Aachener Untergrund Kultur

22. Oktober 2015

Leben und Sparen Nr.1 Fanzine

Filed under: Aachen in den 80ern, Aachener Musikszene, Fanzine — karl pach @ 10:51 am

leben

Tapeattack Tommys unermüdlichem Untergrundwühlen ist es zu verdanken das auch folgendes Fanzine ans Tageslicht kommt. Angesichts der damaligen Auflage einigermaßen verblüffend das ein „Leben und Sparen“ heutzutage auftaucht.

Hier auch zum Download:

Leben & Sparen 01-83 (Aachen) Fanzine `831.

oder direkt bei Tapeattack.

 

25. Dezember 2013

Einblicke, Folge 3: Die „Rotationsgruppe“ mit den Fanzinemachern von „The Domestos“

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Clubszene AC, Fanzine, New Wave, New wave in Aachen, Peinhardt-Franke, Punk in Aachen — Dieter Antonio Schinzel @ 3:15 am

Einblicke - Buchcover

Immer tiefer werden die soziologischen Einblicke in die Punk- und Wave-bewegten Aachener Jugendkulturen der Frühachtziger. Von den Punks am Marktplatz und Berufsfachschülerinnen in Charly’s Reichsapfel geht’s weiter zur „Rotationsgruppe“, einer mittelständischen Waver- und Mod-Clique. Buchherausgeberin Ingrid Peinhardt-Franke schrieb an diesem Kapitel nicht mit. Stattdessen berufen sich die Autoren, die nach unseren Google-Recherchen heute u.a. in Uganda, beim WDR, in der RWTH, der Lehrerfortbildung sowie als Kommunikationsberater arbeiten, auf John Clarke und Paul Willis, zwei frühe Vertreter der britischen cultural studies; jener spätmarxistischen Denkschule, die in den 90er Jahren von Spex & Co. in die deutschsprachige Popkultur importiert und einverleibt wurde.

Doch hier interessieren uns andere Details: Gibt’s unter unseren Leser/inn/en ehemalige Mitglieder oder Bekannte der Rotationsgruppe? Wer hat noch Exemplare von „The Domestos“ und „Volksbegehren“, die wir in dieses Blog stellen können?

Beachtlich erscheint uns auch die Rotationsgruppenanalyse der unterbelichteten und unterschlagenen Kultur des gewalttätigen Früh-80er-Prolotums (das sich erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts die Schädel scheren und Bomberjacken anziehen sollte): „weiße Westernstiefel, Mittelscheitel, Puch […] AC/DC hören und andren eins in die Fresse hauen“. Eine dichte retrospektive Beschreibung liefert Heinrich Dubel alias Rosa in seinen Jugenderinnerungen an die Hannoveraner Frühachtziger: „Die älteren Jugendlichen, die am Kiosk an der Straßenecke herumlungerten, während wir Jüngeren sie vom gegenüberliegenden Spielplatz dabei beobachteten, wie sie ihr Bier tranken, über die Leistungen ihrer Mopeds quatschten beziehungsweise über die Autos, die sie sich irgendwann kaufen würden, trugen Schlaghosen mit Fuchsschwänzen am Gürtel und cowboystiefelartige Stiefeletten mit schrägen Absätzen. Echte Cowboystiefel waren unerschwinglich.“ In Hannover firmierten die härtesten Vertreter dieser Gattung laut Dubel unter dem – deutsch ausgesprochenen – Namen „Buffer“ und stiefelten ihn, den Punk, zum monatelangen Krankenhausaufenthalt nieder. In Aachen war die Speerspitze dieser Subkultur im berüchtigten „Mad Club“ organisiert, der unter anderem Backsteine auf Besucher von Wave-Parties warf und in James Dean-Manier illegale Autorennen auf dem Lousberg fuhr, bis sein Führungspersonal Knastkarriere machte.

Doch zurück zur Rotationsgruppe:


Eine Schülerclique — die "Rotationsgruppe"

Bernd Ax‚ Reiner Bovelet, Peter Hartges, Elke Kraus, Sabina Nörenberg

Einleitung

Die "Rotationsgruppe", ein lockerer Freundschaftskreis von Jungen und Mädchen im Alter von 15-18 Jahren, trifft sich seit dem Sommer 1981 regelmäßig in der "Rotation", einer Tanzkneipe im Aachener Univiertel. Die Jugendlichen kennen sich sowohl aus der Schule, die sie alle noch besuchen, als auch durch Freizeitaktivitäten (Gitarrenkurs‚ Basketballspielen). Obwohl bei dem wöchentlichen Treffen in der "Rotation" regelmäßig ein fester Stamm von etwa zehn bis fünfzehn Jugendlichen erscheint, ist die Gruppe neuen Bekanntschaften einzelner Gruppenmitglieder gegenüber prinzipiell offen.

"Wir wollen unsere Freizeit selbst gestalten." ['Einblicke', S. 116]

„Wir wollen unsere Freizeit selbst gestalten.“ [‚Einblicke‘, S. 116]

Der Gruppenzusammenhalt ist durch gemeinsame Interessen und Sympathien füreinander gegeben. Aufgrund der Überzeugung, "[…] daß es nichts bringt, bestimmte Sachen alleine zu machen" (Jörg), werden gemeinsame Aktionen durchgeführt. Dazu gehören sowohl der Besuch von Kneipen und Kinoveranstaltungen, Konzerten und Feten als auch das private Treffen, in dessen Mittelpunkt Musikhören und "sich unterhalten" steht. Ziel aller Unternehmungen ist es, möglichst viel Spaß zu haben.

Unser zentrales Anliegen bestand darin, die Charakteristika des jugendlichen Lebensstils zu erfassen und zu erklären. Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf dem Symbolsystem des subkulturellen Stils. Das Verhältnis der Jugendlichen zu für sie wichtigen Objekten, Produkten und Artefakten soll dargestellt werden. Wie und wodurch sich die ästhetisch-kulturelle Erfindungskraft ausdrückt und an welche sozialen Orte sie gebunden ist, soll zunächst untersucht werden. Des weiteren werden das Lebensgefühl der Jugendlichen und ihre persönlichen Zukunftserwartungen ausgeführt.

Ästhetische Praxis

Die Kleidung und die Frisur können als sichtbarste, persönlichste und unmittelbar verständlichste Elemente eines bestimmten kulturellen Stils gewertet werden.1 Dementsprechend legen die Jugendlichen sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Sie versuchen, sich möglichst ausgefallen zu kleiden, um sich von anderen abzuheben. Die Originalität wird durch Umgestaltung bzw. neue Zusammenstellung der Kleidungsstücke (z. B. schwarze Kleidung, Nietengurt, Schnürstiefel, Halsband mit Nieten —— Jackett mit Kavalierstuch) und durch eine wirkungsvolle Frisur der Haare (z. B. Schwarzfärben der Haare, lange Strähne bis zum Kinn, abstehende Haare) erreicht. Die Verwendung von Accessoires wie Nietenarmbänder, Schnallen, Buttons und Halstüchern ist bei den Jugendlichen sehr beliebt, da sie die Möglichkeit, originell zu wirken, vergrößern.

"Kreativität am eigenen Körper" ['Einblicke', S. 116]

„Kreativität am eigenen Körper“ [‚Einblicke‘, S. 116]

Diese Kreativität am eigenen Körper dient zur Bestätigung der eigenen Persönlichkeit und als Ausdruck von Individualität. Sie erfährt insofern eine oppositionelle Bedeutung, da alle Jugendlichen durch ihr Äußeres in der Öffentlichkeit und in ihrer Umgebung auffallen bzw. sich von der "Allgemeinheit" abgrenzen wollen. Dieses Ziel wird erreicht, indem die umgestalteten Gegenstände eine ihrem Milieu fremde Symbolik erhalten (z.B. mit Zebrastreifen bemalte Schuhe). Die ausgefallenen Frisuren und die — insbesonders von der Punkszene übernommene — Kleidung bedeuten eine Provokation der bürgerlichen Gesellschaft. Den Jugendlichen ermöglicht ihre Aufmachung eine symbolische Distanzierung von den bürgerlichen Normen und damit verbunden auch von den Normen der Welt der Erwachsenen. Die Kleidung muß somit in Verbindung mit einem bestimmten Lebensgefühl gesehen werden, das sich als "unbürgerlich", "antispießerhaft" bezeichnen läßt. Bestimmte Objekte, wie z.B. die Kleidungsstücke, stehen in einem größeren symbolischen Zusammenhang, der sich als kultureller Stil äußert. Der Protestgehalt darf jedoch nicht überbewertet werden, da Sinn und Zweck des Auffallens und Provozierens auch in der Steigerung des Selbstwertgefühls liegen.

