassiker nach dem Zufallsprinzip collagiert Dass Cage, Fluxus, Intermedia- und Performancekunst nach einem halben Jahrhundert (mit Anfängen auch in Aachen) im deutschen Stadttheater angekommen sind und dort noch für Kopfzerbrechen über die klassische Dreisparteneinteilung sorgen, finden wir übrigens nicht sonderlich interessant. Relevanter für dieses Blog ist Engels‘ kleine Verbeugung an den Aachener 80er Jahre-Untergrund einschließlich Bierfront und UKW bei einer zweiten Intermedia-Produktion, für die auch Wolfgang Müller angeheuert wurde.

(Die vom Musikwissenschaftler Volker Straebel für Aachen bearbeitete Cage-Partitur kann man übrigens hier studieren. Und hier eine Kritik der damaligen Aufführung lesen.)


Die heilige Dreispartigkeit

Der Aachener Chefregisseur Ludger Engels über sein Ganzheitsverständnis des Mehrspartentheaters

„Much of the best work being produced today seems to fall between media. This is no accident.“

Mit diesen Sätzen eröffnet 1965 Dick Higgins seinen berühmten Aufsatz „Intermedia“. Ich bin verwundert, dass wir fast 50 Jahre später immer noch die gleichen Diskussionen darüber führen, was zwischen den Sparten stattfinden darf und was nicht. Eigentlich sollten wir uns inzwischen doch selbstverständlich auch zwischen den Sparten bewegen können. Es ist aber immer noch so, das zu viele Theater ihre Energie darauf verwenden, Spartengrenzen zu verteidigen. Dabei ist das sogenannte spartenübergreifende Arbeiten an einem Stadttheater mit Musiktheater und Schauspiel keineswegs ein „Unfall“. Das durfte ich in den vergangenen sechs Jahren als Regisseur und Mitglied der Theaterleitung in Aachen erleben und mitgestalten.

Ein Beispiel aus der ersten Spielzeit 2005/2006, in der die Musiker des Orchesters über die Foyers und den Zuschauerraum bis in den Ballettsaal und die Künstlerduschen auf 48 Positionen im ganzen Theater verteilt waren: Sie spielten einzelne, oft nicht zuzuordnende Takte aus dem gesamten Opernrepertoire der Spielzeit und ließen eine bisweilen chaotisch anmutende Klangfläche entstehen. Dazwischen Sängerinnen und Sänger mit Arien, Techniker transportierten Bühnenelemente von einer Position zur nächsten, und Requisiteure legten neben dem Liszt spielenden Pianisten auf Grammophonen Schelllackplatten mit Opernaufnahmen auf. Alles und alle reagierte auf die Uhr, nach der die von Volker Straebel für Aachen eingerichtete Partitur nach Cage‘schem Prinzip ablief. Neben den Musikern und Sängern hatte jedes Kostümteil, jedes Bühnenelement und jede Lichtstimmung seine eigene Stimme für Einsätze und Positionen in der Partitur.

Das war die Aufführung von „Aachen Musicircus“ nach John Cages „Europeras 1-4“. Die Musiker verließen während der laufenden Vorstellung den Orchestergraben durch den Zuschauerraum, um ihre Positionen im gesamten Haus einzunehmen und dort weiterzuspielen. Das gleiche passierte auf der Bühne: Sänger und Techniker mit Bühnenbildelementen verließen nach und nach durch den Zuschauerraum den Theatersaal, so dass nach 40 Minuten der Graben und die Bühne bis auf eine Violinistin und eine Sopranistin leer waren und alle Saaltüren offen standen. Das Publikum konnte von nun an seinen Weg durch die entstandene Klanginstallation selbst bestimmen. Jeder Einzelne konnte für sich entscheiden, was er hören und was er sehen wollten. Der entscheidende Unterschied zum klassischen Opernabend war, dass es nicht um Interpretation ging, sondern um das Ermöglichen von Interpretation. Die Zuschauer waren es, die den Abend zu einem Ganzen formten, das Theater stellte dafür „nur“ die Bestandteile bereit. Jeder Abend verlief anders und sah anders aus.

