Aachener Untergrund Kultur

2. April 2018

Aachener Untergrund ’51

Filed under: Aachener Untergrund, Rock in Aachen — Schlagwörter: , — Dieter Antonio Schinzel @ 9:49 pm

Buchstäblich in den Untergrund führt einer der wenigen Kinofilme, die in Aachen spielen: Sündige Grenze aus dem Jahr 1951. Er handelt von Kinder- und Jugendbanden beim Kaffeeschmuggel im Dreiländereck. Schmuggeln war so lukrativ, dass große Teile der Stadtbevölkerung mitmischten, und so gefährlich, dass im Showdown von Zöllnern und Schmugglern von 1945 bis 1953 mehr als dreißig Menschen ums Leben kamen.

Zeitungsartikel darüber lieferten den Filmstoff für den Berliner Filmproduzenten Artur Brauner (dessen Karriere passenderweise im Schwarzmarkthandel der Nachkriegszeit begonnen hatte) und seinen Regisseur Robert A. Stemmle (der in der Weimarer Republik an der sozialistischen Volksbühne gearbeitet hatte, im Dritten Reich Propagandafilme drehte und in der Bundesrepublik seine Karriere mit Schlager- und Karl-May-Filmen ausklingen ließ). Stilistisch bedient sich ihr Film beim italienischen Neorealismus von Regisseuren wie Vittoria de Sica (Fahrraddiebe, 1948). Zudem bietet er, gemessen an der Prüderie seiner Zeit, solide B-Movie-Schauwerte wie Halbnacktheit und außereheliche Affären. Letztlich bleibt er aber „Opas Kino“, mit Dieter Borsche als weißem Ritter, der eine verdorbene Unschuld auf die rechte Bahn zurückbringt, während ihr krimineller Verführer unter Polizeikugeln sein verdientes Ende findet.

Zwischendurch findet die Bande noch Zeit, ausgelassen zu musizieren und zu tanzen, und zwar Bebop (Tonspur) zu Rock’n’Roll (Bild):

Weitere Hintergrundinformationen zum Film und seiner Entstehungsgeschichte liefert dieser Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1951:

„Die sozialen Verhältnisse so darzustellen, wie sie im Aachener Revier wirklich sind, hat sich Stemmle versagt. Sein Film hätte dann vor der Zensur nicht bestehen können. Es gab Rabatzer, die ihre Komparsen-Gagen im Strumpf versteckten, weil die Mutter das Geld regelmäßig vertrank. Es kamen Jungens, die ihre Eltern beim Jugendamt angezeigt hatten, ‚damit sie uns von unserem Geld endlich einen neuen Anzug kaufen‘. […]

Im Grenzgebiet hatte [der Aufnahmeleiter] sich der Aufgabe, echte Aachener Kinder für den Film anzuheuern, entledigt, indem er in berüchtigte Gegenden ging und Jugendliche, die ihm verdächtig erschienen, mit der Bitte um weitere Propaganda ansprach. Die Rabatzhorde, die am nächsten Morgen vor dem CCC-Standort, dem Hotel Hindenburg, auftauchte, schien echt zu sein. Alle erreichbaren Blumentöpfe, Türklinken und Autolampen waren in kürzester Frist lädiert.

Auch auf dem Filmgelände am Bergcafé benahmen sich die Rabatzer äußerst natürlich. Sie gingen mit steingefüllten Säcken aufeinander los, um sich die Köpfe einzuschlagen. Die älteren Kolonnenführer, die für Disziplin sorgen sollten, nahmen ihre Aufgabe so ernst, daß bald ein Sanitäter in Aktion treten mußte, der dann für die Aachener Drehzeit fest engagiert wurde und laufend zu tun hatte.

Wenn sie des Prügelns oder Schmuggelns müde waren, schwärmten die Rabatzer mit dem Schrei ‚Jon mer schwellen‘ (= klauen) in die nachbarlichen Felder aus. […]

Wenn Stemmle anfänglich befürchtet hatte, sein Drehbuch wäre stellenweise zu sensationell, so verflüchtigte sich dieser Eindruck sofort, als ihm die Rabatzer aus ihrer Praxis erzählten. ‚Was Sie hier drehen, ist gar nichts“, sagten sie enttäuscht'“.

Die „Rabatz-Bande“, wie sie im Film heißt, gab es also tatsächlich unter diesem Namen.

Wehmuts-Tropfen: Da die Innenaufnahmen des Films nicht in Aachen, sondern in Brauners Berliner CCC-Studios gedreht wurden, kann man davon ausgehen, dass sich die Tanzszene nicht in einem Aachener Untergrund-Club abspielt, sondern in einer Spandauer Studiokulisse. (Wenige Jahre danach sollten die Tanzlokale mit Live-Musik verschwinden und die in Aachen erfundenen Diskotheken sie ersetzen.) Obwohl sich das Drehbuch redlich um Lokalkolorit bemüht – mit Figuren, die „Marianne Mertens“ heißen, sowie dem Katholizismus als visuellem und dramaturgischen Leitmotiv -, scheint die Tonspur des Films komplett im Synchronstudio entstanden zu sein und sprechen alle Schauspieler berlinisch gefärbtes Hochdeutsch.

31. März 2014

Fjort: Aachener Untergrund 2014 in der „Zeit“

Filed under: Aachener Bands, Aachener Musikszene, Rock in Aachen — Dieter Antonio Schinzel @ 6:56 pm

Die Zeit widmet der Aachener Posthardcore-Band Fjort, deren Debütalbum gerade erschienen ist, einen Artikel.

Ältere Semester wie wir fühlen sich (gerade bei den Texten) nostalgisch an den KFC und die frühen Fehlfarben erinnert.

25. Dezember 2013

Einblicke, Folge 4: „Ex“ und „Volksboiler“

Einblicke - Buchcover

Kein Entrinnen vor den Einblicken des Soziologenteams um Ingrid Peinhardt-Franke – weder für die Aachener Subkulturen im Jahr ’82/83, noch für unsere Blog-Leser dreißig Jahre später!

Im nun folgenden Kapitel nahm man sich die Aachener Bands Ex und Volksboiler aufs knallhart ideologiekritische Korn. (Wir vermuten, dass die Wahl auf diese so verschiedenen Bands nur deshalb fiel, weil sie zum Line-up des DAC-Labels gehörten. DAC-Cassetten lagen damals auch in Politbuchläden wie Babula aus, im Gegensatz zu den Produkten anderer Aachener Cassettenlabels wie Reinfall und SMC.)

Text ab (hier auch als PDF):


Rockmusik — Kommerzielle Populärkultur oder Ausdrucksmedium subkultureller Opposition?

Hardy Delnui, Jutta Stieler

"Im musikalischen Rahmen finden keine Revolutionen statt. Auch keine musikalischen."1

Rockmusik ist bekanntlich — auch wenn sie es ab und an vorgibt — nicht ein Ausdrucksmittel des Protests, das etwa tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewirken könnte, sie kann allenfalls als ein Spiegel fungieren, da sie aus Sicht der Subkulturen und des "Underground"‚ jener Welt, in der die Rockmusik beheimatet ist, als eine Art Seismograph den Zustand der Gesellschaft anzeigen, gegen die sie sich wendet, von der sie (nicht immer!) geduldet und schließlich — aus noch zu nennenden Gründen — vereinnahmt wurde und wird.

"Musik als Ausdrucksmittel..." ['Einblicke', S. 243]

„Musik als Ausdrucksmittel…“ [‚Einblicke‘, S. 243]

Die Geschichte der Rockmusik ist eine Geschichte subkultureller und teils auch modeorientierter Jugendtrends — wobei man modische und subkulturelle Trends nicht gegeneinander ausgrenzen kann — und sie vollzog sich analog zur Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft in Zusammenhang mit der zunehmenden Trennung von Produktion und Konsumtion, von Freizeit und Arbeit und der Ausweitung des unproduktiven Sektors und einer Bedürfnisindustrie, die zwecks Konsumanreiz immer neue Bedürfnisse schafft und immer neue Absatzmärkte erschließt.

Die Veränderung der Produktionsbedingungen und häuslichen Verhältnisse seit Anfang dieses Jahrhunderts, die Ausweitung von Bildungseinrichtungen, von Freizeit- und Konsummöglichkeiten sowie Autoritätsverlust der Eltern etc. schufen die Voraussetzungen dafür, daß Jugendliche eigene (nicht unbedingt autonome!) Institutionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Rockmusik, entwickeln konnten.

"Spätestens seit Anfang unseres Jahrhunderts gab es die Schreckensvision von einer eigenen Welt der Jugend, die von den Interessen der Erwachsenen unberührt bleibt und ausschließlich von den Normen Gleichgesinnter bestimmt wird."2

Demgemäß wurden Jugendliche auf der einen Seite zum Objekt verschärfter Integrationsbemühungen, aber gleichzeitig stilisierte man "die Jugend" gerade aufgrund ihrer hedonistischen Orientierung und ihrer Abkehr vom rigiden Normgefüge der etablierten Gesellschaft zum Symbol von Ungezwungenheit und eines freieren Lebensstils. Jugendlichkeit avancierte zu einem besonders werbewirksamen Konsumideal. Mit der Favorisierung konvergierte die allmähliche Etablierung eines Marktes, der speziell auf den Jugendkonsum zugeschnitten wurde; nämlich in Form von Discos, Pubs, Coffeebars, Dance-halls, Boutiquen, Plattenläden etc.‚ wobei der Musik, vor allem der Rockmusik, aufgrund ihrer stimulierenden Wirkung als Transporteur von Gefühlszuständen eine besonders herausragende Rolle zukommt.

Seit der Entstehung verschiedener Jugendtrends und -kulturen — angefangen bei den Teenagerkulturen der 20er und 50er Jahre über die eher politisch orientierten Gegenkulturen der 60iger und 70iger Jahre sowie den neuesten Trends in der Punk- und New Wave-Szene seit 1976/77 — kann man ein Phänomen durchgängig beobachten; und zwar daß alle jugendlichen Subkulturen — mit Ausnahme vielleicht der eher quietistischen Bewegungen — durch Markt- und Steuerungsmechanismen, die auf Beherrschung eines möglichst großen Massenmarktes hin konzipiert sind, ihrer systemschädigenden Elemente beraubt, durch das System vereinnahmt und ihrer spezifischen Ausdrucksformen enteignet wurden. Simon Frith beschreibt diesen Vorgang der "kulturellen Enteignung" anhand des Aufstiegs und Niedergangs des Rock’n Roll der 50er, der Rockmusik der 60er und des Punkrock gegen Ende der 70er Jahre.3

Dem Prozeß der Vereinnahmung und Kommerzialisierung kann sich keine Subkultur von vornherein entziehen. Im Gegenteil ist jede Kultur, die im Kapitalismus entsteht, den widersprüchlichen Bedingungen des Systems ausgesetzt und ihre Ausdrucksmittel reflektieren die Auseinandersetzungen innerhalb der "kapitalistischen Kultur"4 und "(…) die Probleme, die entstehen, wenn Träume abgepackt und verkauft werden."5

Der Anspruch vieler Rockmusiker unkommerziell oder avantgardistisch zu sein oder so etwas wie eine subversive Kultur zu repräsentieren ist wohl eher als Ideologie zu bezeichnen, da die Notwendigkeit wirtschaftlich zu existieren oder als Musiker Erfolg zu haben und ein Publikum zu gewinnen auch eine gewisse Orientierung an aktuellen Trends und dem bestehenden Markt erfordert.