In einem Gespräch mit einem Jugendlichen, der zu seinem Verhältnis zur Kleidung befragt wurde, kommt dieses klar zum Ausdruck.

Hans-Dieter: "Am liebsten bin ich so angezogen, wie andere nicht rumlaufen und wie ich überzeugt bin, daß ich ganz toll aussehe."

Frage: "Und wieso willst du nicht wie andere rumlaufen?"

Hans-Dieter: "Das wäre ja schrecklich."

Frage: "Willst du dich dadurch gegen Normen wehren?"

Hans-Dieter: "Ja, das sowieso, aber das ist schon alt und ‚abgetrappt‘. Heute geht man in die anderen Sachen rein, z. B. schwarz, das ist die Farbe, das trägt im Hochsommer keiner, da tragen die Leute alle helle und bunte Farben — damit wehrt man sich gegen diesen ganzen Schwung. Früher z. B. sind wir bei Bingo2 einkaufen gegangen, weil die ganz jecke Sachen hatten. Der Nachteil — heute macht das jeder. Also muß man wieder zu neuen Sachen greifen. Früher z. B. genügte es, zum American Stock3 zu gehen: so eine kurze, schwarze Hüftjacke, Bundeswehrhose, wow, der Mann war gemacht. Heute läuft jeder damit rum. Deswegen muß man sich eben selber was ausdenken oder neue Sachen zusammenstellen."

"Kreativität am eigenen Körper" ['Einblicke', S. 117]

„Kreativität am eigenen Körper“ [‚Einblicke‘, S. 117]

Hier wird deutlich, daß der Protest als Versuch zu werten ist, angesichts unserer Massengesellschaft und der immer stärkeren Kommerzialisierung von Jugendkulturen eine Möglichkeit zu suchen, sich als Persönlichkeit zu entwickeln. Die hohe Bewertung von Individualität, die allgemein als besonders typisch für Mittelschichtsjugendliche gilt,4 und die Betonung der autonomen Persönlichkeitsentwicklung hängen eng mit dem bürgerlichen Emanzipationsbegriff zusammen. Bürgerliche Subjektivität kann am radikalsten in der Kunst artikuliert werden, da sich dort die Einzigartigkeit und die Individualität am ausgeprägtesten bestätigen lassen.5 Es handelt sich jedoch bei den ästhetischen Tätigkeiten der Jugendlichen nicht um reine Kunstprodukte‚ sondern auch um Strukturen eines Lebensstils.

Neben der Mode ist auch die Musik ein Element des Lebensstils der Jugendlichen. Obwohl der Musik von den einzelnen Gruppenmitgliedern eine unterschiedliche Bedeutung beigemessen wird — was sich z.B. in der Häufigkeit des Musikgebrauchs ausdrückt — spielt sie bei den meisten eine wichtige Rolle. Dies verdeutlicht die Aussage von Patrick: "Musik ist ein Teil meines Lebens." Bei einigen geht das Interesse so weit, daß sie bei jeder möglichen Gelegenheit Musik hören.

Ebenso wie die Kleidung ist auch der Musikgebrauch weitgehend stilabhängig und unterliegt dem Anspruch auf Individualität und Originalität. Obwohl es Musik gibt, die allen Gruppenmitgliedern gefällt, sind sie bemüht, einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Als allgemeinen Schwerpunkt kann zwar die "New-Wave"-Musik genannt werden, darüber hinaus werden jedoch noch verschiedene andere Musikrichtungen gehört, wie z.B. Punk, Hardcore, Rock, etc. Gemeinsamkeit aller ist jedoch, daß die Musik unkonventionell (d.h. nicht total vermarktet) sein muß. Bevorzugt werden Gruppen, die als sogenannter "Insider-Tip" gelten; Gruppen mit Massenzuhörerschaft und Erfolg in den gängigen Hitparaden werden abgelehnt, da sie in diesem Moment nicht mehr einen individuellen Stil verkörpern können.

Der stilgebundene Musikkonsum ist fester Bestandteil der ästhetischen Praxis der Jugendlichen und trägt zu ihrer Identitätsfindung bei. Der Musikgebrauch schließt somit neben dem Musikhören und Tanzen auch die Kleidung und ihr Lebensgefühl mit ein. Besonders deutlich wird dies bei einem Jugendlichen, der sich selber als "Mod" bezeichnet.

Frage: "Beschreibe mal die Kennzeichen eines typischen ‚Mods‘."

Jürgen: "Ja, das sind erst mal 60er Jahre-Sachen, dann der ‚Mod‘-Parker, Krawatte, kurze Haare, Who, Jam. Und jetzt mehr von der Einstellung: Das ist praktisch in-den-Tag-hinein-leben. Wenn man die Spießer von heute sieht, hat man gar keine Lust, erwachsen zu werden. ‚Mod‘ sein, kompakt gesagt, ist ein Weglaufen vor dem ‚Erwachsenwerden‘, sich vor der Verantwortung drücken, den Tag zu genießen — eben das Beste aus jedem Tag herausholen."

Die Musik ist Bestandteil eines jugendkulturellen Stils, die wie die Kleidung im ganzen Symbolzusammenhang gesehen werden muß und Ausdruck eines Lebensgefühls ist. Der von dem Jugendlichen ausgedrückte Wunsch, nicht erwachsen zu werden und das zu tun, was ihm Spaß macht, deutet darauf hin, daß die Musik als Gegengewicht zu den künstlichen Bewegungsabläufen (wie schulischer Alltag) bzw. als Kompensationsmittel das "[…] Spannungsgefälle zwischen genormten Bedürfnissen unserer Gesellschaft und den latenten Ansprüchen auf individuelle Gestaltung"6 zu überbrücken hilft.

Der immer wieder von den Jugendlichen betonte Anspruch auf Individualität bedeutet nicht nur, originell und ausgefallen zu sein, sondern darüber hinaus auch begabter und kreativer als andere.

Jörg: "Irgendwie bilden wir uns ja schon was darauf ein, daß wir noch relativ Intelligenz besitzen, etwas eigenes auf die Beine stellen können, irgendwas machen, wenn es sein muß, irgendwas Kluges uns ausdenken können."

Der Jugendliche betont die Fähigkeit, im Gegensatz zu den meisten Menschen noch kreativ sein zu können. Indem die Jugendlichen eine eigene Zeitung produzieren, übernehmen sie "[…] mit der Beteiligung an der ästhetischen Kommunikation […] zugleich die Verpflichtung, originell zu sein, sich von anderen zu unterscheidem,7 d. h. der von den Jugendlichen auch in bezug auf Kleidung und Musik vertretene Anspruch auf Kreativität und Individualität läßt sich im Kunstbereich besonders gut verwirklichen.

Die "Rotationsgruppe" hat bis zum Februar 1983 zwei Zeitungen herausgegeben, die den Titel "Domestos" und "Volksbegehren" tragen. Die Zeitungen sind in der Art eines kleinen Heftes aufgemacht. Ausdrucksmittel ist vor allein die Sprache; es werden jedoch auch Zeichnungen, Graffities, Karrikaturen und kurze Comicstrips benutzt.

Die Zeitung dient vor allem zur Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen in Form von Gedichten und kurzen Geschichten. Hauptthemen sind persönliche Gefühle, Probleme und Ansichten, zwischenmenschliche Beziehungen und das Verhältnis zur Gesellschaft. Das Bedürfnis, als Individuum verstanden und anerkannt zu werden, wird sowohl durch die Erstellung der Zeitung als auch durch deren Inhalte ausgedrückt.

Frage: "Meinst du denn, daß in der Zeitung allgemeine Probleme angeschnitten werden? Mir kommt es so vor, daß ihr vorwiegend persönliche Sachen verarbeitet?"

Jürgen: "Das ist gemischt, aber überwiegend sind es persönliche Probleme, also menschliche Beziehungen, wie man sich in der Masse fühlt."

Frage: "Habt ihr denn das Gefühl, daß die Masse euch erdrückt?"

