Aachener Untergrund Kultur

12. September 2021

Yana verzweifelt gesucht

Filed under: Aachen in den 70ern, Aachener Kneipen, Uncategorized — hankewire @ 11:14 am
Ein nostalgischer, aus desolater Seelentiefe gewonnener Rückblick auf die musikalisch tonangebenden Kneipen der frühen 70er, KITSCH und NULL. Long read aber LEBENSWICHTIG!!!

Abbildung 1: Die unvergleichliche Yana, 1972 in der Gaststätte NULL.
(Vom Autor drei Jahre später in einem Malkurs der PH-Aachen, aus dem Gedächtnis gezeichnet.)



In den frühen 70ern gab es vor allem ein vordringliches Problem: Was studieren – und vor allem, wo? 

Gegen Aachen sprach eigentlich alles: Dass mein älterer Bruder hier bereits Physik studierte, die notgeilen Horden von Maschinenbaustudenten mit dem Musikgeschmack lobotomisierter Dreijähriger, die nervige Präsenz von Pferden, Karneval und Kaiser. 

Für die Stadt sprach eigentlich nur meine verklärte Erinnerung an das Pop-Festival in der Soers. Allein schon dessen hochqualitatives nächtliches Filmprogramm übertraf bei weitem die damals inflationär aus jedem Rübenacker schießenden Pop Festivals. 

Ohne die allgegenwärtigen Mungo Jerry (backenbartdominierte Stimmungskapelle) und die  Keef Hartley Band* (ethnografisch fragwürdiger Proleten-Stampf) ging es leider auch in Aachen nicht, aber alles andere: die Location, die Atmo, das LSD und nicht zuletzt die epochale kontinentaleuropäische Uraufführung von Pink Floyds „Atom Heart Mother“ brachten Aachen näher an das unerreichte Vorbild der „Essener Songtage“ von 1968 heran, als die übrigen Epigonen in weitaus größeren Städten. 

Düsseldorf, meine Heimatsstadt, von der aus ich eine Basis für meine akademische Bildungsreise suchte, blamierte sich 1970 mit ihrem kackfrech als „Woodstock am Rhein“ annoncierten sog. „Joint Meeting“ (Stimmungshöhepunkt: „Keef Hartley Band“), dessen ranschmeißerischer Falschgeld-Moderator bei JEDER EINZELNEN seiner Ansagen von der Bühne gebuht wurde.

Das sog. „Europop“-Festival in der Soers schon mal auf der Habenseite, fielen die Würfel endgültig für Aachen, als wir mit DOM einen Gig im Malteserkeller hatten. Die Aura dieses Gewölbes war vorzüglich und die musikalische Kompetenz des bis in die billigen Plätze fachmännisch bewusstseinserweiterten Publikums beachtlich. 

Ok, Aachen also. Listiger Weise hatte ich mir als Ort für die institutionelle Vollendung meines geistigen Feinschliffs, Aachens einzige Location mit deutlichem Frauenüberschuss ausgewählt: Die damals noch existierende Pädagogische Hochschule oder wie wir damals zärtlich sagten: die PH.

Dank des vorteilhaften Frauenüberschuss, schien es mir aussichtsreich und durchaus im Bereich des Möglichen, die ein oder andere Kommilitonin mit Hilfe meiner ohne Unterhemd getragene Latzhose und meines Keef Hartley-Bartes zu einem Hausbesuch meiner Studentenbude zu überzeugen. 

Ob und wie erfolgreich diese Unternehmung war, will ich hier genießerisch verschweigen, aber selbst im positiven Fall wäre das Ergebnis nutzlos und schal geblieben, weil die EINE, die unbestrittene Gebieterin meines Herzens weiterhin unsichtbar, unerkannt und unerreichbar blieb.

Kommen wir nun also zum herzzerreißenden Teil meiner Geschichte, kommen wir zu Yana.