Auf Grundlage einer fundamentalen Kritik des Industriekapitalismus gehen linke Ideologiekritiker davon aus, daß die kommerziell produzierte Musik unter den politischen und ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus als ein "Instrument der sozialen Kontrolle"6 fungiere, da sie aus ideologischen und kommerziellen Erwägungen die radikalen Impulse jugendlicher Identitätssuche und Widerstandspotentiale kanalisiere und mit Hilfe "orgastischer Ausdrucksformen" in den "(…) konditionierten Reaktionen des Bauches (…)"7 untergehen lasse.

Adorno zufolge implizieren Warencharakter und ideologischer Nutzen den Wert der sogenannten Massenkultur (einschließlich der Rock- und Popkultur), deren Konsum unter den technologischen Bedingungen relativ beliebiger Reproduzierbarkeit zu einem entfremdeten Vorgang wird, der mit der von Adorno geforderten Kreativität und dem Protestcharakter ästhetischer Ausdrucksformen nichts mehr gemein hat. Die Phantasie der Hörer wird ihrer utopischen Kraft enteignet, Bewußtsein und Phantasie kolonisiert, besetzt vom Stakkato einer standardisierten Kunst, die nicht mehr "Quelle der Hoffnung" auf Veränderung sein kann, sondern nur noch "Symbol der Kastration".8

Da zwischen der ursprünglichen Musik und dem Hören der Musik — auch bei Live-Auftritten — komplizierte technische Vorgänge der Klangproduktion und -umsetzung sowie bei Einstieg in das große Musikgeschäft (d. i. Schallplattenproduktion größeren Umfangs) ökonomische Prozesse der Vermarktung stehen, ist es unerläßlich, die Auswirkungen gezielter Marketingmethoden und Kommerzialisierungsverfahren auf das jugendliche Publikum und die Musiker zu berücksichtigen.

So berechtigt die kulturkritische Bewertung von konsumgerecht verpackter und populär gemachter Rockmusik im Hinblick auf die Angebotsseite ist, so problematisch ist hingegen die Gleichsetzung von Korruption und Kommerz, von standardisierter Massenkultur und konditionierter Subjektivität im Hinblick auf die Nachfrageseite, da die reale Lebenswelt, die konkreten Erfahrungsdimensionen und Aneignungsprozesse auf dieser Abstraktionsebene nicht angemessen mit ins Blickfeld gerückt sind.

Da der kulturelle Gebrauchswert von Musik auf ästhetischen Präferenzen beruht, ist die zunehmende Professionalisierung, die hochdifferenzierte Arbeitsteilung in der Musikbranche sowie das Ingangsetzen teurer Werbekampagnen und Promotionsmethoden und der Verkauf spezieller Dienstleistungen nur eine Strategie im Umgang mit der Widersprüchlichkeit‚ der geringen Planbarkeit und Unberechenbarkeit subkultureller Ausdrucksmedien und Entwicklungsprozesse.

Die explodierende Stilvielfalt subkultureller Entwicklungstrends, die sich in der Heterogenität musikalischer Geschmacksrichtungen niederschlägt, bewirkt, daß die Jugendlichen nicht ohne Weiteres an großangelegter Konsumfront auszuschlachten sind.

Die Protesthaltigkeit und die konkrete Wirkung von Musik sind nicht ausschließlich durch ihre kommerzielle Existenz oder den Grad ihrer Standardisierung, Popularität und Vermarktbarkeit zu erfassen.

Für die kulturelle Bewertung von Rockmusik und die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen ihrer Ausdruckskraft und ihrer Einnehmbarkeit durch die "dominierende Kultur" ist der konkrete Kontext ihrer Aneignung durch den konkreten Menschen bedeutsam und die Art und Weise ihres Gebrauchs im Orientierungsrahmen subkultureller Gruppierungen.9 Musikhörende und musikmachende Jugendliche sind gezwungen, auf die Angebote des kommerziellen Marktes und der "dominierenden Kultur" zurückzugreifen und insofern natürlich auch durch diese beeinflußt, dennoch muß man gegen die pessimistischen Befunde ideologiekritischer Herkunft einwenden, daß der bereits erwähnte Aneignungsprozeß neben seiner — durchaus eingestandenen Steuerbarkeit — aber auch ein aktiver Prozeß ist, der sich im Beteiligtsein an einer konkreten Alltagswelt vollzieht. Aus diesem Beteiligtsein heraus, aus der subjektiven Betroffenheit nämlich werden kulturelle Ausdrucksmittel gewählt, gedeutet und gebraucht und der subjektive Aneignungsprozeß ist — wir hoffen dies anhand der Interviews zu veranschaulichen — ein offener Vorgang, der nicht bis in die letzten Winkel fremdbestimmt und unter systemgebundene Funktionsmechanismen zu subsumieren ist.

Zur Aachener Musikszene — ein Gespräch mit Charlie Büchel

Um uns einen Überblick in bezug auf die Aachener Musikszene zu verschaffen, sprachen wir mit Charly Büchel, der sie seit achtzehn Jahren aktiv mitgestaltet und beobachtet hat. Er schätzt die Zahl der regelmäßig spielenden Gruppen auf ca. 40 ein, wobei gleich ein Problem deutlich wird, nämlich daß man die Zahl nur ungefähr angeben kann, da die meisten Musikgruppen ihre Proberäume nie verlassen, weil in Aachen zuwenig Auftrittsmöglichkeiten existieren. Selbst Proberäume sind rar, und so verhindern fehlende Probemöglichkeiten das Zusammenspiel vieler Gruppen, wobei gerade jüngere, noch unbekannte Musiker besonders unter der Situation zu leiden haben. Die fehlende Chance öffentlich aufzutreten, beeinflußt die musikalischen Fähigkeiten einer Band. Der "Zwang" vor Publikum zu spielen, fördert die Gruppe, da Stücke sauber gespielt werden müssen und aus einem Improvisationsstadium herauskommen. Bands, die einmal gefragt sind, erhalten die meisten Auftrittsmöglichkeiten und somit die Chance, ihre Musik weiter zu verbessern. So erklärt sich, daß nur fünf Aachener Gruppen Platten produzieren. Zwei stehen unter einem Plattenvertrag eines Produzenten, die anderen drei sind ihre eigenen Produzenten. Die Orientierung hinsichtlich einer möglichen Vermarktung ihrer Musik beeinflußt ihre Stücke derart, daß aktuelle Trends verstärkt berücksichtigt werden. Ferner gehen die Bemühungen in die Richtung populäre Musik, also in Richtung größerer Zuhörerschaft zu gestalten, ein Rhythmus sollte dann klar erkennbar sein, so daß die Möglichkeit besteht, daß ein Stück zum "Ohrwurm" wird. Ebenfalls sind Kriterien, auf die Musik tanzen zu können oder die Texte gut zu finden, entscheidend für einen "Hit".

Andererseits gibt es auch Gruppen, die weder an Trends noch in Richtung Vermarktung interessiert sind. Hierzu gehören momentan Free Jazz und Folk Gruppen. Bei beiden steht die Selbstverwirklichung in der Musik vor dem Publikumsbezug. Solche unterschiedlichen Ansätze läßt die Frage nach den verschiedenen Motivationen aufkommen. Charly B. geht von der These aus, daß jedes Instrument auffordert, Gefühle einzubringen, so daß das Produzieren von Musik als kreativ empfunden wird und somit für das Individuum aufbauend wirkt.

Zu den Interviews

Das Gespräch mit unterschiedlichen Musikgruppen kann nur exemplarisch veranschaulichen, welche Möglichkeiten der Selbstdefinition und Selbstverständigung — ästhetisch und politisch gesehen — es im Rahmen aktueller Musikströmungen gibt, und inwieweit die Orientierung an bestimmten subkulturellen Gruppierungen die Auswahl musikalischer Ausdrucksmittel determiniert, da sie an bestimmte Identifrkationsmöglichkeiten und Kommunikationsformen gebunden ist. Da wir keine repräsentative Studie vorlegen können, sondern wie gesagt, lediglich eine exemplarische Auswahl trafen, versuchten wir, die Gesprächssituationen möglichst offen zu gestalten, d. h. nicht nach standardisierten Fragen vorzugehen, um auf diese Weise die Musiker möglichst authentisch zu Wort kommen zu lassen und nicht durch Fragetechnik in ein vorgegebenes Schema zu pressen.

Zu "Ex" und "Volksboiler"

Wir befragten zwei Aachener Amateurmusikgruppen, "Ex" und "Volksboiler"‚ hinsichtlich des Wechselverhältnisses ihrer Musik und politischen und gesellschaftlichen Geschehens sowie nach der Bedeutung ihrer Musik für sie selbst und ihr Publikum, ferner nach ihrer Einstellung zur Orientierung an aktuellen Trends und der Vermarktung von Musik. Nach ihren Vorstellungen stehen Motivation und Lebensgefühl, das in der Musik Ausdruck findet, in einem Zusammenhang zwischen persönlicher Situation und dem Eindruck von der Gesellschaft. Die persönliche Situation ist durch ein einmaliges Gespräch nur unzulänglich erkennbar. Die Gruppe "Ex" ist im Durchschnitt achtzehn Jahre alt und besitzt durch Berufsausbildung ihrer Mitglieder eigentlich noch "ganz gute Voraussetzungen, einen Job zu bekommen, aber allein schon, daß kein Job mehr frei ist, daß schon alles von Technik und Computern übernommen ist, oder die Tatsache, daß man sich auch wieder anpaßt — wenn man sich anpaßt an die ganzen Fortschritte, die es gibt, sehe ich keine kurzfristige Veränderung drin in dem ganzen Scheiß gegen den man sich wenden sollte." (der Bassist)

"...und Lebensgefühl (Gruppe Ex)" ['Einblicke', S. 244]

„…und Lebensgefühl (Gruppe Ex)“ [‚Einblicke‘, S. 244]

Volksboiler ist durchschnittlich ca. 24 Jahre alt und in der Mehrzahl Studenten.

Musikgeschmack und Textinhalt sind zeitgebunden

Eine Klassifizierung in eine bestimmte musikalische Richtung fällt beiden Gruppen schwer. "Ex" möchte sich stilistisch gar nicht festlegen, ihre Musik höchstens mit Attributen wie "laut und schnell" belegen, obwohl eine starke Anlehnung an New Wave und Punk betont wird. "Volksboiler" versteht ihre Musik als Rock mit einer Orientierung zum New Wave hin. Wobei die Entscheidung solche Musik zu machen vom musikalischen Geschmack und der Möglichkeit mit solcher Musik auftreten zu können, abhängig gemacht wurde.

"Gute Rockmusik mit Texten, die auch inhaltlich interessant sind, kann man schon mal eher öffentlich spielen. In erster Hinsicht war das eine musikalische Entscheidung und keine politische …, dann kam eben auch die Zeit, wo mehr Gruppen mit deutschen Texten kamen, und daß man einfach mal gesehen hat, daß so etwas geht, also ich weiß, mir ist es früher so gegangen, daß man irgendwie Angst hatte, deutsch zu singen, das kam einem einfach alles blöd vor. Es fielen einem nur Schlager und Opernsänger ein."