Jürgen: "Ja, das ist es eben, um nicht von der Masse erdrückt zu werden, oder eben mitzuschwimmen‚ versucht man, sich durch Kleidung, etc. hervorzuheben, aber es ist eben nur ein Versuch."

"Verarbeitung von Alltagserfahrungen" ['Einblicke', S. 118]

„Verarbeitung von Alltagserfahrungen“ [‚Einblicke‘, S. 118]

In dem folgenden Gedicht, das aus der Zeitung "Domestos" stammt, kommt das Verhältnis der Jugendlichen zur Massengesellschaft klar zum Ausdruck.8

Hey Spießer
Hey Spießer mit der Bild Zeitung
unter dem Arm
Hey Spießer mit dem Dallas-Horizont
Hey Spießer, warum sagst Du "Verrückter"
zu mir
Hey Spießer, Du hast keine Ahnung von
Der Wirklichkeit
Hey Spießer, Du sagst was man Dir sagt
Hey Spießer, ich bin Dein Nebenprodukt
Hey Spießer, was weißt Du über mich?
Hey Spießer, Du wirst uns nie verstehen …….
Hey Spießer
JR

Das Gedicht verdeutlicht das Typische, Alltägliche unserer Gesellschaft. Die Manipulation des Menschen und der Verlust der autonomen Persönlichkeit und das eigene "sich unverstanden fühlen" werden als Anklage artikuliert.

"[…] So bedeutet die Orientierung der Kunst für manche Jugendliche Hoffnung auf Entwicklungshilfe bei der Ausbildung einer herausragenden ‚unbürgerlichen Individualität."9 Die individuelle kulturelle Opposition äußert sich wieder als "antispießerhaftes" Lebensgefühl und muß als Teil des gesamten kulturellen Stils betrachtet werden.

Soziale Orte: Familie und subkulturelle Gruppe

Im folgenden Abschnitt sollen die sozialen Orte, an die die ästhetische Praxis der Jugendlichen gebunden ist, dargestellt werden. Die Jugendlichen befinden sich in einer Phase der allmählichen Loslösung vom Elternhaus, die gekennzeichnet ist durch das Bestreben, selbständig zu werden. Der Versuch, sich gegenüber den Eltern durchzusetzen, v. a. im Hinblick auf ihr Äußeres, wird von allem im Großen und Ganzen als erfolgreich beschrieben. Fast immer ist es ein Prozeß, der sich über einen längeren Zeitraum hinzieht.

"Die Gruppe als Freiraum" ['Einblicke', S. 117]

„Die Gruppe als Freiraum“ [‚Einblicke‘, S. 117]

Frage: "Was sagen deine Eltern dazu, daß du so rumläufst? Ist denen das egal?"

Danielle: "… Vor drei Jahren fing das bei mir an mit Punk, daß ich Punk gut fand. Ich habe die Musik gehört und so, aber da durfte ich noch nicht die Klamotten tragen. Ich konnte noch nicht anziehen, was ich wollte, weil meine Eltern sagten, das kannst du doch nicht machen — die Lehrer und die anderen Leute, was sollen die denn denken. Ja, und auf jeden Fall habe ich die in drei Jahren so ziemlich auf alles Schockierende vorbereitet und so alles mögliche gemacht — ja, und jetzt habe ich sie eben so weit — mit Hilfe meiner Mutter -, daß ich auch die Klamotten anziehen kann."

Das Selbstbestimmungsrecht auf das eigene Äußere wird nach Angaben der Shell-Studie von 82% aller Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren erreicht.10 Die Durchsetzung des eigenen Stils und Geschmacks ist für die Jugendlichen von genau so großer Bedeutung wie die Dauer des abendlichen Ausgangs.

39% aller Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren, 90% aller Jugendlichen im Alter von 21—24 Jahren und 96% aller Jugendlichen im Alter von 21-24 Jahren können frei darüber bestimmen, wie lange sie abends wegbleiben.11 Es bestehen jedoch sowohl schicht- als auch geschlechtsspezifische Unterschiede.

In der Rotationsgruppe bestehen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen: Während die Mädchen durchschnittlich nur bis 10.00 oder 10.30 Uhr Ausgang haben, dürfen die Jungen so lange wegbleiben, wie sie möchten. Die Ursache hierfür ist jedoch vor allem in der bestehenden Altersdifferenz zu sehen.

Generell konstatiert die Shell-Studie ein früheres Ende der bewachten Jugendzeit.

"Die Umgangsweisen in der Familie werden egalitärer, der Abbau der Autorität rückt lebensgeschichtlich in jüngere Jahre vor."12

Das Verhältnis der einzelnen Gruppenmitgliedern zu ihren Eltern wird von den meisten trotz gelegentlicher Spannungen als gut beschrieben; dieses schließt jedoch nicht aus, daß sie sich im Grunde unverstanden fühlen.

Tanja: "Meine Eltern, die raffen nämlich gar nichts, die raffen wirklich gar nichts, was bei uns läuft."

Den Eltern wird, wie den Politikern, eine nur oberflächliche Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Problemen der Jugendlichen vorgeworfen — eine Beschäftigung, die, sich nur auf das Äußere beschränkend, nicht versucht, das dahinterstehende Stil- und Lebensgefühl zu verstehen. Der persönliche Stil als Ausdruck von Individualität erfährt in der Familie keine Bestätigung, da er vor allem durch Äußerlichkeiten und Symbole artikuliert wird, die von den Eltern größtenteils abgelehnt werden. Die Familie verliert somit ihre ursprüngliche Funktion als Ort der Bildung und Bestätigung von Individualität.13 Diese Funktion wird zunehmend von Medien und subkulturellen Gruppen übernommen.

Die Rolle der Medien ist jedoch zwiespältig: Zwar bestätigen sie die Jugendlichen einerseits darin, einen subkulturellen Stil zu leben; andererseits widerspricht die von den Jugendlichen abgelehnte Vermarktung der Subkulturen jedoch ihrem Anspruch auf Individualität. Die Rotationsgruppe erfüllt für die Jugendlichen die Funktion, ihre Individualität zu bestätigen und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die Verschiedenheit der Mitglieder wird stark betont. Dies drückt sich sowohl im Fehlen einer deutlich artikulierten kollektiven Struktur als auch durch das Fehlen eines einheitlichen Gruppenstils aus.

"Die Gegenkulturen der Mittelklasse sind diffus, weniger gruppenzentriert, individualistischer. Letztere führen typischerweise nicht zu festgefügten Subkulturen, sondern zu einem diffusen gegenkulturellen Milieu."14

Die Betonung der Individualität äußert sich auch darin, daß die von den Medien produzierten Raster, die Jugendliche in verschiedene "Schubladen" (z.B. Punks, Popper, Mods) einteilen, von allen Gruppenmitgliedern abgelehnt werden, da sie nicht "Prototyp einer bestimmten Moderichtung" (Julia) sein möchten. Ausgehend von den Stilrichtungen des New-Wave und Punk versuchen sie, ihren eigenen Stil zu finden. Obwohl ihnen bewußt ist, daß die zunehmende Kommerzialisierung der Jugendkulturen ein individuelles Aussehen erschwert, versuchen sie, sich durch Kreativität und Originalität aus der "Masse" hervorzuheben. Dabei leistet die Gruppe eine wichtige Funktion, indem sie — im Gegensatz zur Familie – ausgefallene Ideen und deren Symbolhaltigkeit versteht und bestätigt.

Des weiteren ermöglicht sie den Jugendlichen, mit Gleichaltrigen über ihre Probleme zu reden. Offenheit herrscht jedoch in der Gruppe nur zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern.

Generell kann man sagen, daß die Gruppe für die Jugendlichen einen autonomen Bereich darstellt, der es ihnen ermöglicht, sich ohne Kontrolle zu bewegen und Freundschaftsbeziehungen zu anderen Jugendlichen zu entwickeln.

Einen weiteren wesentlichen Faktor für das Selbstwertgefühl der Jugendlichen stellt die Abgrenzung zu anderen Gruppen dar.