Im Swinging Düsseldorf der 60er/70er Jahre bis aufs Äußerste verwöhnt von legendären Highlights der Gastrokultur: Creamcheese, Ratinger Hof und Domino (dortige Starkellnerin, die heute weltberühmte Fotografin, Katharina Sieverding**, in leopardengemustertem Stetson und dazu passendem Bikini-Zweiteiler), erwies sich meine anfängliche Befürchtung, in Aachen eine derart elaborierte Gastronomie nicht vorzufinden, unbegründet.

Neben dem Aachener Vorzeigeobjekt, dem bereits erwähnten Malteserkeller, gab es die beiden magnetischen Zentralgestirne lasterhafter Lebensweise, der Drogensucht und des exzellenten Musikgeschmacks, das KITSCH und die/das NULL.

Exakt an der Stelle wo sich heute in der Krakaustraße das Last Exit und die aus unerfindlichen Gründen existierende, „Galerie“  Blauer Ezel befinden, traf sich 1972 alles, was Soft Machine und Beefheart hörte und ausgewählte Shitsorten*** törnte.

Wenn ich mich recht erinnere, befand sich im heutigen Last Exit das bzw. die NULL (die jahrzehntelange Inkarnation dieser Location als sog. „Omas Schnapshaus“ lasse ich hier selbstverständlich unerwähnt). Das KITSCH wiederum befand sich schräg gegenüber, wo dieser Blaue Ezel heute seine überflüssige Existenz fristet.

Das KITSCH war im damals tonangebenden Räucherstäbchen-brennen-Löcher-in-bunte-Seidentücher Stil einer Opiumhöhle eingerichtet. Sowohl das Hasch als auch die Musikauswahl waren besser als die ebenfalls beachtliche  Qualität beider Surrogate im NULL. Aber das KITSCH war eine Portion desolater, verrufener, Seemannsgrabmäßiger als das  NULL [Wissenschaftliche Randbemerkung: Hier wäre es vielleicht langsam Zeit, die Frage zu klären, ob es historisch richtiger wäre, der NULL oder dem NULL zu sprechen.]

Wie auch immer,  schnell wurde das KITSCH zu meinem Laden, weil da nicht nur Velvet Underground und die Mothers sowieso, sondern auch Captain Beefheart lief – und zwar eben nicht „I‘m gona Boogerlize you Baby“ (der einzige Song des Captains, der so etwas wie einem Hit relativ nahe kam), sondern the real thing aus „Trout Mask Replica“.

IN kühner Vorwegnahme des erst Jahre später erfundenen New Wave Stils war das/die NULL kühler, ganz in Schwarz gehalten. Die Musik war, wenn auch nicht so kompromisslos Underground wie im KITSCH, mit King Crimson, Pink Floyd, Colloseum und, na ja, Emerson Lake und Palmer, gut genug.

Der große Pluspunkt des/der NULL war, da es/sie besser besucht war und daher die Anwesenheit von Klassefrauen, die keine Lust hatten, ihre wertvollen Pheromone zu Beefhearts notgeilen „Dachau Blues“-Dissonanzen im KITSCH zu verplempern, eher wahrscheinlich war.

Behutsam aber unausbleiblich, erreichen wir endlich – Ihr ahnt es schon, liebe Aachener Untergrundkultur Leser*innen – das eigentliche Thema dieser auf ein tragisches Gestern fokussierten Betrachtungen: Meine Herzenskönigin Yana!

Wie ein Botticelli-Engel saß dieses rätselhafte Wesen an der Bar, das zauberhafte Stirnband wie angegossen festgezurrt wippte sie vergnügt zur Musik (dazu später mehr) und blickte, als ich eintrat – war es Zufall? war es Fügung? – genau in meine Richtung und dachte nicht daran, ihren Blick abzuwenden. 

Zu meinem großen Glück trug ich meine Topless-Latzhose ohne Unterhemd (es war mitten im Sommer 72) und fühlte mich geschützt und attraktiv, sonst hätte ich nie gewagt, diese Loreley auf dem Barhocker anzusprechen: „Du scheinst ja einen furchtlosen Musikgeschmack zu haben“, entfuhr es, auf ihr mungteres Wippen anspielend, dem einem Fremden, der meinen Kehlkopf bestzt hatte. „Oooch, ich konnte Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich schon als Teenie gut ab“, drang es wie Sirenengesang in mein Ohr. 