Vernetzung in und um das Theater

Bei der Vorbereitung auf die Arbeit als Chefregisseur am Theater Aachen haben mich viele Überlegungen begleitet. Zwei Fragen traten aber immer wieder auf: Ist die Struktur des Mehrspartentheaters noch aktuell? Und wo sind die Schnittstellen und Berührungspunkte zwischen den Sparten und zu anderen Künsten? Hinzu kam die Frage nach der Vernetzung. Wie weit kann sich ein Theater in einer Stadt mit anderen Kultureinrichtungen vernetzen, und wie können gemeinsame Projekte entwickelt und aufgeführt oder ausgestellt werden? Für den Start in Aachen entschieden Michael Schmitz-Aufterbeck (Intendant), Ann-Marie Arioli (Chefdramaturgin) und ich uns gegen eine Spartenleitung in Oper und Schauspiel und – mit Marcus Bosch (Generalmusikdirektor) – für eine gemeinsame künstlerische Leitung. Diese Struktur hat Kompetenzstreitigkeiten nicht verhindert, aus meiner Sicht aber bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeitern des Hauses befördert, Theater als Zusammenwirken vieler Elemente und damit als Ganzes zu verstehen.

Mit seinen „Europeras“ zerlegt John Cage die Oper in ihre einzelnen Bestandteile und macht jedes einzelne von ihnen sichtbar und hörbar. Er verweist auf bestehende Regeln, indem er sie aber bewusst ignoriert, stellt er grundsätzliche Fragen an die Oper: Was ist Oper? Was bedeutet sie für uns heute noch? Ich habe dies zum Anlass genommen, die Frage weiter zu formulieren: Wie dehnbar ist der Begriff Oper/Musiktheater? Wo sind Berührungspunkte und Grenzüberschneidungen zu anderen Sparten? Genau an dem Punkt traten die Schwierigkeiten in der täglichen Arbeit auf. In der ersten Probe von „Europeras“ mit Orchester standen sofort einige Musiker und Musikerinnen auf, um mit großer Heftigkeit zu monieren, das Projekt sei doch Unsinn. Andere Musiker schlossen sich an. Nach einem langen Vortrag über John Cage, dem Apell an die Vielseitigkeit des Orchesters und die Möglichkeit, mit solchen Projekten neue Zuschauer anzusprechen, konnte die Probe starten. Jedem einzelnen Musiker wurde Cage und das Zufallsprinzip, seine Orchesterstimme und seine Wege zu den jeweiligen Positionen durch das Haus erklärt. Es entstand die neue und ungewohnte Situation, dass es keinen Dirigenten gab, sondern eine Uhr. In mehreren Gesprächen mit dem Orchestervorstand und mit GMD, Kapellmeistern und Repetitoren wurde dies erklärt und besprochen. Was wir nicht bedacht haben, war die Tatsache, dass für die Musiker in dem Moment, in dem sie aus ihrem gewohnten Graben herausgehen und einzeln mitten unter dem Publikum spielen, die Anonymität des Grabens und damit die ihres Kollektivs aufgehoben wurde. Nicht nur die Musiker, auch die Sänger, die ihre Arien „nur singen“ und nicht emotional darstellen durften, und die Techniker, die nach Partitur das streng formale Auf- und Abbauen von Bühnenelementen proben mussten, wurden zu „Performern“. Ich musste meine Rolle als Regisseur neu überdenken, denn es ging nicht um Interpretation, sondern um die Koordination von Ereignissen, die nicht inszeniert wirken sollten.

Herausforderung Grenzüberschreitung

Für mich war diese Arbeit eine Initialzündung. Zuschauer und Künstler trafen sich auf Augenhöhe, alle waren Gestalter des Abends. Das war die Demokratisierung des Publikums und der Sparten. Der Mensch stand im Zentrum. Es war aber auch klar, dass in dieser Form der Arbeit Zündstoff liegt. Lässt das Theater die gewohnte Zuordnung in Sparten hinter sich und begibt es sich in neue Zusammenhänge, funktionieren die erlernten und lang praktizierten Rollen, Muster, Formen und die damit gewonnenen Erfahrungen nicht mehr. Für einen Teil des Hauses ergaben sich neue Erfahrungen, andere dagegen lehnten das Experiment völlig ab. Dennoch stellte sich allmählich eine neue Selbstverständlichkeit bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeiter des Hauses ein, das Theater als Ganzes zu verstehen. Die Besucherzahlen und die Tatsache, neben unseren Abonnenten ein neues Publikum im Haus zu haben sowie die Reaktionen der Presse machten Mut, diese Arbeit weiterzuentwickeln.