"Der Prozeß der Entstehung einer Gruppenidentität ist ebensosehr durch ’negative‘ Reaktionen auf andere Gruppen, Ereignisse, Ideen usw. bedingt wie durch positive Reaktionen in bestimmte Richtungen. Eine der wichtigsten Funktionen eines subkulturellen Stils ist es, die Grenzen der Gruppenmitgliedschaft gegenüber anderen Gruppen zu definieren."15

Die Position der Rotationsgruppe in Bezug auf die Abgrenzung zu anderen subkulturellen Gruppen ist zwiespältig: Einerseits lehnen sie zwar eine Einteilung Jugendlicher in "Schubladen" ab und streben demzufolge auch nicht danach, sich von anderen abzugrenzen; andererseits benutzen sie jedoch selber klassifizierende Bezeichnungen zur Beschreibung und Einschätzung anderer Jugendlicher. Als ersten Anhaltspunkt dient die äußere Erscheinung, die vor allem durch Kriterien wie Originalität und Kreativität — die sie auch bei ihnen selber als Maßstab anlegen — beurteilt wird. Auffällig ist, daß Gruppen, die einen subkulturellen Stil leben, grundsätzlich akzeptiert und toleriert werden, wenn auch der Stil selbst den Jugendlichen nicht gefällt. Die Ablehnung erfolgt vor allem gegenüber Jugendlichen ohne sichtbaren subkulturellen Stil. Die Hauptgruppe, gegen die sich die Rotationsgruppe exklusiv definiert und an der sie ihr eigenes Überlegenheitsgefühl auslebt, ist die Gruppe der "Prolos". Der Begriff "Prolo" wird jedoch nicht im üblichen Sinn als Bezeichnung für Proletarier verwendet, sondern gilt als Bezeichnung für Jugendliche, deren als stil- und einfallslos empfundenes Äußere mit mangelnder Intelligenz und mit Gewalttätigkeit verbunden ist.

Waldemar: "Prolo ist ein abwertender Begriff — wenn jemand ziemlich gewalttätig ist und auch nicht ziemlich intelligent."

Die negativen Erfahrungen einzelner Jungen aus der Gruppe, die in eine Schlägerei mit "Prolos" verwickelt waren, werden von den anderen übernommen und als Bestätigung für den Vorwurf benutzt, daß "sie ständig Leute anmachen". Aus diesem Grund geht die Gruppe auch nicht in Jugendzentren, da sie befürchtet, dort in eine Schlägerei verwickelt zu werden.

Waldemar: "Wenn ich Leute vor dem Jugendzentrum stehen sehe, weiße Westernstiefel, Mittelscheitel, Puch — dann läßt die Begeisterung für so einen Laden nach. […] Die Leute haben nichts besseres zu tun, als ACDC zu hören und andren eins in die Fresse zu hauen."

Die Jugendzentren werden jedoch nicht nur wegen des Publikums, mangelnder Selbstverwaltung und Reglementierung abgelehnt, sondern auch, weil sie die Kreativitätsmöglichkeiten einengen.

Julia: "Ich finde es billig, von anderen die Freizeit gestaltet zu kriegen. […] Ich möchte eigentlich nicht so betreut werden."

Die Jugendlichen betonen ihre Fähigkeit, im Gegensatz zu den "Prolos" ihre Freizeit selbst gestalten zu können und etwas Produktives zu leisten. Die Abgrenzung

"[…] gegen bestimmte Gruppen manifestiert sich nicht primär in den symbolischen Aspekten des Stils (Kleidung, Musik usw.), sondern zeigt sich in der ganzen Skala von Aktivitäten, Kontexten und Objekten, die zusammen das StilEnsemble bilden."16

Lebenseinstellung und Alltagserfahrung

Die Lebenseinstellung der Jugendlichen ist typisch für die sogenannte "postadoleszente Phase".

"Diese Entwicklung begünstigt Tendenzen der Verweigerung des Erwachsenwerdens durch die Favorisierung von Lebensentwürfen, die jenseits von Lohnarbeit und Familie — welche ja die traditionellen Wege der Eingliederung der Jugend in die Gesellschaft darstellen – liegen."17

Dementsprechend entwickeln die Jugendlichen ein Lebensgefühl, das sich — wie in dem Gespräch mit dem "Mod" schon zum Ausdruck kam — folgendermaßen äußert:

Jürgen: "In-den-Tag-hinein-leben", Weglaufen vor dem Erwachsenwerden, "Pennertum mit Ideologie".

Hans-Dieter: "Geld, eine Karre, Welt in Ordnung und ein paar Freunde an der Hand."

"Verarbeitung von Alltagserfahrungen" ['Einblicke', S. 118]

„Verarbeitung von Alltagserfahrungen“ [‚Einblicke‘, S. 118]

Obwohl man bei den Jugendlichen nicht von einheitlichen Lebensentwürfen sprechen kann, besteht bei allen Vorstellungen eine Gemeinsamkeit in der Ablehnung des Spießertums", in der Betonung von Spontaneität und der Wichtigkeit von Freundschaften.

Die Negation der Erwachsenenwelt und der Versuch, sich möglichst intensiv auszuleben, ohne sich beispielsweise über die spätere materielle Existenzsicherung Gedanken zu machen, können jedoch nicht mit einer allgemeinen Orientierungslosigkeit oder "No Future"—Einstellung gleichgesetzt werden, weil die Jugendlichen für sich persönlich eine Zukunftsperspektive sehen. Obwohl sie die schlechte wirtschaftliche Lage und die geringe Möglichkeit, einen "guten Job" zu bekommen, erkennen, schätzen sie sich intelligent und fähig genug ein, ihr Ziel, einen sie persönlich ausfüllenden Beruf, zu erreichen. Nach Willis ist es eine typische Mittelschichtsvorstellung, daß man Kraft seiner scheinbar erwiesenen größeren Kompetenz und Tüchtigkeit zu betimmten Berufen befähigt ist.18

Die Vorstellung, daß die Arbeit zu der Persönlichkeitsentwicklung beiträgt, entspricht prinzipiell ihrem momentanen Anspruch auf Individualität und Kreativität.

Obwohl die Schule als "Erzfeind" bezeichnet wird und als "stumpfsinnig" und "verblödend" gilt, wird die Notwendigkeit und die gesellschaftliche Bedeutung eines Schulabschlusses auch im Hinblick auf die spätere Berufswahl erkannt.

Generell betonen die Jugendlichen die eigene Verantwortung für die spätere Lebensgestaltung und die persönliche Zukunft. Ihr Leben ist noch sehr stark persönlichkeitszentriert. Gesellschaftliche Probleme, wie z. B. die Möglichkeit eines Krieges, Umweltzerstörung, werden zwar als bedrohend, jedoch nicht als unmittelbar persönliche Probleme angesehen und daher verdrängt. Materieller Wohlstand wird zwar nicht als persönlicher Verdienst, jedoch als angenehm empfunden.

Julia: "Es geht uns supergut."

Jörg: "Wenn man nicht weiß, was man sich zum Geburtstag wünschen soll, zeigt das, daß man eigentlich schon alles hat."

Weder materielle noch politische Sorgen kennzeichnen die Situation der Jugendlichen. Es sind vielmehr persönlichkeitsbezogene Probleme, die gesellschaftlich begründet sind. Die Jugendlichen erfahren ihre Lage eher als "geistige" Notsituation. Das Bemühen, durch die Subkultur, eine eigene "Lebensphilosophie" und eine persönliche Identität zu finden, ist als Protest bzw. Provokation gegenüber unserer Massengesellschaft zu bewerten. In diesem Sinne erfüllt die Subkultur eine Orientierungsfunktion — allerdings als Scheinlösung.

Literatur

Clarke, John u.a.: Jugendkultur als Widerstand. Frankfurt 1981.

DJI (Hrsg): Die neue Jugenddebatte. München 1982.

Hartwig, Helmut: Jugendkultur. Ästhetische Praxis in der Pubertät. Reinbek bei Hamburg 1980.

Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.): "Jugend ’81". Opladen 1982.

Schierholz, Henning: Rockmusik und Lebensperspektiven Jugendlicher.

Willis, Paul: Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule. Frankfurt am Main 1979.

Zoff (Hrsg.): The Domestos. Flugblätter unter Nr.: BIM 7469211.


  1. Vgl. Willis 1979, S. 34.

  2. Aachener Boutique.

  3. Boutique, die amerikanische Kleidung führt.

  4. Vgl. Hartwig 1980, S. 175.

  5. Vgl. ebenda, S. 176 f.

  6. Schierholz, S. 124 f.

  7. Hartwig 1980, S. 168.

  8. The Domestos — Flugblätter unter Nr.: BIM 7469211.

  9. Hartwig 1980, S. 177 f.

  10. Vgl. Shell-Studie 1981, S. 148.

  11. Vgl. ebenda, S. 145.

  12. Shell-Studie 1981, S. 97.

  13. Vgl. Hartwig 1980, S. 172.

  14. Clarke 1981, S. 110.

  15. Clarke 1981, S. 141.

  16. Clarke 1981, s. 142.

  17. DJI (Hrsg.) 1982, s. 132.

  18. Vgl. Willis 1979, S. 91/92.

(Auch dieses Kapitel gibt’s als Scan der originalen Buchseiten zum Herunterladen.)