Hier muss ich eine visionäre Eigenschaft der NULL-DJs ergänzend erwähnen: Nicht nur hatte dieser Virtuose die unterkühlt, postmoderne Weltsicht des New Wave um mindestens 6-7 Jahre vorausgeahnt, sondern teilte auch dessen humorvolles Faible für musikalischen Trash, also für die unfreiwillig komischen Hervorbringungen minderwertiger Bands von vorvorgestern, deren weit unter dem eigenen musikalischen Niveau stehenden Bemühungen, man gerne für drei Minuten amüsiert verfolgte.

Nicht so Yana! Das Feuer in ihren Augen, die schlangengleiche Laszivität ihres elastischen, hocherotischen Sitztanzes, ließen darauf schließen, dass sie den Song „Hold Tight“ merklich genoss, OHNE dafür ironische Distanz zu benötigen.

Blitzschnell rechnete ich nach: Diese Venus der Krakauer Straße war schätzungsweise 20-21, „Hold Tight“ erschien 1964, da war sie ca. 14, also im besten Alter um auf diese abgehalfterten Pop-Päderasten ohne ironische Distanz abzufahren. Trotzdem wurde ich misstrauisch, konnte aber, während ich ihren Fuß keine Sekunde lang aus den Augen ließ, erleichtert feststellen, dass sie auch zu einer weit anspruchsvolleren Komposition, meinem damaligen Lieblingsstück von King Crimson, „The Devil’s Triangle“ ebenso temperamentvoll mitwippte. 

Auch wenn ich einen Funken weniger Enthusiasmus in ihren Moves erkennen zu können glaubte, beschloss ich, dies nicht ihrer musikalischen Inkompetenz, sondern der nachlassenden Schärfe meiner Beobachtungsgabe anzulasten – denn ich hing bereits wie eine Fliege an der Honigfalle. Nicht nur erklärte sie sich anstandslos bereit, draußen im Abendsonnenschein „einen durchzuziehen“, sondern verwickelte mich – mein Lieblingsthema! – in ein musikalisches Fachgespräch über die historischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „Dave Dee, Dozy“, Beaky, Mick & Tich“ und der zeitgleich aktiven Blödelband „Casey Jones & the Governors“ („Don‘t Haha“). Die spielerische Leichtigkeit, mit der sie meinen Einwand widerlegte, der eine der Dave Dee-Musiker hieße gar nicht Mick, sondern Mitch, war in seiner elaborierten Eleganz schon beeindruckend, wurde aber weit übertroffen von ihrer geradezu halsbrecherischen Performance, mit der sie, ohne abzulesen, die Nachnahmen von Dozy, Beaky, Mick (Mitch?) und Tich fehlerlos vortrage konnte.

O Selige, Frohe, Helle, Unaufhaltsame Seele! Wir plauderten, lachten und flüsterten und vergaßen Raum und Zeit um uns herum – ich bekam sogar nicht mal mehr mit als mein geliebtes „Yoo Doo Right“ von Can seinen hypnotischen Bannstrahl aus den Lautsprechern des/der NULL auf uns richtete. 

Unser Gespräch wurde nach der musiktheoretischen Ouvertüre immer privater. Bald eröffnete sie mir, sie käme aus Kassel um ab Oktober Textilgestaltung auf der Aachener PH zu studieren. In meinem Kopf sprang eine Rechenmaschine an: Der Ablauf meiner nächsten vier Lebensjahre kristallisierte sich vor meinem inneren Auge zu einem . Mein Entschluss stand fest: Auch ich würde auf der PH studieren (Germanistik und Kunstgeschichte), würde den durchgenommenen Goethe-Gedichten oder der Betrachtung eines Meisterwerks von Tizian nachsinnend, die Eindrücke und Empfindungen mit Yana teilen und vergnügt mit ihr ein preiswertes und gesundes Mittagsmahl in der Mensa genießen. Danach würden wir etwas unternehmen: eine Fahrradtour, ein Museumsbesuch oder bowlen. Die Möglichkeiten grenzten ans Unendliche, aber welche Rolle spielten schon Möglichkeiten? Die Hauptsache war doch: ewig dein… ewig mein… ewig uns!