"'Spaß beim Musikhören ist auch wichtig.' Gruppe Volksboiler" ['Einblicke', S. 245]

„‚Spaß beim Musikhören ist auch wichtig.‘ Gruppe Volksboiler“ [‚Einblicke‘, S. 245]

Eine Anlehnung an momentan aktuelle Trends ist also bei beiden Gruppen gegeben. Ein musikalischer "Zeitgeist" innerhalb der Musik von Subkulturen beeinflußt beide Gruppen. Ebenfalls werden mögliche Veränderungen durch neue musikalische Trends nicht ausgeschlossen. Eine Beeinflussung der Musik findet nicht nur durch neue stilistische Richtungen innerhalb der Subkultur statt, sondern auch direkt durch Einflüsse, die aus der Gesellschaft, d. h. aus der dominierenden Kultur herüberkommen. "Wo man sowas hört oder sieht, wie z. B. dieser Film "Atomic Cafe", wo den Leuten was angedreht wird, was eben aufgenommen wurde, um die Atombombe zu verherrlichen — hieraus haben wir ein Stück gemacht, d. h. "Duck and Cover" "ducken und bedecken". (Bassist von "Ex") "Du kannst die Wirklichkeit so darstellen, wie du das siehst. Wenn der Wiwi z. B. den Text über Spanienurlaube gemacht hat, wie das so abläuft (Bassist von "Volksboiler"). Bei beiden Gruppen wird deutlich, daß gesellschaftliche Phänomene aufgegriffen und aus ihrer subkulturellen Sicht dargestellt werden. Persönliche Grundeinstellungen und Erfahrungen mit der Gesellschaft sind somit entscheidend für Texte und Musik. Die Anlehnung an aktuelle Trends und die Beeinflussung durch die dominierende Kultur sind im übrigen nicht voneinander zu trennen, da sich aktuelle Trends ebenso als Reaktion auf die gegenwärtige gesellschaftliche Realität entwickeln, wie die Musik der einzelnen Gruppen. Die dominante Kultur bestimmt also die Stile einer Subkultur mit, da diese in der Ambivalenz zwischen Kontinuität und Abgrenzung zur Hauptkultur entwickelt werden. Die subkulturelle Ausdrucksform "Musik" wird durch jede Band individuell interpretiert und um die eigene Lebenserfahrung erweitert.

[Volksboiler, 'Einblicke', S. 245]

[Volksboiler, ‚Einblicke‘, S. 245]

Musik als Mittel der "Kritik"?

Wir "machen innerhalb der politischen Anschauung (einer bestimmten subkulturellen Strömung, d. V.) Musik, und unsere Texte sollen auch damit was zu tun haben, damit irgendeine Botschaft rüberkommt" (Bassist von "Volksboiler"). Die Intention bei "Ex" ist mehr geprägt durch Kritik in der Form, daß alles versucht wird, lächerlich zu machen. Eine Auseinandersetzung, so daß man über gesellschaftliche Phänomene "schimpft", sie "verurteilt" oder "zwischenmenschliche Probleme irgendwelchen Ausmaßes behandelt", wird abgelehnt, da es "keinen Sinn hat".

"Es läuft so, wie es laufen muß, sicher kann man sich wehren, aber nicht mit Musik." (Gitarrist von "Ex")

Solche Ausdrucksformen der Subkultur, die sich als Reaktion auf die Erscheinung der dominanten Kultur verstehen lassen, schaffen durch ihre Selbstdarstellung, die authentischen Charakter hat, neue Erscheinungsformen der noch nicht so festgelegten Subkultur. Umreißt Musik, die aus der Subkultur entsteht (als Reaktion und in der Kontinuität zur Hauptkultur), somit die Inhalte derselben, trägt sie also zu dessen Identifikation bei, so prägt sie aktiv an der Konstituierung mit, indem sie als handelnder Teil einer Bewegung neue Kultur- und Lebensformen hervorbringt. Für "Ex" sind z. B. Texte, die Resignation vermitteln, indem sie die eigene "beschissene" Lage oder die "schlechte Zeit" besingen, nicht akzeptabel.

"Nun ist das einfach so, daß wir nicht mit Entsetzen darüber wehklagen …, wir ignorieren das eigentlich alles … vor allem Sachen, die wirklich hart sind, also Atombombe, Atomkrieg, Atomkraftwerke, es ist nicht egal, man braucht sich nicht groß dagegen zu wehren, weil es sowieso nichts nützt." (Bassist von "Ex")

Deutlich wird hierbei eine Machtlosigkeit gegenüber einer nicht planbaren, nicht berechenbaren, materiell bedrohlichen Situation, mit völlig ungewisser Zukunft, sodaß eine Auseinandersetzung, in der man z. B. Mißstände aufzeigt, nicht mehr lohnend erscheint, und als plump und naiv abgetan wird.

Verurteilt wird die "Realität", indem man sie lächerlich macht. Bei der Gruppe "Volksboiler" existieren mehr Ansätze zu einer Auseinandersetzung mit vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen. Auch werden persönliche oder mitmenschliche Probleme aufgegriffen (z. B. Alkoholkonsum). Ein Optimismus in Hinsicht auf größere gesellschaftliche Verbesserungen besteht zwar auch nicht, aber ein Ignorieren der vorhandenen Probleme findet nicht statt. "Ein Kennzeichen von unseren Texten ist, daß sie … in gewisser Form kritisch sind …". Hinter diesen Funktionsbestimmungen der Musik durch die Gruppen, verbergen sich unterschiedliche Anschauungen.

Gefühlswirkung und Funktion von Musik

"Rockmusik ist eine der letzten Bastionen gelebten Abenteuers in einer (…) in ihren Ausdrucksformen funktionalisierten Zivilisationswelt."10

Wenn also die Gruppe "Ex" den momentanen gesellschaftlichen Status quo als "beschissen" bezeichnet, jedoch Veränderungen ausschließt, so kommt ihrer Musik eine stark kompensatorische Funktion zu. Die aufgestauten Frustrationen und Aggressionen sollen durch die Musik abgebaut werden. Hierzu ist es nötig, daß sie schnell und laut ist und musikalisch unbeschränkt, auch wenn die Perfektion darunter leidet. Dies dient dem Ziel, eine Situation, nicht nur für die Gruppe, sondern auch für die Zuhörer zu schaffen, in der alles rausgelassen werden kann, was aufgestaut worden ist. Diese Befreiung entsteht beim Publikum, indem es wild tanzt, um sich schlägt und tritt. Um dies zu erreichen, muß die "Selbstgefalligkeit" der Zuhörer zerstört werden. Als desillusionierendes Stilmittel, um die Zufriedenheit mit den bestehenden Lebensbedingungen aufzulösen und den dann "hochkommenden" Frust auszuleben, wird harte und aggressive Musik benutzt, die gleichzeitig als Ventil zum Abreagieren dient. Die Intensität, mit der dies betrieben wird, ist abhängig von dem sozialen Kontext des Einzelnen. Hieraus ergibt sich auch die Unterscheidung der Gruppe "Volksboiler". Ihre Intention gegenüber dem Publikum besteht mehr darin, daß es Spaß an ihrer Musik haben soll. Außerdem soll das Vermittelte vielleicht etwas nachdenklich machen. Daraus ergibt sich auch eine unterschiedliche Bedeutung des "Musikmachens" für die Gruppe. Bei "Volksboiler" steht der Spaß an der Musik, Selbstbestätigung, Entfaltung und Freizeitbeschäftigung im Vordergrund. Für "Ex" ist die Musik vielmehr Identifikations- und Lebensmöglichkeit. Die oben beschriebene desillusionierende Wirkung und die Chance, durch Musik intensiv zu erleben und auszuleben, wird auch im Folgenden deutlich: "Es gibt Texte von Ralph, die einfach was wiedergeben und beschreiben, die vielleicht so einen Teil unseres Lebens wiedergeben, z. B. "Zuck"." In diesem Text wird der Wunsch nach intensivem Leben und Erleben deutlich. Eine für sie entscheidende Möglichkeit, diesen "Zuck" (also das Lebensgefühl) zu erhalten, ist ihre Art und Weise Musik zu machen. Hierin wird deutlich, welche Bedeutung die Musik für sie hat.

[Volksboiler, 'Einblicke', S. 246]

[Volksboiler, ‚Einblicke‘, S. 246]

Professionalisierung ohne Vermarktung

Beide Gruppen treten relativ regelmäßig auf, dadurch werden Stücke fertig geschrieben, kommen also aus einem Improvisationsstadium heraus. Ferner fördert der Leistungsanspruch bei öffentlichen Auftritten die Bands. "Ex" wollen möglichst viele Leute mit ihrer Musik ansprechen, und wollen versuchen, mit der Musik Geld zu verdienen. Eine Vermarktung ihrer Musik könnte die Musik zwar beeinflussen, sie würden aber auf jeden Fall den Sinn ihrer Musik nicht verändern lassen. Ähnlich sieht "Volksboiler", sie wollen Amateure bleiben, eine Gefahr in der Vermarktung von Musik, obwohl durch eine Vermarktung allein die Musik sich nicht in Richtung "kommerzieller Musik" ändern würde. Ob eine Musik kommerziell ist, "liegt ja nicht an den Tönen". (Gitarrist von "Volksboiler") Beeinflussungen, die durch einen Plattenvertrag entstehen können, würden beide ablehnen. Um sich dem zu entziehen, und für nichtetablierte Gruppen vielleicht die einzige Möglichkeit Öffentlichkeit zu bekommen, ist die Verbreitung über alternative Formen wie Cassettenlabel oder ähnliches angebracht. "Volksboiler" produzierte bereits eine solche Cassette. "Ex" würde trotzdem lieber eine Platte produzieren.

Kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung — Schlußbemerkung

Abschließend läßt sich festhalten, daß beide Musikgruppen entsprechend ihrer Lebenseinstellung und Lebenssichtweise Musik machen, als Ausdrucksmittel ihres Lebensgefühls. Die Bedeutung und Wichtigkeit ist zwar unterschiedlich, aber bei beiden Gruppen als eine Form von Kritik gegen die bestehende Wirklichkeit zu verstehen. Die Tatsache, daß "Ex" und "Volksboiler" auf ihre jeweils eigene Art und Weise ihre Musik definieren und sich dabei an je unterschiedliche kulturelle Trends anlehnen, obwohl sie sich nicht explizit in bestimmte Subkulturen einordnen, zeigt, daß sie sich aus ihrer subjektiven Situation heraus vorhandener kultureller Möglichkeiten und Medien bedienen und sie in ihren eigenen sozialen Kontext hineintragen. Die unterschiedliche Haltung gegenüber ein und demselben Medium Rockmusik und die je spezifischen Ausdrucksunterschiede, die sich darin wiederfinden, entsprechen der Tatsache, daß es voneinander abweichende Lebenshaltungen und Realitätssichten gibt, die sich in subkulturellen Stilvarianten Ausdruck verschaffen. Die Bedeutung dieser Unterschiede besteht — wie P. Willis es formuliert — darin, daß es "jetzt von vorneherein unmöglich ist zu glauben, daß es nur einige Formen des Daseins gibt — die angemessenen und kontrollierten".11

"'Du kannst die Wirklichkeit so darstellen, wie Du sie siehst' (Gruppe Volksboiler)" ['Einblicke', S. 246]

„‚Du kannst die Wirklichkeit so darstellen, wie Du sie siehst‘ (Gruppe Volksboiler)“ [‚Einblicke‘, S. 246]

Die breite Palette an kulturellen Trends, die sich vor allem in den Großstädten entwickelt, ist nach P. Willis der authentische Ausdruck einer kulturellen Verwirrung und nach seiner vielleicht etwas zu optimistischen Einschätzung aber auch der irreversible Vorgang einer "tiefgehenden Reorganisation von Erfahrung und Ausdruck"12, was Widerstandspotential freisetzen und möglicherweise subversive Formen gegen die herrschende Ordnung und Disziplin entwickeln kann.