24. Dezember 2013

Von John Cage via UKW und Bierfront zum „Aachen Musicircus“

Filed under: 1982, Aachen in den 80ern, Aachener Untergrund, Avantgarde in Aachen, ernste Musik, Fanzine, Fluxus, Kunst & so — Dieter Antonio Schinzel @ 7:38 pm
Aachener Inszenierung der "Europeras", 2006

Aachener Inszenierung der „Europeras“, 2006

Fund im Netz, auf den Webseiten der Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne: Ludger Engels, Regisseur am Theater Aachen, schreibt über seine Adaption von John Cages Europeras anno 2006; einer Oper, die den Musik- und Requisitenfundus diverser Opernklassiker nach dem Zufallsprinzip collagiert Dass Cage, Fluxus, Intermedia- und Performancekunst nach einem halben Jahrhundert (mit Anfängen auch in Aachen) im deutschen Stadttheater angekommen sind und dort noch für Kopfzerbrechen über die klassische Dreisparteneinteilung sorgen, finden wir übrigens nicht sonderlich interessant. Relevanter für dieses Blog ist Engels‘ kleine Verbeugung an den Aachener 80er Jahre-Untergrund einschließlich Bierfront und UKW bei einer zweiten Intermedia-Produktion, für die auch Wolfgang Müller angeheuert wurde.

(Die vom Musikwissenschaftler Volker Straebel für Aachen bearbeitete Cage-Partitur kann man übrigens hier studieren. Und hier eine Kritik der damaligen Aufführung lesen.)


Die heilige Dreispartigkeit

Der Aachener Chefregisseur Ludger Engels über sein Ganzheitsverständnis des Mehrspartentheaters

„Much of the best work being produced today seems to fall between media. This is no accident.“

Mit diesen Sätzen eröffnet 1965 Dick Higgins seinen berühmten Aufsatz „Intermedia“. Ich bin verwundert, dass wir fast 50 Jahre später immer noch die gleichen Diskussionen darüber führen, was zwischen den Sparten stattfinden darf und was nicht. Eigentlich sollten wir uns inzwischen doch selbstverständlich auch zwischen den Sparten bewegen können. Es ist aber immer noch so, das zu viele Theater ihre Energie darauf verwenden, Spartengrenzen zu verteidigen. Dabei ist das sogenannte spartenübergreifende Arbeiten an einem Stadttheater mit Musiktheater und Schauspiel keineswegs ein „Unfall“. Das durfte ich in den vergangenen sechs Jahren als Regisseur und Mitglied der Theaterleitung in Aachen erleben und mitgestalten.

Ein Beispiel aus der ersten Spielzeit 2005/2006, in der die Musiker des Orchesters über die Foyers und den Zuschauerraum bis in den Ballettsaal und die Künstlerduschen auf 48 Positionen im ganzen Theater verteilt waren: Sie spielten einzelne, oft nicht zuzuordnende Takte aus dem gesamten Opernrepertoire der Spielzeit und ließen eine bisweilen chaotisch anmutende Klangfläche entstehen. Dazwischen Sängerinnen und Sänger mit Arien, Techniker transportierten Bühnenelemente von einer Position zur nächsten, und Requisiteure legten neben dem Liszt spielenden Pianisten auf Grammophonen Schelllackplatten mit Opernaufnahmen auf. Alles und alle reagierte auf die Uhr, nach der die von Volker Straebel für Aachen eingerichtete Partitur nach Cage‘schem Prinzip ablief. Neben den Musikern und Sängern hatte jedes Kostümteil, jedes Bühnenelement und jede Lichtstimmung seine eigene Stimme für Einsätze und Positionen in der Partitur.

Das war die Aufführung von „Aachen Musicircus“ nach John Cages „Europeras 1-4“. Die Musiker verließen während der laufenden Vorstellung den Orchestergraben durch den Zuschauerraum, um ihre Positionen im gesamten Haus einzunehmen und dort weiterzuspielen. Das gleiche passierte auf der Bühne: Sänger und Techniker mit Bühnenbildelementen verließen nach und nach durch den Zuschauerraum den Theatersaal, so dass nach 40 Minuten der Graben und die Bühne bis auf eine Violinistin und eine Sopranistin leer waren und alle Saaltüren offen standen. Das Publikum konnte von nun an seinen Weg durch die entstandene Klanginstallation selbst bestimmen. Jeder Einzelne konnte für sich entscheiden, was er hören und was er sehen wollten. Der entscheidende Unterschied zum klassischen Opernabend war, dass es nicht um Interpretation ging, sondern um das Ermöglichen von Interpretation. Die Zuschauer waren es, die den Abend zu einem Ganzen formten, das Theater stellte dafür „nur“ die Bestandteile bereit. Jeder Abend verlief anders und sah anders aus.

Vernetzung in und um das Theater

Bei der Vorbereitung auf die Arbeit als Chefregisseur am Theater Aachen haben mich viele Überlegungen begleitet. Zwei Fragen traten aber immer wieder auf: Ist die Struktur des Mehrspartentheaters noch aktuell? Und wo sind die Schnittstellen und Berührungspunkte zwischen den Sparten und zu anderen Künsten? Hinzu kam die Frage nach der Vernetzung. Wie weit kann sich ein Theater in einer Stadt mit anderen Kultureinrichtungen vernetzen, und wie können gemeinsame Projekte entwickelt und aufgeführt oder ausgestellt werden? Für den Start in Aachen entschieden Michael Schmitz-Aufterbeck (Intendant), Ann-Marie Arioli (Chefdramaturgin) und ich uns gegen eine Spartenleitung in Oper und Schauspiel und – mit Marcus Bosch (Generalmusikdirektor) – für eine gemeinsame künstlerische Leitung. Diese Struktur hat Kompetenzstreitigkeiten nicht verhindert, aus meiner Sicht aber bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeitern des Hauses befördert, Theater als Zusammenwirken vieler Elemente und damit als Ganzes zu verstehen.

Mit seinen „Europeras“ zerlegt John Cage die Oper in ihre einzelnen Bestandteile und macht jedes einzelne von ihnen sichtbar und hörbar. Er verweist auf bestehende Regeln, indem er sie aber bewusst ignoriert, stellt er grundsätzliche Fragen an die Oper: Was ist Oper? Was bedeutet sie für uns heute noch? Ich habe dies zum Anlass genommen, die Frage weiter zu formulieren: Wie dehnbar ist der Begriff Oper/Musiktheater? Wo sind Berührungspunkte und Grenzüberschneidungen zu anderen Sparten? Genau an dem Punkt traten die Schwierigkeiten in der täglichen Arbeit auf. In der ersten Probe von „Europeras“ mit Orchester standen sofort einige Musiker und Musikerinnen auf, um mit großer Heftigkeit zu monieren, das Projekt sei doch Unsinn. Andere Musiker schlossen sich an. Nach einem langen Vortrag über John Cage, dem Apell an die Vielseitigkeit des Orchesters und die Möglichkeit, mit solchen Projekten neue Zuschauer anzusprechen, konnte die Probe starten. Jedem einzelnen Musiker wurde Cage und das Zufallsprinzip, seine Orchesterstimme und seine Wege zu den jeweiligen Positionen durch das Haus erklärt. Es entstand die neue und ungewohnte Situation, dass es keinen Dirigenten gab, sondern eine Uhr. In mehreren Gesprächen mit dem Orchestervorstand und mit GMD, Kapellmeistern und Repetitoren wurde dies erklärt und besprochen. Was wir nicht bedacht haben, war die Tatsache, dass für die Musiker in dem Moment, in dem sie aus ihrem gewohnten Graben herausgehen und einzeln mitten unter dem Publikum spielen, die Anonymität des Grabens und damit die ihres Kollektivs aufgehoben wurde. Nicht nur die Musiker, auch die Sänger, die ihre Arien „nur singen“ und nicht emotional darstellen durften, und die Techniker, die nach Partitur das streng formale Auf- und Abbauen von Bühnenelementen proben mussten, wurden zu „Performern“. Ich musste meine Rolle als Regisseur neu überdenken, denn es ging nicht um Interpretation, sondern um die Koordination von Ereignissen, die nicht inszeniert wirken sollten.