Zum Abschied rief sie mir noch zu: „Nimm meine Seele auf und trinke sie…“ und dann… jahrzehntelang… NICHTS!

Sechs Wochen lang pendelte ich wie ein Junkie Nacht für Nacht zwischen KITSCH und NULL hin und her – dieser verdammte Captain Beefheart hing mir bald schon sowas zum Hals raus.

Dann endlich der große Tag! Die heiß ersehnte Stunde Null! Tabula Rasa! Ground Zero: Feierliche Begrüßung der Erstsemester in der Aula der PH durch den Dekan. Wieder nichts. Alle Expeditionen in den Textilgestaltungs-Flur (und es waren EINIGE: Ergebnislos! 

Plötzlich war ich schon im dritten Semester, dann im sechsten… aber nirgendwo Yana.

Nie hätte ich gedacht, wie bitter sich eine der tiefsinnigsten mir bekannten Weisheiten über amourösen Angelegenheiten bewahrheiten würde: „Liebe ist eine Komposition, bei der die Pausen genauso wichtig sind wie die Musik“ verlautbarte einst die Sphinx von Wien,  Senta Berger. Aber diese Pause dauerte jetzt schon Jahrzehnte und es ist kein Ende abzusehen!

Dieser Artikel ist meine letzte Hoffnung!!! Yana!!! Wenn du das liest, melde dich bei Karl oder Allo Pach, sie haben meine Adresse!!!

Auch ihr, liebe „Aachener Untergrundkultur“-Leser*innen!!! Bitte informiert mich umgehend, wenn ihr die Person auf einem der Bilder wiedererkennen solltet!!!

Abbildung 2: Die Aufnahme aus dem Darknet zeigt möglicherweise Yana auf einer Swingerparty, 2018, in Burtscheid.

Das erste Bild (Abbildung 1) habe ich 1975 aus dem Gedächtnis von unserer Begegnung im NULL 1972 gezeichnet. Das zweite (Abbildung 2) stammt aus dem Darknet. Mein russischer Gewährsmann, den ich eigentlich beauftragt hatte, das Personenverzeichnis der Kasseler und Aachener Einwohnermeldeämter auszuwerten, versicherte mir „bei seiner Ehre“ dass dieser Zufallsfund aus einem Senioren-Swingerclub in Burtscheid, mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ Yana zeige, deren vollständiger, wie er herausgefunden zu haben glaubte, bulgarischstämmiger Name, übrigens Yana Yolanda Matratzki laute.

Yana, bitte melde dich – es ist noch nicht zu spät !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!! !!!

Ich habe dir so unendlich viel zu sagen! Und außerdem weiß ich jetzt mit ABSOLUTER SICHERHEIT: dieser Pop-Clown aus der Dave Dee-Band hieß doch Mitch und nicht Mick.

Hank E. Wire

* Glaube, hier einer erinnerungstechnischen Fehlleistung unterlegen zu sein und die Keef Hartey- mit der Edgar Broughton Band verwechselt zu haben. Nach der ganzen Schreibarbeit ist es mir jetzt zu anstrengend, das sauber zu recherchieren. Egal, mich nervten jedenfalls beide.

** Sieverdings arrogantem Killerblick entging kein illegal unter dem Tisch den Besitzer wechselndes Piece und schon gar keine ebenda stattfindende, von ihrer Person inspirierte Erektion.

*** Zumindest für den aus Düsseldorf zugereisten Konsumenten war der grenznah importierte Shit des KITSCH von geradezu sensationeller Qualität.

1 Kommentar »

  1. Danke. Ich bin begeistert!

    Wbecker-ac.de

    Kommentar von beckeraachen — 13. September 2021 @ 9:51 am


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