  1. Stark, J. und Kurzawa, M.: Der große Schwindel. Punk & New Wave — Neue Welle. Frankfurt/M. 1981. S. 5.

  2. Frith, S.: Jugendkultur und Rockmusik. Soziologie der englischen Musikszene. Reinbek bei Hamburg. 1981. S.211.

  3. Vgl. ebd.

  4. Der Kapitalismus selbst kann nicht als Kultur bezeichnet werden; als ein spezifisches ökonomisches System hat er an überlieferter und sich formierender Kultur lediglich parasitär teil. Vgl. Ziehe, Th.: Plädoyer für ungewöhnliches Lernen. Hamburg. 198l.

  5. Frith, S., a.a.O.

  6. Ebd., S. 5l.

  7. Ebd, S. 51.

  8. Adorno, Th. W.: Zeitlose Mode. Zum Jazz. In: Prismen. Frankfurt/M, (1955) 1976. S. 154 ff.

  9. Die Aneignungs- und Gebrauchsmöglichkeiten kultureller Ausdrucksformen und Objekte können nur vor dem Hintergrund sozialer, ökonomischer und bildungsmäßiger Chancen sowie altersmäßiger, geschlechtsmäßiger und familiärer Erfahrungen adäquat erfaßt werden. D. h., daß die konkreten Abgrenzungs- und Orientierungsbedürfnisse Jugendlicher mindestens ebensosehr zu berücksichtigen sind wie der ökonomische, politische und ideologische Nutzen von "Kulturwaren".

  10. Stark, J. und Kurzawa, M.: Der große Schwindel, a.a.O., S. 5.

  11. Willis, P.: Profane Culture. Frankfurt/M. 1981. S. 12.

  12. Ebd.

24. Dezember 2013

Einblicke, Folge 2: Aachener „Jugendkneipen“ ’82/83

Einblicke - Buchcover

Weiter geht’s mit unserer Ausgrabung der soziologischen Einblicke in Aachener Jugend- und Subkulturen anno ’82/83 von Peinhardt-Franke & Kolleg/inn/en. Im folgenden Kapitel (Buchseiten 87-104) geht’s um Aachener „Jugendkneipen“ der damaligen Zeit. In der als „VC“ abgekürzten Kneipe begegnen wir den Punks wieder, die den Autoren schon früher zugesetzt hatten.

Frage an unsere Leser: Wer hilft uns, die Codes der genannten Lokale zu entschlüsseln? Vorläufig tippen wir auf:

  • „Ra“ = Ratskeller? Charly’s Reichsapfel
  • „RF, ehemals V.“ = Raumfrisch, ehemals Vanilla
  • „Ri“ = Ritz
  • „U.“ = UKW
  • „VC“ = ?

Es folgt das vollständige Kapitel, unverändert bis auf unsere stillschweigenden Korrekturen von „Steve Marley“ zu Steve Harley sowie des penetrant wiederholten Rechtschreibfehlers „intergriert“. Auch ein Scan der Buchseiten kann heruntergeladen werden.

Jugendkneipen — ein Vergleich1

Carmelita Lindemann, Wolfgang Malter‚ Ingrid Peinhardt, Luc Walpot

Aachen ist eine Kneipenstadt, es gibt kaum einen Erwachsenen, der nicht eine Kneipe seines Geschmacks hier findet. Diese bunte Vielfalt spiegelt sich auch in Jugendkneipen wider. Exemplarisch haben wir einige herausgegriffen, Beobachtungen und Interviews gemacht.

Wir haben dabei festgestellt, daß neben der "Kneipe als Lebensqualität" die Kneipe für Jugendliche noch eine ganz andere Funktion hat: nämlich die, überhaupt einen sozialen Ort zur Verfügung zu haben, der als Kommunikationsstätte, Infotreff, Freiraum jenseits der Kontrolle von Eltern, Pädagogen, Chefs etc. sowie als "Laufsteg", als "Bühne" für die neueste Kreation der eigenen Persönlichkeit dient. Zudem bietet die Kneipe die Möglichkeit, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu kommen. Dies gilt für alle Jugendkneipen, so unterschiedlich sie von ihrer Ausstattung, ihrem Wirt, ihrem Publikum, ihrer Musik, ihrer Atmosphäre etc. sind. Kneipen bieten die Möglichkeit, subkulturelle Verhaltensstile auszutesten, Intensität zu erleben (Personality-Show, Musik, Alkohol/Kommunikation), sich über die Nutzung von Medien (Musik, Fernsehen/Video) und Elektronikspielen, in manchen Kneipen auch Tanzen, zu entstressen.

Jugendkneipen sind wie subkulturelle Stile/Freizeitstile Moden unterworfen. Dieser Wandel schlägt sich nieder in der Ausstattung — manche Kneipen werden stilmäßig jedes halbe Jahr gewandelt — und im Publikumswechsel, der häufig abrupt und schwerlich ergründbar ist. Plötzlich ist die Kneipe nicht mehr "in".

Jugendkneipen als Ausdruck subkultureller Stilvielfalt

Jugendkneipen kennzeichnet ein jugendliches Publikum — altersmäßig. Sonst nichts. Denn so breit wie die Palette der Stile, auch der nur versteckt angedeuteten oder arg verflachten, so breit ist auch die Palette der Kneipen. Aktuelle Musik wird überall gehört, Spielgeräte und Videos gibt es fast überall. Gymnasiasten, Studenten, Azubis, Jungfacharbeiter, arbeitslose Jugendliche gibt es fast überall. Was also ist los in den Kneipen und was unterscheidet sie voneinander?

Das U2 z. B., in der Aachener Innenstadt gelegen, erinnert eher an eine Metzgerei denn an eine Kneipe. Kühl gekachelt bis unter die Decke, helle Neonröhren: hier bleibt nichts verborgen, verstecken, verkriechen kann sich hier keiner. Hinter der langen schmalen Theke stehen zurechtgemachte "Bedienungen", cool und perfekt wie Schaufensterpuppen. Die neue coolness. Jango Edwards nennt sie "coolarity". Die Besucher sind ebenso perfekt gestylt wie die Damen hinter der Theke, so wie sie hinter ihren mit Orangen und Zitronen gefüllten Aquarien schweigen, schweigen die Besucher über ihren Mixgetränken in knalligen Farben. Die Mädchen im Stil der 50er Jahre — teils mit Pferdeschwänzen, Petticoats, Cocktailkleidern, Lidstrich und Haarspray, Pfennigabsätze. Die Jungs als Kavaliere, gut erzogene Söhne. Die coolness färbt ab, gelacht wird hier nicht; die große personality-show, die Vorführung perfekter Stile, ist nicht lustig.

Z.: Im U, da stehst du immer an ner Bühne, im U, da ist es sehen und gesehen werden …3

Ab und zu tauchen Punks hier auf, sie bringen etwas Leben mit. Aber sie bleiben unter sich und hören die gleiche Musik wie die Stammgäste: ganz einfach englische Charts. Manchmal findet ein Konzert statt: Trio z. B. war hier, als die Gruppe noch ein Geheimtip war, oder Blurt (Avantgarde Jazz-Punk aus London). Dann wird die Kneipe voll mit Besuchern, die ebenfalls einen Stil pflegen — einen modischen, versteht sich — und Musikern der so zahlreichen Aachener Jazz- und Rockbands. Die Elite, die Snobs treffen sich hier.

['Einblicke', S. 101]

[‚Einblicke‘, S. 101]

Raumfrisch 2

„Diese Kneipe heißt Raumfrisch, weil solche Sachen den Raum frisch machen.“ [‚Einblicke‘, S. 101]

Das RF, ehemals V, ebenfalls in der Innenstadt gelegen, hat eine lange Tradition für "ausgeflippte" Jugendliche. Ehemals ganz in weißem Plastik gehalten, steriler als eine Eisdiele, mit Video und Milchmixgetränken, zog sein buntes, auffallendes Publikum (Schüler, Studenten, Azubis, Arbeitslose) überwiegend nach 1 Uhr nachts an. Dann, wenn "normale" Kneipen schließen und die Bürger nach Hause gehen, fängt der "Flip" erst richtig an. Bananashake oder Kakao in weißen Tassen, an die weiße Wand gelehnt oder sitzend in weißen Gartenstühlchen, wurde auf die Mattscheibe gestarrt: "Dschungelbuch" von Walt Disney war der beliebteste Film.

Heute, als RF, ist die Kneipe in Pastelltönen gestrichen wie Küchenmöbel der 50er Jahre. Rosa, hellblau und ein helles Gelb sind dominant und verteilt über Decken, Wände, Möbel — originale alte Küchenmöbel, kleine Regale, Gläser, Lampen, die Küchengeräte für die Mixgetränke, die Dekoration an den Wänden: alles original 50er Jahre.

An der Theke, wie überall in den Kneipen, stehen Angehörige von Bands, ca. 18 bis 25 Jahre alt. Sie trinken um 23 Uhr hauptsächlich Kaffee mit Cognac oder Milchgetränke — weniger Bier. Die beiden Jungens hinter der Theke sind schmal, kurzhaarig, vom Stil her "sportlich-avantgardistisch", auffällig bebrillt (wie die letzte Brille von John Lennon), freundlich und kommunikativ. Blicke werden ausgetauscht, Gespräche, Lachen. Die Musiker sind ähnlich kommunikativ. Passend zur Einrichtung läuft tatsächlich eine Platte von Peter Kraus.

An kleinen Tischen entlang des Schaufensters sitzen die Punks in kleinen Grüppchen eng beisammen. Sie haben hier eine neue Bleibe gefunden für ein paar Wochen. Die Musik stört sie nicht. Später läuft eine Platte von David Bowie, sie wird gebührend besprochen. Im Hinterzimmer, das gut einsehbar ist, steht ein Tischkicker. Keiner kickert.

Das CD sieht aus wie eine Garage, an deren Wänden Spielautomaten und Flipper dicht bei dicht aufgestellt sind. Alles ist schwarz gestrichen, drei kleine Tische mit Stühlchen gegenüber der kahlen Theke. Dahinter ein müde aussehender, schwarz gekleideter Mensch. Er ist allein in der Kneipe, bis kurz nach 1. Dann finden sich hier lederbejackte, angepunkte oder sonstwie stilpflegende Jungs ein, Mädchen sind in dieser Kneipe noch weniger als sonst, jetzt beginnen die Flipper und Spielautomaten zu rattern – beim Bier. Eine Mischform zwischen Kneipe und Disco stellt das Ri dar, es ist gemacht wie eine Grotte. Auch hier viele Musiker an der Theke, Schüler und Azubis finden es hier "schick". Ab und zu spielt eine lokale Rockband hier. Das Publikum ist apathisch beim Konzert einer englischen Spitzenband (Classix Nouveaux). Der Diskjockey fordert das Publikum auf, doch zu applaudieren, wenn es eine Zugabe hören wolle.