Herausforderung Grenzüberschreitung

Für mich war diese Arbeit eine Initialzündung. Zuschauer und Künstler trafen sich auf Augenhöhe, alle waren Gestalter des Abends. Das war die Demokratisierung des Publikums und der Sparten. Der Mensch stand im Zentrum. Es war aber auch klar, dass in dieser Form der Arbeit Zündstoff liegt. Lässt das Theater die gewohnte Zuordnung in Sparten hinter sich und begibt es sich in neue Zusammenhänge, funktionieren die erlernten und lang praktizierten Rollen, Muster, Formen und die damit gewonnenen Erfahrungen nicht mehr. Für einen Teil des Hauses ergaben sich neue Erfahrungen, andere dagegen lehnten das Experiment völlig ab. Dennoch stellte sich allmählich eine neue Selbstverständlichkeit bei vielen Ensemblemitgliedern und Mitarbeiter des Hauses ein, das Theater als Ganzes zu verstehen. Die Besucherzahlen und die Tatsache, neben unseren Abonnenten ein neues Publikum im Haus zu haben sowie die Reaktionen der Presse machten Mut, diese Arbeit weiterzuentwickeln.

Der Cage-Abend war aus einer Theatersparte heraus gedacht und hat über den Installationsgedanken die Oper geöffnet. Diesen Gedanken haben wir 2008 in dem von Volker Straebel und mir entwickelten Abend „Terror. Revolte. Glück.“ weiter verfolgt. Grundlage waren Camus` Texte „Der glückliche Tod“, „Der Mensch in der Revolte“, Tagebücher und dokumentarisches Material. „Die Idee der Installation lässt sich historisch zurückführen erstens auf einen erweiterten Begriff von Skulptur, in dem diese raumgreifend und begehbar wurde, und zweitens auf jene gestalteten Räume (‚environments‘), in denen die Vertreter des Happenings in den 1950er und 60er Jahren ihre Performances ansiedelten. Der erste Ansatz bestimmt inzwischen die Kunstwelt. Der zweite scheint fast in Vergessenheit geraten und uns schien eine Möglichkeit, ihn im Kontext von Musik und Theater zu rehabilitieren“ (V. Straebel im Programmheft).

Genau hier setzten wir mit unserem Konzept an. Der Zuschauer sollte nicht Zeuge eines Geschehens sein, sondern er sollte selber Akteur und gleichzeitig Rezipient physischer und sozialer Situationen werden. Nur so konnten unserer Ansicht nach die existentiellen Fragen nach Einsamkeit, Verantwortung und Tod von ihrer abstrakten Ebene zur unmittelbaren Erfahrung des Besuchers werden.

Wir entwickelten eine Musik-Theater-Installation für sieben Schauspieler-Innen und sieben SängerInnen, den Opernchor und das Orchester, schufen vier große Module, die jeweils eine Grunderfahrung Camus‘ beinhalteten. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Ric Schachtebeck entwarfen wir dazu Rauminstallationen, welche die Zuschauer vor (Bild aus fließendem Wasser) oder in Situationen stellte (ein großer Käfig, in den die Zuschauer unvorhersehbar geführt wurden), und platzierten diese Module an verschiedene Spielstätten im Haus. In vier Gruppen eingeteilt wurden die Zuschauer parallel durch die einzelnen Stationen geführt. Für die Wege zwischen den Stationen gewann ich den Videokünstler Aernout Mik mit einer Videoinstallation und Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris mit Videoarbeiten. Begleitende Ausstellungen der beiden Künstler fanden im Neuen Aachener Kunstverein und dem Ludwig Forum für Internationale Kunst statt.

Aus der Sicht der Theaterleitung war „Terror. Revolte. Glück.“ ein Erfolg. Es funktionierte hervorragend, den Abend in beiden Sparten dem Publikum und den Abonnenten als Premiere am 6. Dezember 2008 anzubieten. Durch die Vernetzung mit den Museen und die Anbindung an Stadtgeschichte – der legendäre Punk Club UKW und die Punkzeitung Bierfront in Aachen standen Pate für Formen der Revolte – kamen Besucher zu den Aufführungen, die wir bisher nicht im Theater gesehen hatten.

Widerstände außerhalb des Theaters

Wir mussten aber erfahren, dass sich nicht nur das Theater mit der Öffnung der Spartengrenzen schwer tut, sondern auch die Medien. Einige schickten keinen Rezensenten. Begründung: Auf der Einladung stand nicht eindeutig Oper, Schauspiel oder Tanz – und für diese „Zwischendinger“ hätten sie keine Mitarbeiter. Kunstzeitungen lehnten es ab, Veranstaltungshinweise in ihren Kalender aufzunehmen. Hier die Begründung: Das sei ja Theater.

Als Regisseur war ich wieder einmal überrascht, wie in der Probenarbeit jeder an seiner Sparte festhält. Schauspieler tun sich schwer, Texte auf Zeichen des Dirigenten zu sprechen, Sänger gleichzeitig zum Text des Schauspielers zu singen, Musiker verteilt im Zuschauerraum zu spielen, und Dirigenten, den Zeiger einer Uhr gestisch nachzubilden, auch wenn die Partitur dies fordert. Ich verstehe, dass viele Künstler nicht die Erfahrung machen konnten, mit und in anderen Künsten zu arbeiten. Mir fällt es aber immer schwerer zu akzeptieren, dass es Künstler und besonders Theatermacher an einem Mehrspartenhaus ablehnen, diese Herausforderung anzunehmen.

Gründe dafür sehe ich unter anderem in der Ausbildung. Die Hochschulen arbeiten nach wie vor auf der Basis der klassischen Trennung von Sparten. Als Hochschullehrer führe ich mit Studenten immer wieder Diskussionen über Notwendigkeiten wie: Warum einen Text zu einem Lied lesen? Oder darf man zwei verschiedene Texte oder Musikstücke aneinander hängen? Die erste Frage ist immer: Gibt es einen Grund, eröffnet es eine neue Sicht? Bei den Studenten gibt es häufig einen Aha-Effekt, sobald sie aus solchen Experimenten neue Erfahrungen über eine Musik oder einen Text mitnehmen können. Erschreckend dagegen ist die Ignoranz von Lehrenden gegenüber anderen künstlerischen Ausdrucksformen als denen des eigenen Fachs. Einen interessanten Ansatz verfolgt die Toneelacademie in Maastricht, die gerade den Masterstudiengang „interdisciplinary arts“ („i-arts“) eingerichtet hat. Und daneben richtet sich der Studiengang „theatrical performer“ an Studenten, die sich nicht in dem klassischen Format des Regie- oder Schauspielfachs sehen. Meiner Ansicht nach müssten die Hochschulen die Studiengänge durchlässiger gestalten und den Zeitgeist, das Lebensgefühl einer Generation widerspiegeln, die nicht mit den Klassikern groß geworden ist. Der veränderte Zugang zu Musik, Sprache und Bewegung und die damit veränderten Ausdrucksformen müssten in das Studium der klassischen Fächer stärker einbezogen werden. Das ist bisher die Ausnahme. Eine enge Zusammenarbeit von Kunst, Musik- und Schauspielakademien und Hochschulen sollte angestrebt werden.

Ich versuche, bekannte Stücke, Themen, Texte und Musik thematisch in neue Zusammenhänge zu stellen. Die Mittel sind unter anderem die Gegenüberstellung und Verschmelzung oder die Kontrastierung von Sprache und Musik, Bewegung und bildender Kunst. So versuche ich, die Aufmerksamkeit auf den Kern eines Themas oder Werkes zu lenken, und Bekanntes in einen neuen Rahmen zu stellen. In den Arbeiten mit anderen Künstlern habe ich erfahren, dass es dabei nie um einen Verlust von Profession oder Eigenständigkeit des Künstlers geht, sondern immer um einen Zugewinn und eine Chance für neue Erkenntnis.