Der Cage-Abend war aus einer Theatersparte heraus gedacht und hat über den Installationsgedanken die Oper geöffnet. Diesen Gedanken haben wir 2008 in dem von Volker Straebel und mir entwickelten Abend „Terror. Revolte. Glück.“ weiter verfolgt. Grundlage waren Camus` Texte „Der glückliche Tod“, „Der Mensch in der Revolte“, Tagebücher und dokumentarisches Material. „Die Idee der Installation lässt sich historisch zurückführen erstens auf einen erweiterten Begriff von Skulptur, in dem diese raumgreifend und begehbar wurde, und zweitens auf jene gestalteten Räume (‚environments‘), in denen die Vertreter des Happenings in den 1950er und 60er Jahren ihre Performances ansiedelten. Der erste Ansatz bestimmt inzwischen die Kunstwelt. Der zweite scheint fast in Vergessenheit geraten und uns schien eine Möglichkeit, ihn im Kontext von Musik und Theater zu rehabilitieren“ (V. Straebel im Programmheft).

Genau hier setzten wir mit unserem Konzept an. Der Zuschauer sollte nicht Zeuge eines Geschehens sein, sondern er sollte selber Akteur und gleichzeitig Rezipient physischer und sozialer Situationen werden. Nur so konnten unserer Ansicht nach die existentiellen Fragen nach Einsamkeit, Verantwortung und Tod von ihrer abstrakten Ebene zur unmittelbaren Erfahrung des Besuchers werden.

Wir entwickelten eine Musik-Theater-Installation für sieben Schauspieler-Innen und sieben SängerInnen, den Opernchor und das Orchester, schufen vier große Module, die jeweils eine Grunderfahrung Camus‘ beinhalteten. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Ric Schachtebeck entwarfen wir dazu Rauminstallationen, welche die Zuschauer vor (Bild aus fließendem Wasser) oder in Situationen stellte (ein großer Käfig, in den die Zuschauer unvorhersehbar geführt wurden), und platzierten diese Module an verschiedene Spielstätten im Haus. In vier Gruppen eingeteilt wurden die Zuschauer parallel durch die einzelnen Stationen geführt. Für die Wege zwischen den Stationen gewann ich den Videokünstler Aernout Mik mit einer Videoinstallation und Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris mit Videoarbeiten. Begleitende Ausstellungen der beiden Künstler fanden im Neuen Aachener Kunstverein und dem Ludwig Forum für Internationale Kunst statt.

Aus der Sicht der Theaterleitung war „Terror. Revolte. Glück.“ ein Erfolg. Es funktionierte hervorragend, den Abend in beiden Sparten dem Publikum und den Abonnenten als Premiere am 6. Dezember 2008 anzubieten. Durch die Vernetzung mit den Museen und die Anbindung an Stadtgeschichte – der legendäre Punk Club UKW und die Punkzeitung Bierfront in Aachen standen Pate für Formen der Revolte – kamen Besucher zu den Aufführungen, die wir bisher nicht im Theater gesehen hatten.

Widerstände außerhalb des Theaters

Wir mussten aber erfahren, dass sich nicht nur das Theater mit der Öffnung der Spartengrenzen schwer tut, sondern auch die Medien. Einige schickten keinen Rezensenten. Begründung: Auf der Einladung stand nicht eindeutig Oper, Schauspiel oder Tanz – und für diese „Zwischendinger“ hätten sie keine Mitarbeiter. Kunstzeitungen lehnten es ab, Veranstaltungshinweise in ihren Kalender aufzunehmen. Hier die Begründung: Das sei ja Theater.

Als Regisseur war ich wieder einmal überrascht, wie in der Probenarbeit jeder an seiner Sparte festhält. Schauspieler tun sich schwer, Texte auf Zeichen des Dirigenten zu sprechen, Sänger gleichzeitig zum Text des Schauspielers zu singen, Musiker verteilt im Zuschauerraum zu spielen, und Dirigenten, den Zeiger einer Uhr gestisch nachzubilden, auch wenn die Partitur dies fordert. Ich verstehe, dass viele Künstler nicht die Erfahrung machen konnten, mit und in anderen Künsten zu arbeiten. Mir fällt es aber immer schwerer zu akzeptieren, dass es Künstler und besonders Theatermacher an einem Mehrspartenhaus ablehnen, diese Herausforderung anzunehmen.