Z.: das Ri, das ist aber auch schlecht geworden …

Integrationsstilkneipen

AUSVERKAUFT

Aachen. (til) — Der "Rockpalast" in Euchen zählt zur Zeit wohl zu den größten und schönsten Live-Läden der Republik. Im Gegensatz zu manch anderen, vergleichbaren Läden, bei denen man nicht selten das Gefühl hat, in einer Wartehalle zu stehen. Fast alle Konzerte waren bisher "Ausverkauft". Unter anderen gastierten Nena, Zeltinger und "Extrabreit" im "Rockpalast". Das "Odeon" in Alsdorf hat im Übrigen auch wieder geöffnet. (city 1/83)

['Einblicke', S. 102]

[‚Einblicke‘, S. 102]

"...einer der größten und schönsten live-Läden der Republik" ['Einblicke', S. 102]

„…einer der größten und schönsten live-Läden der Republik“ [‚Einblicke‘, S. 102]

Seit einigen Monaten gibt es den Rockpalast in Euchen (Würselen-Euchen bei Aachen). Der Rockpalast, eine ehemalige Landgaststätte mit einer Kapazität von ca. 1200 Personen ist derzeit die Attraktion weit über den Aachener Raum hinaus mit Bühne, Riesentanzfläche, Lightshow etc. Dunkelblau gestrichen wie ein Aquarium, fensterlos mit roten Kronleuchtern und Stühlen hat er den touch des Selbstgemachten — "bricolage" auch hier Element der Gestaltung. Der Einzugsbereich der "Stammgäste" reicht bis zu ca. 60 km, allein die Aachener müssen schon 10 km zurücklegen. Hier trifft sich alles, was an Veranstaltungen mit aktuellen Bands teilhaben will: Jugendliche aus der Eifel, Studenten aus Aachen, Schüler, Lehrlinge, Jungarbeiter, Musiker und Künstler aus allen umliegenden Städten und Dörfern, dazu ebenso heterogenes Publikum aus dem nahen Belgien und den Niederlanden. Das Alter der Rockpalastbesucher reicht von ca. 14 bis 40 Jahren. Hier findet sich — ähnlich wie im VC — das völlig unproblematische Miteinander verschiedener subkultureller Stile. Vielleicht deshalb, weil sie hier alle im gleichen Konsum/Kommerzzusammenhang stehen? Der Wirt dieser Kneipe ist bereits 70 Jahre alt und steht jeden Abend "im Trubel". Er hat auf Empfehlung seiner Kinder den Rockpalast aufgemacht — sie haben die Marktlücke im Aachener Raum gesehen.

Das Spuugh (sprich: schpüch) in Vaals hat ähnlich integrierenden Charakter über ähnlich gelagerte Angebote.

SPUUGH!

Aachen. (til) — Etwa einen Kilometer hinter der Grenze liegt auf holländischer Seite in Vaals der Jugendclub "I.T.C. Spuugh". In dem Jugendclub, der ca. 600 Leute faßt, werden auch in diesem Jahr zahlreiche Rockveranstaltungen über die Bühne gehen. "Brainbox" und Hermann Brood, der immer noch zu den besten Live Acts aus Holland gehört, bestritten im ausverkauften "Spuugh" die beiden Eröffnungsveranstaltungen dieses Jahres. In den nächsten Monaten kommen u. a. "Doe Maar", "Dead Kennedy" "Staff" und Jango Edwards in den Club. Die Preise in diesem Laden sind übrigens einsame Spitze. Geringe Eintrittsgelder, Bier und Cola (u. a.) für 1,10 Gulden, ein halbes Baguette, gut belegt, kostet gerade 2,25 Gulden. Auf ins "Spuugh": Tel. 0031/44543457. (City 1/83)

Der Rockpalast hat die erfolgreiche Nachfolge des ehemaligen Odeon in Alsdorf (Bergbaustadt bei Aachen) angetreten, das im gleichen Einzugsbereich lag.

Odeon Alsdorf

Immer, wenn geöffnet ist

Sehr wahrscheinlich wird – nach einem guten halben Jahr Bestehen – das ‚Odeon‘ in Alsdorf (siehe KLENKES 12/81) in seiner bisherigen Form schließen müssen. wegen mangelndem Lärmschutz. Für die Jugendlichen dort geht damit eine wichtige Kommunikationsstätte verloren,

Roland Temme, Mitbesitzer des ‚Odeon‘ und Manfred und Guido, zwei Stammgäste berichten.

Roland Temme: Für Alsdorf ist das Odeon ein Kulturzentrum insofern, als es sonst nichts dort gibt, wo Live-Auftritte stattfinden. Das Odeon spricht Leute an, für die das nächste vergleichbare vielleicht der ‚Dschungel‘ (Discothek in Richterich) ist. Das Publikum ist ziemlich gemischt, von Punkern über Otto Normalverbraucher, Freaks Flippis. Die meisten Leute sind so zwischen 18 und 25, wenige darunter. Eigentlich wollte ich nur ’nen Musikclub aufmachen, wo Bands spielen können, der Raum hier in Alsdorf hat sich so ergeben. da habe ich erst gemerkt, wie wichtig so eine Einrichtung gerade für Jugendliche im EBV-Einzugsbereich ist, Wegen dein mangelndem Lärmschutz durften jetzt keine Live-Auftritte mehr stattfinden — es war echt laut oft — nur Disco, und das ist natürlich für die Jugendlichen wie für mich völlig uninteressant.

Manfred und Guido, beide 19 Jahre alt. Stammgäste im Odeon. Manfred arbeitet als Maschinenschlosser bei EBV, Guido ist BAS-Schüler. Beide stammen aus Siersdorf.

Klenkes: Wie häufig geht ihr ins Odeon?

M: Immer wenn’s geöffnet ist, im Moment sind das so 3-4 Male in der Woche, früher täglich.

K: Warum geht ihr gerade ins Odeon?

M: Da gibts gute Musik.

G: Relativ gute Musik, würde ich sagen, bis auf den Punk. Punk ist mir zu blöd.

K: Was läuft denn so?

G: Cola trinken, andere Leute treffen, was planen, tanzen.

M: Wir treffen Cliquen. Ganz unterschiedliche Leute kommen da zusammen: Schüler, Arbeitslose, Frührentner, Azubis…

K: Wo liegt der Unterschied zu anderen Kneipen?

G: Im Odeon ist keine Disco-Atmosphäre. Es gibt Auftritte von Gruppen, wie sonst nur in Aachen oder Stolberg.

M: Und es sind auch meistens keine Studenten da. Die machen so lahme Atmosphäre. Im Dschungel ist das so.

G: So richtige Stimmung kommt allerdings erst so gegen 12 (nachts) auf.

K: Sind viele Mädchen im Odeon?

G: Nach 10 Uhr sind das mehr Jungen. Vorher sind die Mädchen in kleinen Grüppchen da, sitzen rum, versperren einem die Sicht.

M: … wenn die action losgeht, so um 12, dann sind nur noch wenige Mädchen da mit ihren Typ.

K: Wohin geht ihr, wenn das Odeon zumacht?

M: Dann müssen wir uns wieder was Neues suchen und wieder sehr weit fahren. Von Siersdorf zum Odeon sind es 6km hin und zurück, zum Dschungel, wo wir vorher oft waren, 30!

KLENKES 4/82

Die Kneipe als Kommunikationszentrum

Die Kneipe VC liegt ebenfalls in der Aachener Innenstadt. Sie besteht aus einem schmalen, langgezogenen Raum, die Wände einfach und dunkel holzvertäfelt. Vorne, direkt gegenüber der Tür, die Theke, schummerig beleuchtet. Im hinteren Teil des Raumes ein großer langer Tisch mit Stühlen, in der Ecke noch eine kleine Sitzgelegenheit. Auch hier nur schwache Beleuchtung. Ein Flipper und ein Spielautomat fallen wegen ihrer Buntheit gleich auf, ebenfalls auffällig in dem Dunkel ist das fast ständig laufende Video. S.‚ der Wirt, dreißig Jahre alt, ist Gitarrist einer Band und "verkrachte Existenz". Er trägt als einziger in der Kneipe sein Haar als "Mähne". Er integriert die verschiedenen subkulturellen Stile, die in seiner Kneipe zusammenkommen. Regelmäßig, manche jeden Abend, sind da: die Punks als größte Gruppe, eine Motorradclique, eine Gruppe von "Avantgarde"-Musikern, eine Gruppe von Rockmusikern (Freunde des Wirts bzw. Mitglieder seiner Band) sporadisch die Rockergruppe X — alle ca. 17 bis 22 Jahre alt — sowie ein sehr bunt gemischtes Spätpublikum aller Altersgruppen und Leute aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Alle Kneipenbesucher außer den Punks sind eher proletarische Jugendliche, zum größten Teil in der Ausbildung, kurz nach der Ausbildung oder arbeitslos. Die auffallendste der genannten Gruppen sind die Punks,4 die sich in der Kneipe sehr frei bewegten: sie gingen rein und raus, immer unter Gejohle und Gelächter, lümmelten sich auf dem Bürgersteig, kamen durch das geöffnete Fenster wieder rein und gingen so auch wieder raus, Völlig ungehindert durch den Wirt oder sonst jemand. Die "Avantgarde"-Musiker stehen — wie in anderen subkulturellen Kneipen auch – an der Theke. Sie sind blasiert, arrogant und reden nur leise unter sich in der Kleingruppe.

Die Rockmusiker spielen gerne mit und ohne Wirt an den Spielgeräten. Sie sind auch sonst lebhafter als die "Avantgarde"-Musiker und flachsen rum. Die Motorradclique verhält sich ähnlich wie die Punks: genauso albern und laut.

Zwischen beiden Gruppen besteht ein reger Austausch: sie kennen sich gut und haben sich viel zu sagen.

Die Rockergruppe X verhält sich sehr zurückhaltend, wenn sie überhaupt erscheint. Das Spätpublikum ist ebenfalls an der Gestaltung der Atmosphäre nicht beteiligt.

I.: Was gefällt dir an der Kneipe so gut?

R. aus der Motorradclique: Gefällt??? Ja, daß ich mich hier … ja nicht, ehrlich nichts.

I.: Ja, wenn dir hier nichts gefällt, dann gehst du hierhin wegen der Leute?

R.: Nee, wieso, die haben doch sowieso einen Dachschaden.

I.: Auch die hier … (zeigt auf die Umstehenden) …?

R.: Nee, nee, äh… . der S. (Wirt) nicht … Der ist in Ordnung, bis daß in dem Bier seine Haare sind, ab und zu mal… (Gelächter)

Nee, ich fühl mich lieber da wohl, wo ich an der Theke pennen kann als in so einer Jägermeisterkneipe.

I.: Was für eine Kneipe‘?

R.: Jägermeisterkneipe!