Das Projekthafte und Spartenübergreifende ist längt nicht mehr das Primat der freien Szene. In vielen Städten gehört es zum Alltag des Theaters, dass Laien in Clubs Theater machen und Stadtteilprojekte mit Jugendlichen stattfinden. In Aachen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass gemeinsame Premieren in Oper und Schauspiel auf dem Spielplan stehen. Demnächst hat nach „Fairy Queen“ und „Der eingebildete Kranke“ das Barockprojekt „King Arthur“ für Schauspieler und Sänger Premiere. In den vergangenen Jahren haben regelmäßig Künstler wie Gintersdorfer/Klaßen und Hans-Werner Kroesinger hier gearbeitet. Sänger, Schauspieler und Orchestermusiker treffen sich zu Impro-Abenden und entwickeln 24-Stunden-Performances. In Kooperation mit der Toneelacademie in Maastricht, dem niederländischen Festival Cultura Nova, der freien Bühne Theater K und Theater Aachen ist eine kleine Plattform entstanden, auf der sich jeweils zu Spielzeitbeginn in einer langen Nacht „performing arts“ mit „performance art“ verbindet.

Theater für eine vernetzte Welt

Das ist so, weil wir Theatermacher neben der Pflege des Repertoires Verantwortung als Impulsgeber für neue Formen des Theaters übernehmen müssen. Die Ressourcen sind da, und den Raum und die Mittel sollten wir zur Verfügung stellen. Notwendig auch deshalb, weil ich im Theater die Möglichkeit sehe, die Positionierung des Einzelnen innerhalb und gegenüber einer total vernetzten und völlig globalisierten Welt zu thematisieren. Deshalb kann sich ein Theater der Zukunft nicht mehr in den engen Grenzen überkommener Spartenbegriffe bewegen. Es soll und muss alle Formen der darstellenden und bildenden Kunst sowie der Musik in sich aufsaugen, sie aufeinanderprallen lassen und in Beziehung zueinander setzen. Der Standort des Theaters ist der Punkt, an dem globale wie lokale Einflüsse aufeinander treffen, es ist ein Ort für Austausch, Diskussion und Entwicklung neuer Stoffe, Stücke und Ästhetiken. Also sollte das Theater Visionen und Utopien, Modelle und Strategien für ein Leben in der Zukunft aufzeigen, Gegenwärtiges und Vergangenes reflektieren. Das Theater als soziale Skulptur im Zentrum der Stadt.

24. Februar 2013

Frank Papst Buchholz

…auch bekannt als Papst Piss, Papst Pest und Frank Castro: von Urin über 10-Neger– und Au Hur-Tapes und Bierfront bis zu Punkrock-Karaoke und aktionskünstlerischem DJing ist er der wohl älteste noch aktive Protagonist der Aachener 80er-Untergrundkultur, neben Theo „Trickbeat“ Rick. In diesem Interview fürs Aachener Hochschulradio gibt er eine praktische Schnellübersicht seiner früheren und heutigen Aktivitäten:

(Da in dem Interview auch das künstlerische Elternhaus angesprochen wird: Vater Franz Buchholz, von dem unter anderem die Klangskulptur vor der Aachener Barockfabrik stammt, war laut diesem Lokalzeitungsartikel Miterfinder der Kunstkopf-Stereophonie an der RWTH Aachen. Dem widerspricht allerdings Wikipedia mit der Auskunft, dass der erste Kunstkopf schon 1933 gebaut wurde.)

20. Februar 2013

Aachener Untergrund Kultur = Subkultur Westberlin

Filed under: Aachen in den 80ern, Aachen-international, Aachener Untergrund, Aktionskunst, Fanzine, Kunst & so, Trickbeat — Dieter Antonio Schinzel @ 9:28 pm

Seit Anfang dieses Jahres sorgt Wolfgang Müllers 579seitiges Erinnerungsbuch Subkultur Westberlin 1979-1989 für Rauschen im Blätterwald. (Wer Müller nicht kennt, obwohl er oder sie diesen Blog liest: genialer Tödliche Doris-Dilletant, seit den 90ern in Dieter Roths Island-Fußstapfen wandelnd). Auf den Seiten 109 sowie 388-392 wird das gemeinsame Gastspiel der Tödlichen Doris mit den Aachener 80er Jahre-Untergrundkulturexporten Bierfront und Trickbeat auf der Documenta 1987 in Kassel gefeiert. Wir zitieren S. 389:

Eine Sponsoring-Zusage [für den documenta-Auftritt der Tödlichen Doris, Anm.] gibt es lediglich vom Aachener Punk-Fanzine Bierfront und vom Westberliner Lokal Kumpelnest 3000. […] Im documenta-8-Katalog finden sie sich nun gleichberechtigt zwischen den Namen internationaler Großkonzerne, riesiger Unternehmen und Banken: „Bierfront und Kumpelnest 3000“. Das Aachener Punk-Fanzine stiftet achtzig Dosen Bier, während das Ex-Bordell Kumpelnest 3000 einen Betriebsausflug für seine Angestellten nach Kassel finanziert. 

S. 393:

In der Diskothek New York entsteht während der zehn Tage dauernden Performancereihe die documenta-8-Bierfront. Statt der Punkcharts ist sie mit einer Kunsthitliste versehen. Sie enthält die zehn besten Kunstwerke der documenta 8. Punk und Kunst begegnen sich erstmals – auf Augenhöhe. Die auf hundert Exemplare limitierte Sonderausgabe des Punk-Fanzines ist heute ein begehrtes Sammlerstück, sowohl in Punk- als auch in Kunstkreisen.

S. 109:

Ein gecharterter Reisebus, gefüllt mit documenta-8-Besuchern, die um Punkt 21 Uhr in der Diskothek New York abgeholten worden sind, fährt um die Unsehenswürdigkeiten von Kassel herum. Der vom Fanzine bestellte Reiseleiter ist Theo Rick von der Aachener Band Trickbeat. Seine Infos über die Unattraktionen der Stadt gibt er durch ein übersteuertes Megafon bekannt. Plötzlich stoppt der Bus. Rüde werden die Passagiere aufgefordert, sich jeweils eine Bierdose von der Pyramide zu nehmen und zu öffnen. Zwei der hundert äußerlich identischen Dosen enthalten jedoch Fanta statt Bier. Wer diese erwischt, dem überreicht Theo Rick eine Schallplatte mit Musik.

S. 106:

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10. Februar 2012

Noch mehr historische Reinfall Tapes-Rezensionen

Matthias Lang, Macher des Fanzines Irre, blieb auch Ende des Jahres 1982 seiner Liebe zu Aachener Reinfall-Tapes treu – siehe unsere beiden früheren Beiträge – und rezensierte drei weitere von ihnen in der Dezember-Nummer von Scritti, jener kurzlebigen Frühachtziger-Spex-Alternative, an der u.a. der spätere Musikindustrieboss Tim Renner sowie Krawall-Anwalt Joachim Steinhöfel mitwirkten. Die Kollegen von Tape Attack haben gerade einen Scan des Hefts online gestellt. Zitate von Seite 19 und 20 (mit originalbelassener Rechtschreibung):

NERO’S TANZENDE ELEKTROPÄPSTE
Portrait einer Legende
C-30
Hier mal wieder ein echt gutes Synthi-Tape. Die Songs sind alle sehr sehr interessant aufgenommen, teilweise mit Gesang. An manchen Stellen taucht eine rhythmische Funkgitarre auf, die den Sound jedoch nicht wesentlich verändert. Wie ihr aus meinen Besprechungen vielleicht schon bemerkt habt, stehe ich auf weißen Funk. Hier allerdings nur angedeutet, die Hauptmerkmale setzt der Synthesizer.

T E Musik / II
C-30
Das zweite Tape von T.E. Hier möchte ich auch gleich auf sein anderes Werk hinweisen, daß einige absolute Knüller enthält. Jedoch enttäuscht mich dieses Werk hier ein wenig. Zu wenig neues gibts zu hören, doch das alte wird in guter Manier serviert. Die einzelen Stücke sind sehr konservativ gespielt, mit einem guten Punkeffekt versehen. Anspieltips gibt’s keine, hört euch diese Cassette mal an.