Gründe dafür sehe ich unter anderem in der Ausbildung. Die Hochschulen arbeiten nach wie vor auf der Basis der klassischen Trennung von Sparten. Als Hochschullehrer führe ich mit Studenten immer wieder Diskussionen über Notwendigkeiten wie: Warum einen Text zu einem Lied lesen? Oder darf man zwei verschiedene Texte oder Musikstücke aneinander hängen? Die erste Frage ist immer: Gibt es einen Grund, eröffnet es eine neue Sicht? Bei den Studenten gibt es häufig einen Aha-Effekt, sobald sie aus solchen Experimenten neue Erfahrungen über eine Musik oder einen Text mitnehmen können. Erschreckend dagegen ist die Ignoranz von Lehrenden gegenüber anderen künstlerischen Ausdrucksformen als denen des eigenen Fachs. Einen interessanten Ansatz verfolgt die Toneelacademie in Maastricht, die gerade den Masterstudiengang „interdisciplinary arts“ („i-arts“) eingerichtet hat. Und daneben richtet sich der Studiengang „theatrical performer“ an Studenten, die sich nicht in dem klassischen Format des Regie- oder Schauspielfachs sehen. Meiner Ansicht nach müssten die Hochschulen die Studiengänge durchlässiger gestalten und den Zeitgeist, das Lebensgefühl einer Generation widerspiegeln, die nicht mit den Klassikern groß geworden ist. Der veränderte Zugang zu Musik, Sprache und Bewegung und die damit veränderten Ausdrucksformen müssten in das Studium der klassischen Fächer stärker einbezogen werden. Das ist bisher die Ausnahme. Eine enge Zusammenarbeit von Kunst, Musik- und Schauspielakademien und Hochschulen sollte angestrebt werden.

Ich versuche, bekannte Stücke, Themen, Texte und Musik thematisch in neue Zusammenhänge zu stellen. Die Mittel sind unter anderem die Gegenüberstellung und Verschmelzung oder die Kontrastierung von Sprache und Musik, Bewegung und bildender Kunst. So versuche ich, die Aufmerksamkeit auf den Kern eines Themas oder Werkes zu lenken, und Bekanntes in einen neuen Rahmen zu stellen. In den Arbeiten mit anderen Künstlern habe ich erfahren, dass es dabei nie um einen Verlust von Profession oder Eigenständigkeit des Künstlers geht, sondern immer um einen Zugewinn und eine Chance für neue Erkenntnis.

Das Projekthafte und Spartenübergreifende ist längt nicht mehr das Primat der freien Szene. In vielen Städten gehört es zum Alltag des Theaters, dass Laien in Clubs Theater machen und Stadtteilprojekte mit Jugendlichen stattfinden. In Aachen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass gemeinsame Premieren in Oper und Schauspiel auf dem Spielplan stehen. Demnächst hat nach „Fairy Queen“ und „Der eingebildete Kranke“ das Barockprojekt „King Arthur“ für Schauspieler und Sänger Premiere. In den vergangenen Jahren haben regelmäßig Künstler wie Gintersdorfer/Klaßen und Hans-Werner Kroesinger hier gearbeitet. Sänger, Schauspieler und Orchestermusiker treffen sich zu Impro-Abenden und entwickeln 24-Stunden-Performances. In Kooperation mit der Toneelacademie in Maastricht, dem niederländischen Festival Cultura Nova, der freien Bühne Theater K und Theater Aachen ist eine kleine Plattform entstanden, auf der sich jeweils zu Spielzeitbeginn in einer langen Nacht „performing arts“ mit „performance art“ verbindet.

Theater für eine vernetzte Welt

Das ist so, weil wir Theatermacher neben der Pflege des Repertoires Verantwortung als Impulsgeber für neue Formen des Theaters übernehmen müssen. Die Ressourcen sind da, und den Raum und die Mittel sollten wir zur Verfügung stellen. Notwendig auch deshalb, weil ich im Theater die Möglichkeit sehe, die Positionierung des Einzelnen innerhalb und gegenüber einer total vernetzten und völlig globalisierten Welt zu thematisieren. Deshalb kann sich ein Theater der Zukunft nicht mehr in den engen Grenzen überkommener Spartenbegriffe bewegen. Es soll und muss alle Formen der darstellenden und bildenden Kunst sowie der Musik in sich aufsaugen, sie aufeinanderprallen lassen und in Beziehung zueinander setzen. Der Standort des Theaters ist der Punkt, an dem globale wie lokale Einflüsse aufeinander treffen, es ist ein Ort für Austausch, Diskussion und Entwicklung neuer Stoffe, Stücke und Ästhetiken. Also sollte das Theater Visionen und Utopien, Modelle und Strategien für ein Leben in der Zukunft aufzeigen, Gegenwärtiges und Vergangenes reflektieren. Das Theater als soziale Skulptur im Zentrum der Stadt.

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