… Gelächter

I.: Was ist denn das für eine?

X.: Wo nur Theken-Opas rumhängen, uähh.

I.: Da gibt es so eine neue Kneipe, die heißt Ra‚ die müßtet ihr doch eigentlich auch kennen … die müßte doch dem entsprechen, was ihr gesagt habt.

Durcheinander: Wo denn? Am Markt? Ach dieses dumme Ding da …

R.: Ach da, ich wollte mich da mal echt eine Stunde vorstellen, das ist nämlich besser als im Kino5 da … Ich hab mal ’n paar Leute rauskommen und reingehen sehen … zur Zeit habe ich keinen Bock mehr …

Musik

Musikgebrauch spielt im VC eine sehr große Rolle. Das Publikum — d. h. die Angehörigen der Gruppen Punks, Rocker, Rockmusiker — legt sich im wesentlichen seine Platten selbst auf – die Auswahlmöglichkeiten sind groß. Viele unterschiedliche Stile und Interpreten werden gleichberechtigt gehört. Oft werden auch Cassetten gespielt, die einzelne mitbringen. Fast allabendlich wurde S.‚ der Wirt, mit bestimmten Musikwünschen geärgert, z. B. mit dem Ruf "Motörhead"! — die Rocker wollten Motörhead hören. Diese Musik ist für die sensiblen Ohren des Wirts Krach.

Solch ein Provokationsversuch sollte den Toleranzspielraum testen, den S. insbesondere den Punks und den Rockern einräumte. S. verhielt sich jedoch so geschickt, daß er sein Image nicht verlor (vgl. subkulturelle Verhaltensspielregeln).

Kurz und gut: es ging zu wie in einem gut funktionierenden Kommunikationszentrum. Angesichts des "Sprengpotentials" des Publikums kann man hier durchaus von Sozialarbeit am Tresen sprechen.

Fernsehen / Video

Parallel zu der gespielten Musik war der Fernsehapparat ständig eingeschaltet. Gezeigt wurden in der Regel Musiksendungen, d. h. Videobänder mit Aufzeichnungen des Rockpalasts u. ä. sowie eigene sessions, also durchweg Filme, die aus dem Erfahrungsbereich der Jugendlichen selbst stammten. Manchmal schaltete S. eine Fernsehsendung ein, drehte den O-Ton ab und ließ eine Platte dazu laufen. Die Effekte bereiteten allen viel Spaß.

Ähnlich "verarbeitet" werden neuerdings gezeigte Eastern—Kung Fu-Filme: das Publikum spielt einfach mit!

Eine Kneipe im Detail:

Ebenfalls eine Jugendkneipe und doch völlig unterschiedlich ist das Ra, eine Kellerkneipe direkt am Markt im Zentrum Aachens. Im Frühjahr 82 — als unsere Arbeit begann — neu aufgemacht, im Stil der Neuen-Deutschen-Welle. Giftig—grün-gelb in Plastikfolie diagonal gestreifte Wände, grüne und gelbe plastikbezogene Barhocker, die Theke in dem kleinen Raum rechteckig rundumschließend in der Mitte. Ein schmaler Gang ringsum, grüne Neonröhren als Beleuchtung, viel aluverkleidetes Gitter von der Decke — Sand auf dem Boden als einziges "natürliches" Element in der Kneipe. Die Räumlichkeiten vermitteln also auch wie die anderen Kneipen keine "Gemütlichkeit". Zwei elektronische Spielgeräte stehen dem Publikum zur Verfügung. Die Musik ist gemäß dem Stil der Kneipe Neue-Deutsche-Welle. Das Publikum ist ein bißchen jünger als in den anderen, so ab 16-jährige sind hier. Das Anfangspublikum ist tatsächlich die vom Wirt angepeilte Zielgruppe: finanzkräftige junge Leute, die auf Neue Deutsche Welle "stehen" und gern in eine kleine, exklusive Kneipe mit exklusiven Getränken gehen. H., der Wirt: "Der Trend geht weg von Alt und Kölsch." Das Ra als eine Art Anlaufstelle mitten in der Stadt, wo man sich auf ein Guinness trifft und von dort in den weiteren Nachmittag oder Abend startet.

Mit diesem Konzept zeigte sich in den ersten Wochen ein gewisser Achtungserfolg. Doch das Zielpublikum blieb zunehmend aus. Es wurde leerer. Um die Kneipe wieder zu füllen, schaffte der Wirt ein Videogerät an, mit dem er allabendlich um 23 Uhr einen Kinofilm des Genres Horror/Abenteuer/ Krimi u. ä. zeigt.

Die Zusammensetzung der Gäste änderte sich schlagartig mit dem neuen Angebot. Es waren nun gegenüber früher Schülern und Angestellten hauptsächlich Azubis, Berufsschüler und Facharbeiter, die auf der Suche nach (für sie) neuen Kneipen zufällig auch ins Ra gerieten. Sie, ca. 18-22 Jahre alt, kommen in kleinen Cliquen oder treffen sich hier. Rein äußerlich pflegen sie keinen besonderen Stil. Videogucken und Spielen an den Geräten sind zentrale Aktivitäten.

Video

F.: Was meint ihr, warum die meisten Leute sich hier zu später Stunde Thriller, Zombiefilme und Actionfilme anschauen?

Wi.: Die erleben das doch auch. Geh mal Samstag abends ins "Roxie"‚6 da kriegste das alles live mit.

Die meisten kommen nur, um sich die Filme hier anzuschauen. Wir würden auch lieber "Tom und Jerry" oder "Donald Duck" sehen!

Wi.: Die wollen eben sowas sehen. Vielleicht weil sie es tagsüber auch erleben.

F.: Und was treibt euch sonst noch um viertel vor elf ins "Rad"?

D.: Die Leute hier. Die meisten kennen sich untereinander, und dann kommen noch die dazu, die nur mal kurz reinschauen wollen und dann wieder gehn. Unsre Gruppe trifft sich hier einfach, um zu quatschen. Wenn ich abends von Arbeit und Schule hierhinkomme, weiß ich immer: jetzt sitzt der und der da.

F.: Und daß gleich das Video anfängt und dann die ganze schöne Unterhaltung hier zum Teufel ist ist, stört dich nicht?

Wi.: Die meisten Leute kommen ja doch ‘nur einzig wegen dem Video. Ne viertel Stunde vor Beginn ist der Laden brechend voll, und wenn der Film aus ist, können die Jungs hinterm Tresen gar nicht schnell genug kassieren, so eilig haben es die Leute. Wenn das Video nicht wär, ging dem H. (Wirt) viel Geld durch die Lappen.

F.: Aber Fernsehen und Filme anschauen können die Leute doch auch zu Hause, oder? Dazu müssen sie nicht extra hierhin kommen?

Wi.: Die wollen das aber zusammen machen. Bier trinken und zusammen sitzen können sie überall.

F.: Weißt du denn, welcher Film heute abend läuft?

P.: Ich glaub, n’ James Bond oder’n anderer Krimi.

F.: Stehst du denn da drauf?

P.: Nee, aber besser als sonstwo rumhängen. Außerdem hab ich noch keine Lust nach Hause.

Spielautomaten

"KILLERAUTOMAT - TEUFELSAUTOMAT?" ['Einblicke', S. 103]

„KILLERAUTOMAT – TEUFELSAUTOMAT?“ [‚Einblicke‘, S. 103]

"'... an manchen Tagen, da komm ich einfach nicht vom Spiel weg...'" ['Einblicke', S. 103]

„‚… an manchen Tagen, da komm ich einfach nicht vom Spiel weg…'“ [‚Einblicke‘, S. 103]

F.: Scheint dich ja richtig zu faszinieren, dieser Apparat (Wi. starrt gebannt auf den Bildschirm eines der beiden Spielroboter, spielt aber nicht).

Wi.: (zuckt mit den Schultern) Manchmal schon.

F.: Also mir wär da das Geld zu schade!

Wi.: An manchen Abenden werf ich da 15 Mark rein.

F.: Ist das denn die einzige Möglichkeit, deine Zeit hier zu verbringen?

Wi.: Manchmal mein ich, das Ding wär Magie.

F.: Es zieht dich wohl magisch an. Ist es mehr die Elektronik oder das Spiel, was dich so fasziniert?

Wi.: Kann ich dir echt nicht sagen, an manchen Tagen, da komm ich einfach nicht von dem Spiel weg; da sag ich zu meinem Freund: Werner, hau mir eins kräftig auf die Finger, wenn ich’s wieder mal nicht lassen kann (grinst) …

F.: Was muß man denn da eigentlich so machen?

A.: Tja, die kleinen Käfer müssen die Früchte essen. Dafür gibt’s Punkte. Später kommen die großen Krabben. Dann wird’s erst richtig schwierig.

F. : Geht wahnsinnig schnell bei dir, spielst wohl oft an dem Gerät?!

A.: Vor vier Wochen hab ich das Ding hier zum ersten Mal entdeckt. Seitdem spiel ich, oder besser wir, fast jeden Abend.

F.: … mit wachsender Begeisterung offensichtlich?!

A.: Irgendwie kommt man von dem Ding nicht los. Jedes Mal, wenn ich rein komm, nehm ich mir vor: diesmal machst du’n großen Bogen um die Kiste, und wenn ich dann später wieder rausgehe, hab ich meistens 5 Märker und mehr dringelassen.

F.: Na, auf die Dauer ein teurer Spaß, was?

Achselzucken, das Gespräch ist aufgrund des "Eifers im Gefecht" eine Weile unterbrochen, dann:

F.: Was meinst du denn selbst, warum der Apparat eine, sagen wir, magische Anziehungskraft auf dich ausübt.

A.: Die Frage hab ich mir, verdammt noch mal, auch schon öfters gestellt. Ich glaub, irgendwie möcht ich mal beweisen, daß ich besser bin, als der Apparat, ein Freispiel gewinne und ne ganze Stunde für eine Mark spielen kann …

F.: Und spielen kann man das nur im ‚Rad‘?

A.: Ne, das gibts noch woanders (nennt den Namen einer Spielhölle).

Abgrenzungen

Insgesamt erwiesen sich die Besucher als nicht sehr gesprächig und mitteilungsbedürftig, die Interessen gelten mehr dem Video und den beiden Spielgeräten und ihrer Clique. Die Gruppe von 8-10 Jungs hat ein ausgeprägtes Wir-Gefühl und grenzt sich von anderen gleichaltrigen stark ab — auch von deren Treffs. Diese Kneipen, insbesondere das VC, sind verpönt, obwohl sonst von einer relativ beschränkten Möglichkeit der Freizeitgestaltung erzählt wird. Die Abgrenzung ist gegenüber den Punks — die man damals in Aachen gar nicht übersehen konnte — am weitreichendsten.

F.: Warum trefft ihr euch denn ausgerechnet hier? Warum zum Beispiel nicht im VC, oder im Apfelbaum oder Leierkasten?

A.: Hier sind nur unsere Leute. Die kennen sich doch alle. Wenn du abends rausgehst, gehste ins "Ra". Jeder weiß von uns: wenn ich einen treffen will, dann kann der nur hier sein.

F.: …und das VC?

A.: is das nicht so’ne Punker-Kneipe?

F.: Und wenn?

A.: Nee danke, wo die Punks verkehren …

F.: Habt ihr was gegen Punks?