Sprudelnde Vielfalt
Sampler 2 C-60
Der zweite Sampler vom Reinfall Label. Mit dabei natürlich alle bekannten Reinfall Gruppen und Solisten: Kronprinzen /  Zeitzeichen / Reinfall Duo / Seltsame Zustände / Rückstand / Perlen vor die Säue /Abnorm / T.E. Musik / Neros tanzende Elektropäpste. Die Musikrichtung ist so, wie es auf einem Sampler sein soll. Abwechselnd, einfallsreich und gekonntes mit amateurhaftem vermischt. Hervorheben möchte ich die Beiträge von Rückstand (siehe dazu letzte SCRITTI, Rückstandtape) und T.E. Musik, dessen erster Song „Disziplin“  stimmlich sehr an BAP erinnert. Kommt wohl daher, daß T.E. Kölner ist. Dann noch sein zweiter Beitrag: „Körper“… und sie kommen in weißen Anzügen und tragen deinen Körper weg…“. Ein guter Überblick über das Reinfall-Label, die schon mehrere gute Tapes veröffentlicht haben.

Elektropapst ENK klebte die Rezension von „Portrait einer Legende“ in seinen Fanzine-Artikel über Neros tanzende Elektropäpste, der ’83 in der siebten Nummer von Irre erschien, womit sich der Kreis schloss. Und schrieb einen Leserbrief in Spex, der mit dem Satz endete: „Die Scritti schlägt Euch um Längen“. (Falls jemand den noch hat, bitte scannen und uns schicken.)

7. Dezember 2011

Rückstand, TE Musik, Abnorm und Perlen vor die Säue in „Irre“ 5/82

Cover Irre 5

Die Kollegen von Tape Attack haben gerade einen Scan der fünften Nummer von „Irre“ veröffentlicht, zu seiner Zeit (’82) eines der wichtigsten Fanzines aus und über die deutsche Cassettenlabel-Subkultur. „Irre“-Macher Matthias Lang (hier und hier neuere Interviews mit ihm) war zwar kein Aachener, sondern wohnte in Ramstein, widmete sich hier aber ausführlich dem Aachener Musikwesen aus dem Umfeld der Reinfall-Tapes. Anlass dafür war wohl ein Auftritt der Reinfall-Supergruppe Rückstand im Saarland. Hier der Konzertbericht im launigen, „Sounds“-geschulten typischen 80er-Jahre-Stil:

Rückstand live

Als ich hörte, daß Rückstand in unserer Gegend (im tiefsten Saarland) spielen würde, war mir klar, daß ich das hinmußte. Wo doch 1. die Gruppe tolle Musik macht und 2. der ENK vom Goldextra den Bass spielt. Klare Sache, daß auch die saarländische Fanzineszene gut vertreten war durch Walter (Mitty) und Martin (Uder). Ebenso war Mr. Kurt Scheiber aus Windsheim da, der mich vor dem Konzert liebenswürdig drum bat (!!!), ja auch zu kommen (Hiermit grüße ich alle). Publikumsmäßig (so fängt jede LiveKritik an) waren folgende Sparten da: Punks, die laufend um Geld bettelten, Hippies, der schlimmsten Sorte, rocker, die etwas spät kamen, normalsterbliche (ich) und einige undefinierbare. Das Konzert begann so um 10 Uhr + endete 1 Stunde später. Rückstand spielte sehr gut, sehr funkig/tanzbar und insgesamt 12 Songs, darunter INDUSTRIESTADT/EINE KUGEL/KEINLANDINSICHT….! Der Sound war etwas übersteuert, aber ich habe schon schlechteres gehört. Vor und nachdem Konzert unterhielt ich mich ein wenig mit Kolleggen, man tausche Tapes. Mehr gäbs nicht zu sagen, ach ja, von Rückstand gibts saubillige Tapes in sehr guter Qualität, Adresse irgendwo weiter hinten….

An diesem Abend gingen wohl ein paar Reinfall-Tapes aus dem Reisegepäck von Rückstand-Schlagzeuger und Labelboss Silvio Franolic in den Besitz von Matthias Lang über. (Umgekehrt tauchten damals im Sortiment von „Mono“, wo Silvio noch als Paul Steinbuschs Kompagnon arbeitete, saarländische Tapes u.a. von Andi Arroganti auf.) Denn auf den hinteren Seiten des Hefts lesen wir folgende Besprechungen:

TE Musik/ Licht und Luft gibt Saft und Kraft
Reinfall Tapes

Zunext einmal die Mitteilung, daß es ein sehr gutes Tape ist, aufgenommen 79-82 in Köln und M-gladbach. Stilistisch bunt gemischt, etwas instrumental, etwas funk, etwas punk, viel gesang, teilweise (überwiegend) guter Gesang, wirklich sehr gut. Der Song ‚Disziplin‘ erinnert ein wenig an BAP, wie gesagt, ein wenig. Der letzte Song auf Seite 1 ist dann sehr traurig gehalten: ‚Körper‘. Männer in weissen Anzügen kommen und tragen Dich weg….. Das Tape ist nicht nur sehr gut (Prädikat Label: Wertvoll) sondern mit DM 4.– für jeden erschwinglich.

Eine Seite weiter:

Abnorm / Leise flehen meine Lieder c-30 ReinfallTapes, 5120 Herzogenrath, Bodelschwinghstr. 6

Dieses Tape wird von Peter Horton eröffnet mit einem seiner tollen TV Ansagen (letztes Mal traf ich einen Freund, er setzte sich ans Klavier, ich sang…), dann gehts allerdings ziemlich geordnet chaotisch weiter, das erste Stück auf Seite B super funkig, mit einer echt guten Funkgitarre, schnell gespielt. Gegen Schluß von Seite B dann noch ein langsameres Stück, schon leicht in Jazz Gefilden zuhause, aber alles in allem ein Klasse Tape, mit einer Qualität, wie’s besser wahrscheinlich nicht geht.

Und:

Perlen vor die Säue c-30 ReinfallTapes

Auch hierüber nicht viele Worte, ein gutes abwechslungsreiches Synthitape mit vielen guten Ideen, die Freunde [sic!] und Spaß machen. Eine Empfehlung des Hauses

31. März 2011

Dünnschiss Nr. 2

Filed under: Fanzine — karl pach @ 11:05 am

Die zweite Ausgabe der Lifestyle Postille. Umfangreicher und teurer (80 Pf) als die erste Nummer aber genauso überflüssig. Mono hatte lt. Preisschild das Blatt vertrieben, Vielleicht kann sich der gute Paul ja noch an den Urheber erinnern.

Als PDF: duenn2

4. August 2010

TAPESZENE Ausgabe 0

Filed under: Fanzine, Reinfall Tapes — karl pach @ 6:37 am
„Linde Tapes“ von Uwe Stelzmann, Bamberg brachte 1983 die Ausgabe 0 des Tapezines „TAPESZENE“ auf 2 C10 Kassetten raus. Vermutlich war die Ausgabe nur für Promozwecke bestimmt.
Was das Zine für uns interessant macht ist ein Bericht über die Aachener Kassettenszene und die örtlichen Surroundings. Sprecher ist kein Geringerer als Mr. Reinfall himself: Silvio Franolic. Untermalt wird das musikalisch von NTEP. Ein echtes Leckerli…
Seite 3: http://www.megaupload.com/?d=69IX2UHO
Seite 4: http://www.megaupload.com/?d=DNA4BPYO

Großen Dank an Tommy!

2. Juni 2010

DOM NEWS NR. 1, 1984, Fanzine

Filed under: Aachen in den 80ern, DOM, Fanzine — Allo Pach @ 10:11 pm

Neben WALD UND WAIDE gab es im Jahre 1984 noch ein weiteres labeleigenes (Konkurrenz-) Fanzine aus dem Hause DOM. Von DOM NEWS erschien aber nur eine einzige Nummer (Auflage: 5 Stück) im Sommer 1984, eine begleitende Cassette gab es leider nicht.
Interessante Einblicke gibt es hier zum allerersten Mal in die Arbeit der BCO (Bad Cover Organisation), die bis Ende 1984 nahezu sämtliche (Cassetten-) Cover für das DOM Label gestaltete.
Ebenso werden einige Künstler näher vorgestellt, deren Karrieren bis heute weitgehend obskur sind:
Es gibt ein wohl einzigartiges Interview mit G. Gonge, dem Macher der Kult-Band Mieses Gegonge, in dem dieser seine Soloaktivitäten erläutert.
Speck Nusseck ist der dritte Schwerpunkt des Heftes. Endlich erfährt der Leser, was es mit Speck und seiner ehemaligen Band „Die legendären Fettboys“ auf sich hat, bzw. warum es zur Trennung kam.
Desweiteren gibt es einige interessante Plattenkritiken, sowie nette Werbeanzeigen…

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