A.: Das sind doch alles so Schlägertypen, unheimlich brutal und immer auf Zoff aus, nix für mich …

ich bin auch nicht gerade scharf drauf, welche kennenzulernen. Die haben eben doch ganz andere Ansichten. Mir sind die auch viel zu brutal. Bei jeder Kleinigkeit drohen sie einem: Hey‚ willst wohl die Fresse poliert haben. Da steh’ ich absolut nicht drauf. Ich bin ein sehr friedliebender Mensch. Die sollen mich in Ruhe lassen und ich die.

F.: Und wie steht ihr zu den Punks?

A.: Ich glaub, das sind rein menschlich unheimlich arme Schweine. Wahrscheinlich haben die früher in ihrem Elternhaus zuwenig Liebe und Aufmerksamkeit bekommen, daß die heute so unheimlich brutal geworden sind. Man kann die nicht nur einfach verteufeln, nur weil die bunte Haare haben und anders aussehen wie wir. Früher haben die Leute lange Haare gehabt und alle haben sich aufgeregt, heute färben sie sich ihre Haare. Im Grunde genommen kein großer Unterschied. Die wollen vielleicht auch nur Aufmerksamkeit erregen.

B.: Die haben doch alle ein unheimliches Rad ab. Sich die Haare lila färbenl! Die brauchen sich nicht zu wundern über ihr "no future". Wenn ich Chef wäre, ich würde mir auch kein solches Schreckgespenst anstellen, kann man ja nirgendwo auf Montage schicken. Da fallen die Leute gleich tot um. Die brauchen sich gar nicht zu wundern, wenn sie keine Arbeit kriegen. Die spinnen meiner Meinung nach total. (Zeigt mit dem Finger den berühmtem "Vogel".) Und mit ihrer Brutalität ecken sie auch überall an.

F.: Kontakt habt ihr zu denen aber auch nicht, oder?

C.: Was heißt Kontakt? Man sieht sie ja überall. Geh mal hoch zum Marktplatz, da lungern sie dutzendweise rum.

W.: Wir wollen auch gar keinen Kontakt. Die leben in ihrer Welt und wir in unserer. Das paßt doch auch gar nicht zusammen. Die haben doch total andere Einstellungen als wir!

F.: Ihr sprecht immer von "wir" und "uns". Wieviele seid ihr denn?

D.: So zwischen 8 und 10 Leute, alle mit denselben Interessen. Wir arbeiten alle ungefähr dasselbe, haben dieselben Interessen und verbringen die Wochenenden zusammen.

F.: Immer im "Ra"?

D.: … die Leute hier haben hier fast alle dieselben Einstellungen. Klar sind die auch äußerlich bunt gemischt, aber sie kommen alle miteinander aus. Außerdem können wir immer noch in die Jugendgruppe in unserer Pfarre gehen. Da ist auch immer was los.

F.: Ist euch das denn nicht zu spießig?

D.: Klar, manchmal kapieren die einfach nicht, daß man nur hingeht, um andere Leute zu treffen. Der Kaplan meint, man müsse zwischendrin auch mal beten und meditieren. Das wollen die Leute einfach nicht. Das hat mich unheimlich Mühe gekostet, dem das beizubringen.

F.: Du meinst also, die Kirche wolle mit diesen Jugendtreffs vornehmlich Seelenkauf zukünftiger Kirchgänger betreiben?

D.: Hauptsächlich. Außerdem stellen sie sich wahnsinnig spießig an, wenn es um die Altersgrenze geht. Und das dauernde Meditieren geht den Leuten ganz schön an die Nerven.

F.: Und warum gehen sie sonst wohl hin?

W.: Was willste sonst denn machen? Die meisten Leute haben kein Moos, dauernd in die Kneipe oder in die Disco zu gehen.

Die Bedeutung von Musik ist hier eher untergeordnet. Die Jugendlichen hören, was grad "in" ist. Im Großen und Ganzen sind sie mit ihrem Leben zufrieden, haben zum "Protestieren" keinen Grund und interessieren sich nicht für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.

W.: Die meisten Leute interessieren sich nicht für Politik, weil sie genau wissen: mit meiner Stimme ändere ich überhaupt nichts. Ist doch logisch.

F.: Und eure Einstellung würde sich auch nicht ändern, wenn ihr zum Beispiel arbeitslos wärt?

W.: Das wird doch alles künstlich übertrieben. Die meisten Leute heute sind einfach zu faul zum arbeiten. Die sollen sich erst mal richtig ’n Job suchen gehen. Als ich ne Lehre gesucht hab, da bin ich jeden Morgen hin aufs Arbeitsamt und hab da auch was gekriegt. Is zwar nicht mein Traumberuf, aber wer sich auch richtig Mühe gibt, der kriegt auch’n Job, 100 prozentig!

Der Wirt, im Unterschied zu den bisher skizzierten Kneipen, ist "stillos". Er betreibt die Kneipe als "Job" mit dem Ziel, in einigen Jahren genügend Geld zu verdienen, um sich eine Praxis als Masseur und Bademeister einzurichten. Er verfolgt konsequent seine eigenen ökonomischen Zielsetzungen. Angesichts dessen, daß die Neue-Deutsche-Welle vorbei und das Publikum eh nicht so modisch ist, änderte er den Stil der Kneipe. Ihre Ausstattung entspricht jetzt, im Stil der typischen Bierverlagskneipe mit weißgekalkten Rauhputzwänden und Pferdegeschirren als Dekoration eher dem Geschmack des neuen Publikums.

Gespräch am 3.10.82 im ‚Ra‘ mit G, 17 und N, 17, Klassenkameradinnen der Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Ernährung

W.: Und was treibt euch ausgerechnet ins ‚Ra‘?

G.: Och, wir sind erst zum zweiten Mal hier. Wenn ich rausgeh, dann will ich mit Leuten quatschen oder Leute treffen. Die meisten aus unserm Bekanntenkreis, die gehen sowieso dahin, wo auch unter der Woche was los ist. Außerdem können wir hier bis kurz vor 10 bleiben, da brauchen wir nicht lange nach Hause zu gehen. Außerdem hat mir mal einer erzählt, daß hier Sand aufm Fußboden liegt und das hat uns neugierig gemacht.

W.: Aber mit der Dekoration, verbindet ihr damit nichts?

G.: (achselzuckend) die ist mir irgendwie egal, da kann ich echt nichts mit anfangen. Is ’n bißchen bunt, aber warum auch nicht?!

W.: Seid ihr eigentlich mit dem Freizeitangebot in Aachen vollauf zufrieden?

G.: Nee, ist doch nichts los hier!

W.: Was würdet ihr euch denn wünschen?

G.: so’ne Art Teestube, wo man sitzen und klönen könnte, oder mit anderen Leuten Tischspiele machen könnte, sich unterhalten könnte. Am Boxgraben, da gibt’s ja sowas, aber das ist für uns einfach zu weit — wir müssen ja schon um 10 Uhr zu Hause sein!

W.: So strenge Eltern?!

G.: Meine Eltern sind geschieden. Ich wohn seid kleinauf bei meinen Großeltern und die sind unheimlich streng. Früher, da mußte ich schon um 9 Uhr zu Hause sein und wehe, wenns da mal 5 Minuten später wurde …

N.: Bei mir ist es auch nicht viel besser, ich wohn bei meiner Tante und da ist auch um 10 Uhr endgültig Sense.

W.: Da seid ihr ja sozusagen Leidensgenossinnen! Das bindet wahrscheinlich ungemein, teilt ihr auch sonst eure Interessen und Gemeinsamkeiten?

G.: Bis hin zum gemeinsamen Abhauen!! Wir wollten ja eigentlich jetzt in Griechenland sein, war schon alles geplant und wir standen mit Sack und Pack an der Autobahn und da läßt uns dieser Scheiß-Typ gestern morgen einfach sitzen!!

W.: Wie kamt ihr denn auf den Gedanken abzuhauen?

G.: Ich habs einfach zu Hause nicht mehr ausgehalten mit meinen Großeltern, ständig dieses: ‚Tu dies und laß das!‘ Dann die Schule mit dem ganzen Druck und die ganzen Ansprüche, die an einen gestellt werden: Jeden Tag derselbe Trott …

N.: Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß das Leben nur aus Arbeit, Familie, Kinderkriegen besteht. Wir wollten das andere Leben einfach mal ausprobieren, einfach weg von hier.

W.: Hattet ihr euch das denn vorher genau überlegt von wegen Leben, Geld?

G.: Drei Tage vorher ist uns erst die Idee gekommen und dann … irgendwie wärs schon weitergegangen. Ich bin aber jetzt echt froh, daß wir nicht gefahren sind. Das war nur ne Knallidee, einfach wegzukommen. Auf Dauer hätten wir damit wahrscheinlich ziemlich Schiffbruch erlitten.

W.: Und jetzt ist wieder alles beim alten?

N.: Na ja, so ganz aufgegeben ist der Gedanke noch nicht. Man kann nie wissen, wenns mir mal wieder so richtig stinkt, dann hau ich eben doch noch in den Sack.

W.: So ganz widerspruchsfrei scheint ihr mir in der Beziehung aber nun doch nicht?! Habt ihr eure Zukunft denn irgendwie konkret geplant?

G.: An sich geplant … na kann man eigentlich nicht sagen, aber ich würd’ ganz gern Rechtsanwaltsgehilfin oder Arzthelferin oder sowas ähnliches werden.

N.: Wenn mit der Schule Sense ist, bemüh ich mich um ’ne Stelle als Krankenschwester. Da hat man wenigstens auch ’n bißchen mit anderen Leuten zu tun. Aber was bis dahin alles kommt … (winkt ab).

W.: Wieso, hast du denn Angst vor der Zukunft?

N.: Direkt Angst, kann man nicht sagen. Ich will nur nicht so angepaßt leben, wie die das alle früher oder später tun. So mit Familie, Kinderkriegen und brav Hausmütterchen spielen . . uahhh … um Gottes willen!!! Kann ich mir einfach nicht vorstellen, daß ich das bringe.

W.: Und was möchtest du ‚bringen‘?

N.: Auf jeden Fall nicht dieses scheiß-Leben.

W.: Was macht ihr denn sonst so, ich meine, wenn ihr nicht gerade hier sitzt?

G.: Och, meistens sitzen wir bei N., hören Musik und spinnen einfach so rum. Oder ich leg mich aufs Bett, höre Musik — aber nur meine ausgesuchten Lieblingsplatten, sonst nichts! — und versuch einfach abzuschalten. Manchmal gehn wir auch in den Park und sitzen stundenlang da auf ’ner Bank. Aber Musik muß einfach immer dabei sein, die find ich unheimlich wichtig. Wenn ich Steve Harley (Cockney Rebel) hör, da bin ich einfach total weg, aber nur die Live-Version. Kennste die. Die kann ich 10 mal hinter’nander hören!!!

W.: Die Platte ist aber schon mindestens 10 Jahre alt.

G.: Das is doch egal!! Darauf kommt’s doch gar nicht an.

W.: Und für neuere Musik interessiert ihr euch nicht, oder fehlt euch ganz einfach die Kohle zum Kaufen?

G.: Mit 100 Mark Taschengeld — da bleibt nicht viel! Klar, wenn ich meiner Mutter nach Berlin schreibe: Mutti, ich hätt‘ gern ’ne neue Jacke oder so, da schickt sie mir den Kies. Aber wenn du Schminke, Kneipe und was sonst noch so anfällt abziehst, da bleibt für Platten selten was übrig. Aber ich find den Harley auch so viel, viel besserl!

W.: Aber mit 100 Mark — da kannst du ja kaum die anfallenden Getränke im Monat bezahlen?!

N.: Oft lassen wir uns ja auch von irgend ’nem Typen einladen, oder wir trinken eben nichts!! Manchmal, da ist der Laden so voll, da fällt das gar nicht aufl!

"'Eine Kneipe muß hell sein. Die Leute sollen Fresse zeigen, sollen sich zeigen.'" ['Einblicke', S. 104]

„‚Eine Kneipe muß hell sein. Die Leute sollen Fresse zeigen, sollen sich zeigen.'“ [‚Einblicke‘, S. 104]

Zusammenfassende Thesen:

  • Besucher von Jugendkneipen sind weder schichtenspezifisch noch altersmäßig genau zu bestimmen.

  • Unterschiedliche subkulturelle Stile können sich widerspruchsfrei und freundschaftlich in einer Kneipe entwickeln und sich gegenseitig bestätigen.

  • Jugendkneipen stellen spezifische Territorien und Regenerationsräume dar für subkulturelle Gruppen (die "ein Rad abhaben") und für "normale"‚ "stillose" Gruppen.

  • Der "Stil" des Wirts bzw. seine "Stillosigkeit" bestimmt das Klima der Kneipe wesentlich, d. h. ob sie mehr subkulturelles Kommunikationszentrum oder kommerzielles Unternehmen ist.

  • Spielgeräte und Video-Fernsehen finden sich in fast jeder Kneipe, nur werden sie je nach "Stil" unterschiedlich gebraucht.

  • Auch Jugendkneipen fungieren als Teilmärkte für Waren wie Konzerte etc. Entkommerzialisierung durch öffentliche Förderung z. B. inklusive "Sozialarbeit am Tresen" könnten helfen, kreative Verarbeitungsmöglichkeiten von subkulturellem Konsum zu schaffen.

  • Mädchen machen auch in der Öffentlichkeit der Kneipen eine Minderheit aus. Jedoch treten sie immer häufiger allein in subkulturellen Kneipen auf, da in subkulturellen Lebenszusammenhängen die klassische bürgerliche Frauenrolle nicht gelebt wird.

  • Jugendliche in Kneipen sind oft sehr einsam und problemüberfrachtet. Als Interviewer ist man blitzschnell Ansprechpartner für sehr persönliche, intime Angelegenheiten.

  • Insgesamt: Jugendkneipen werden viel zu wenig in ihrer Funktion als sozialer Ort für Jugendliche beachtet — es sei denn von der Polizei und bösen Nachbarn.


  1. In den mittlerweile recht zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Jugendkultur finden sich bislang nur sehr spärlich Hinweise über die Bedeutung von Jugendkneipen, geschweige denn Beschreibungen oder gar Analysen. Lediglich der SPIEGEL 17/82 bringt ein süffisant-ironisches feature über ‚Jugend 82‘ wo Bemerkungen über die "Kneipe als Bühne" fallen; H. J . Wirth schreibt in "Verweigerungswünsche" … "… ein nicht unbeträchtlicher Teil ‚konformistischer‘ Jugendlicher", die im Berufsleben stehen, aber in der Freizeit ausflippen, "müssen immer wieder in das anheizende Bad der Musikszene eintauchen, um sich zu regenerieren und für den stressigen Alltag wieder fit zu sein." In: Michael Haller (Hg.)‚ Aussteigen oder rebellieren. Jugendliche gegen Staat und Gesellschaft. Spiegel—Buch, Hamburg 198l, S. 228. Wir haben also das durchaus zweifelhafte Vergnügen, hier Pionierarbeit zu beginnen.

  2. Die Namen der Kneipen wurden geändert.

  3. Aus unseren Interviews.

  4. Vgl. das Kapitel "Punks in Aachen".

  5. Bezieht sich auf die Zeit des "Neue-Deutsche-Welle" Publikums.

  6. Discothek in Aachen.

9. November 2012

Bull Bramson Band

Filed under: Rock in Aachen — karl pach @ 12:21 pm

Die Kassette „First Behaviour“ ließ überließ mir Kollege Mathias D. zum verbloggen. Eine stadtbekannte Person ist der mittig abgebildete Raucher. Der pummelige Kerl im Althippie Outfit gehörte Jahrzehnte zum Stadtbild und hört auf den Namen Stan. Dachte immer das ist der kleine Bruder von Albert Schneider… Die Blues/Prog/Hardrock Kapelle hatte, neben der Kassettenveröffentlichung, wohl auch Liveauftritte absolviert. Im German Rock Lexikon findet sich noch was zu einem späteren Gitarristen namens Tom Sevenich.

Die komplette Kassette im trendigen mp3 Format gibts als Download hier: Seite 1, Seite 2

Das Online Archive der AZ steuert zum Stichtag 15.05.2004 noch folgenden farbigen Konzertbericht bei:

Er prasselt und blitzt und donnert hernieder, als Rockgewitter mit brachialer Urgewalt: Der harte Sound der Bull Bramson Band schüttelt seine Zuhörer durch, wie ab 20 Uhr im Schlüsselloch, Boxgraben, zu erspähen ist. Zur Beruhigung mischen sich vereinzelt Rhythm & Blues- und Boogie-Stücke unter den Heavy Rock der Band.

Einen Einblick in Stans Behaviour gibt folgendes Video. Exclusiv bei Myvideo geklaut und von Werbung befreit:

Das Zusammentreffen unseres Ex-Bürgermeisters Linden mit Stan scheint ein Highlight seiner Amtszeit gewesen zu sein.

2. Mai 2010

JANITOR OF LUNACY

Filed under: Rock in Aachen — karl pach @ 10:22 am
Im Jahr 1986 hatte ich das Vergnügen im Jugendheim Scheibenstraße einem Konzert der Aachener Band „Janitor Of Lunacy“ zu beizuwohnen. Der stimmungsvolle Abend ist mir in guter Erinnerung geblieben und somit Grund der Bandgeschichte nachzugehen. Mit Hilfe von Herrn Dubois konnten 2 alte Kassetten exhumiert werden. Das offenbar im Proberaum oder so entstandene Tape zum abgebildeten Artwork kann via Link (unten) runtergeladen werden. Die Geschichte zur Combo nun aus Herrn Dubois Erinnerung:
Gegründet wurde die Band Janitor Of Lunacy 1985-86 aus einem losem Dunstkreis von Leuten, die sich teils vom Anne-Frank in Laurensberg, teils aus anderen Schule, kannten. Es waren einige schwer disziplinierbare Mehrfachschulwechsler darunter, die schon hier und da rausgeflogen waren. Zuerst nannten wir uns „Logen Session Band“, was das anfängliche Fehlen jeglichen Anspruchs dokumentiert, aber wir einigten uns bald auf Janitor of Lunacy, nach einem Song von Nico. Unser größte gemeinsame Nenner war in Sachen Musikgeschmack eindeutig The Velvet Underground und Nico, auch wenn man das vielleicht nicht so gut raushört. Sänger waren Anja Kühn und ich selbst. Die meisten Texte stammen von Anja, die die Songtexte schon fertig parat hatte da sie so eine Art privates Poesiealbum geführt hatte. Sie kannte auch harte Leute. Ich war der zweite Sänger und habe dann irgendwann auch noch 2-3 Songs geschrieben. Den Text zum Song Endless Seas hatten wir auf dem Boden im Proberaum gefunden. Wir konnten ihn (bis heute) keinem Autor zuordnen. Ich vermutete immer, er sei eine Hinterlassenschaft vom „Friseur“, der den Proberaum vorher bewohnt hatte und leider nicht mehr unter uns weilte. Anja hatte ihn gut gekannt. Anfangs hatten wir eine Weil lang in der Garage vom Ritchie, einem älteren Dröhni aus Haaren, geprobt, aber er ging uns auf die Neven weil er immer seine komischen Bluesnummern mit uns singen wollte. Wie unschwer zu hören ist, war unser Leadguitarrist großer Sisters of Mercy-Fan. Unser Bassit ebenso. Damals dachten wir uns nichts dabei, einfach komplette Riffs der Sisters für unsere Mucke zu verwenden. Kannte eh kaum ein Schwein.
Nach spätestens 2 Jahren lösten wir uns wegen infantiler Streitereien auf, wie es so oft passiert. Schade.Mitglieder der Band waren:

Thomas Hirsch: Bass
Marc Löbel: Lead Guitar
Anja Kühn: Lead Vocals
Stephan „Fossi“ Waldorf: Road Manager
Mathias Dubois: Rythm Guitar, Lead Vocals
Jan Schneider: Drums

Fossi starb letztes Jahr. Rest in Peace!

Studiotape: http://www.megaupload.com/?d=Z1PF4B8Z

15. September 2009

>Nostalgie Part 4 HEILIGER UND KLEUTGENS

Filed under: Aachener Schallplattenläden, Rock in Aachen — Allo Pach @ 4:33 pm

Huch, was find ich hier gerade in der Fotokiste. Ein Foto von H+K (in den allerletzten Atemzügen liegend). Jetzt fällt mir auf die Schnelle keine dufte Geschichte ein. Vielleicht springt Herr Babula ja ein…

15. August 2009

>Nostalgie Part 3 ELPI

Filed under: Aachener Schallplattenläden, Rock in Aachen — Allo Pach @ 2:04 pm

Schön, dass so viele AC Untergrund Blog-Leser ihre Keller und Speicher nach Tüten von legendären Aachener Plattengeschäften durchsucht haben. Vielen Dank und weiter so!
Wann hat Elpi am Markt eigentlich dicht gemacht? Anfang 90er?

>HANSEN EXPERIENCE – Der Beginn

Filed under: Brigitte Hansen, New wave in Aachen, Rock in Aachen — karl pach @ 8:35 am

Das nennt man Investigationsjournalismus. Kein Stein bleibt hier auf dem anderen, wenn es um Informationen zu Aachener Kultfiguren geht. Genaues zum Auftauchen von Brigitte und ihrem Trio im Aachener Musikgeschehen wußten selbst wir nicht. Der Kleinanzeigenteil des erfolglosen Stadtmagazins Kiebitz der Ausgabe 2 1982 bringt es an den Tag. So schnöde kann Großes beginnen. Es ist wohl einer höheren Fügung zu verdanken, dass bei Brigitte die richtigen Leute vorbeikamen. Die Adresse ist übrigens nicht mehr Brigittes aktuelle…

13. August 2009

>MUSIKKISTEN FESTIVAL 1978

Filed under: Rock in Aachen, Willi Kappes — karl pach @ 6:59 am

Die Musikkiste der Aachener Volkszeitung war eine Dauerrubrik in welcher die örtliche Musikszene beleuchtet wurde. Neben Hinweisen auf Veranstaltungen fand der Leser hier Abstimmzettel für das Musikkisten Festival im Audimax. Hat jemand Tapes von dem Festival oder besagte Demos? Bitte bei Karl melden.

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